Interview mit Günter Struve : „Talk schwächelt nicht. Talk heißt Menschsein“

ARD-Programmchef Struve über das Erste nach „Sabine Christiansen“, große Erfolge und die Tapferkeit des Norbert Lammert.

Thomas Eckert,Joachim Huber
Günter Struve
ARD-Programmdirektor Günter Struve.Foto: ddp

Herr Struve, am 24. Juni hört „Sabine Christiansen“ auf. Sind Sie glücklich?

Sie machen mir ja gleich richtig Spaß. Für mich ist es ein Tag des Neubeginns – nicht mit Freud’ oder Leid zu beschreiben. Für die ARD fängt ein neues Kapitel an. Wir haben ab Herbst ein neues vielversprechendes Gesamtkunstwerk des politischen Talks mit Anne Will und Frank Plasberg im Programm.

Wundert es Sie, dass Sabine Christiansen so lange durchgehalten hat?

Ich bin darüber weder erstaunt noch verwundert. Sabine Christiansen hat viel erreicht. Nehmen Sie nur einmal die Tatsache, dass die ganze sogenannte deutsche Qualitätspresse auf Seite Eins berichtet hat, als bekannt wurde, dass Frau Christiansen sich verändern möchte. Das macht mehr als deutlich, welche Bedeutung ihre Sendung erreicht hat. Als Sabine Christiansen vor neun Jahren anfing, gab es jede Menge Häme. Und heute? Keine Spur mehr davon. Ich glaube im Übrigen, dass der Entschluss von Frau Christiansen, in diesem Jahr aufzuhören, nicht nur klug, sondern auch weise war.

Weise – weil das Genre Talkshow schwächelt?

Talk schwächelt nicht. Talk heißt Menschsein, und das hört nicht auf, nur weil Frau Christiansen aufhört. Politische Talks haben es zurzeit allerdings ein bisschen schwer, weil politische Themen im Augenblick nicht so angesagt sind. Aber das kann sich schlagartig ändern, wie das Beispiel Heiligendamm zeigt.

War „Sabine Christiansen“ erfolgreich?

Sie war schon deshalb erfolgreich, weil sie die mit Abstand meistgesehene politische Talkshow im deutschen Fernsehen war. Wir hatten 2007 eine halbe Million Zuschauer mehr als 1998. Sicher, es gab Aufs und Abs, aber wo gibt es die nicht? Vergessen Sie bitte eines nicht: Frau Christiansen musste sich, als sie anfing, gegen Kollegen wie Erich Böhme oder Stefan Aust durchsetzen. Beide hat Frau Christiansen ohne große Mühe vom Sender gefegt. Das wird gerne verschwiegen, weil es nicht ins ach so beliebte Hämebild passt.

Warum haben Sie dann nicht vor der Moderatorin auf den Knien gelegen und sie angefleht, weiterzumachen?

Auf Knien liege ich oft genug, das ist Teil meines Jobs. Aber in diesem Fall habe ich die Entscheidung akzeptiert. Weil ich für Frau Christiansen immer nur das Beste will.

Weinendes Herz – lachendes Auge?

Nein. Ich glaube, dass Frau Christiansen einen guten „Riecher“ hat, wenn ich das mal so sagen darf. Sie hat ein Gespür dafür, wenn es Zeit ist für etwas Neues. Mir bleibt nur, ihr viel Glück zu wünschen.

Gab es in den zehn Jahren nicht Momente, in denen Sie kurz davor standen, „Christiansen“ aus dem Programm zu nehmen?

Nein, das gab es nicht, nicht ein einziges Mal. Bei allen Schwankungen und persönlichen Krisen.

Werden wir Sabine Christiansen in der ARD wiedersehen?

Ich hoffe es. Wir haben sie jedenfalls dazu eingeladen. Konkretes muss ich Ihnen im Augenblick vorenthalten, so leid es mir auch tut.

Mit dieser Talkshow ist jetzt Schluss. Macht die ARD weiter, als wäre nichts gewesen?

Na, hören Sie mal! Frau Will hat doch einen ganz anderen Stil. Die Gespräche bei ihr werden ganz anders verlaufen als bei Frau Christiansen. Und dann ist da ja auch noch Frank Plasberg.

Wird es Anne Will leichter haben als Sabine Christiansen?

Das nehme ich an. Sehen Sie irgendwo eine ernst zu nehmende Konkurrenz? Ich nicht.

Hat die Talkshow in ihren neun Jahren auf dem ARD-Schirm irgendetwas in Fernsehen oder Politik verändert?

Als ordentlicher Professor für Kommunikationswissenschaft sage ich Ihnen: Mit Talkshows ist es wie mit Wahlkämpfen. Die meisten Menschen lassen sich nicht von ihren bestehenden Meinungen abbringen. Zeigen Sie mir den, der nach einer Talkshow seine Meinung geändert hätte.

Wie finden Sie den Vorschlag von Bundestagpräsident Norbert Lammert, Politiker sollten die nächsten zwei Jahre alle Talkshows meiden?

Ich habe gelächelt und in mich hinein gesprochen: „Tapfer, tapfer, mein lieber Herr Lammert, dann fangen Sie mal gleich selbst damit an!“

Fehlte uns etwas Wesentliches, wenn wir von heute auf morgen keine politischen Talkshows mehr hätten?

Wesentlich für den Menschen sind Nahrung und Wasser, sonst nichts. Auch ich würde natürlich mehrere Wochen ganz ohne Fernsehen auskommen. Aber ohne den Talk würde dem Fernsehen das Gespräch, der Austausch fehlen. Das dürfte wenigstens für die immerhin fünf Millionen Zuschauer gelten, die jede Woche die politischen Talkshows in ARD und ZDF verfolgen.

Wann bekommen wir mal wieder etwas Neues zu sehen? Was macht Ihre Forschungsabteilung Talkshow eigentlich den lieben langen Tag?

Wenn Sie wissen wollen, ob wir an einer Talkshow für Jugendliche oder Junggebliebene arbeiten, dann muss ich Sie enttäuschen. Ich stehe da immer noch unter dem Eindruck einer Sendung, die „Moskito“ hieß und versuchen sollte, Jüngere zu ködern. Das Dumme war nur, dass am Ende der Anteil der über 65-Jährigen unter den Zuschauern so hoch war wie bei keiner anderen Sendung.

Das war doch ein Riesenerfolg!

Das schon, aber leider nicht in der avisierten Zielgruppe.

Und die Konkurrenz? Schläft die auch?

Wenn es um politischen Talk geht, glaube ich nicht, dass wir uns Sorgen machen müssen. Ich weiß von nichts Aufregendem.

Macht ja nichts. Wird nicht sowieso viel zu viel getalkt?

Es gibt da ein Problem. In der Bundesrepublik leben, seien wir großzügig, vielleicht 800 Menschen, die etwas zu sagen haben. Und die wirklich interessanten Menschen einer Woche können Sie an einer Hand abzählen. Wenn die dann überall auftauchen, bei Frau X und Herrn Y, dann wird es kritisch.

Also, warum nicht weg mit dem ganzen Talk?

Ich sage Ihnen voraus: Auch in 15 Jahren wird es im deutschen Fernsehen immer noch Talkshows geben.

Stimmt es eigentlich, dass Sie es waren, der „Sabine Christiansen“ erfunden hat?

Das wäre sicher sehr ehrenhaft für mich. Die Wahrheit allerdings ist: Sabine Christiansen hat sich selbst erfunden. Was stimmt: Günter Struve hat mit seiner Stichstimme den Sendeplatz am Sonntagabend durchgesetzt. Das war sehr wichtig, denn um diese Zeit tummelte sich auf Sat 1 ein Erich Böhme. Und das konnte und wollte ich – auch aus professionellen Gründen – so nicht sein lassen.

Erich Böhme sagt, die politische Talkshow sei am Ende.

Herr Böhme sollte lieber seinen Ruhestand genießen. Für ihn war die Talkzeit doch schon vor neun Jahren beendet.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

„Sabine Christiansen“, 21 Uhr 45, ARD

Günter Struve ist Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens in München.


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