• Interview mit Jeff Jarvis: "Trumps Sieg ist der Beweis, dass wir Journalisten gescheitert sind"

Interview mit Jeff Jarvis : "Trumps Sieg ist der Beweis, dass wir Journalisten gescheitert sind"

Trump-Wahl, Hate Speech, Fake News: Medien, Soziale Netzwerke und Internetnutzer sollten zusammenarbeiten, meint der US-Journalist und Medienwissenschaftler Jeff Jarvis.

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Jeff Jarvis, 62, ist ein US-Blogger und Journalist. Er veröffentlichte unter anderem das Buch „Was würde Google tun“.
Jeff Jarvis, 62, ist ein US-Blogger und Journalist. Er veröffentlichte unter anderem das Buch „Was würde Google tun“.Foto: dpa

Herr Jarvis, Sie sagten, der designierte US-Präsident Donald Trump sei ein Produkt der US-Medien. Überschätzen Sie damit nicht deren Einfluss?

Möglicherweise. Aber der Sieg Trumps ist der Beweis, dass wir Journalisten gescheitert sind. Die liberalen Medien in den Vereinigten Staaten, zu denen ich mich rechne, haben den konservativen Teil Amerikas vernachlässigt.

Sie sagten, die Medien hätten den Blick für ihre Nutzer verloren. Dabei ist der Kontakt durch das Internet so eng wie nie zuvor.
Als ich nach 9/11 zu bloggen begann, zelebrierte ich die Tatsache, dass jetzt jeder mit jedem reden kann. Aber wir Journalisten sind nicht immer gut darin zuzuhören. Ich habe an der City University of New York ein neues Programm namens „Social Journalism“ gestartet. Der Ansatz ist, dass man eine Gemeinschaft beobachtet, ihr zuhört und Empathie für ihre Themen entwickelt, und erst dann Journalismus für sie macht. Bislang bestand das Geschäftsmodell darin, die Reichweite zu vergrößern. Wir sollten aber eines aufbauen, das auf Relevanz und Nutzen für Gemeinschaften beruht.

Ist Facebook durch den laxen Umgang mit Hassbotschaften und gefälschten Nachrichten mitverantwortlich für Trumps Sieg?
Facebook ist nicht die Ursache für Trumps Wahl. Es gibt größere Probleme in Amerika als Facebook. Mark Zuckerburg war anfangs wenig hilfsbereit, als er die Verantwortung von Facebook bestritt und sagte, dass 99 Prozent aller Inhalte wahr seien. Er hat sich aber schnell korrigiert und erkennt nun an, dass Facebook zumindest insoweit eine Verantwortung trägt, dass es die Qualität eines Diskurses verbessert. Ich habe gerade ein Stück mit einigen Forderungen geschrieben, was Facebook und andere Social-Media-Plattformen dafür tun können.

Was sind die wichtigsten Aspekte?
Wir brauchen eine bessere Zusammenarbeit zwischen den Plattformen, den Medien und den Nutzern. Facebook hat einen Warnmechanismus. Bevor der Nutzer etwas teilt, wird er gefragt: „Willst du das wirklich tun?“ Die New York Times hat das bereits widerlegt.

Und dieser Algorithmus ist stark genug?
Wenn die Medien Facebook die nötigen Fakten-Checks anbieten. Ich bin aber nicht der Meinung, dass Facebook solche Inhalte löschen sollte. Ich glaube nicht, dass es ein Recht auf Vergessen für Falschmeldungen gibt. Es ist gefährlich, wenn Facebook entscheidet, was wahr ist und was falsch. Facebook kann es aber den Nutzern leichter machen, das Netzwerk über mögliche Fakes zu informieren.

In Deutschland wird über Strafzahlungen diskutiert, falls die Netzwerke Hassbotschaften und gefälschte Nachrichten nicht entfernen.
Zugleich wird in Deutschland darüber diskutiert, Facebook wie ein Medium zu behandeln. Das ist ein großer Fehler. Wenn wir Medien etwas mit Bildern und Texten sehen, halten wir es für ein Medium. Aber Facebook ist eine Verbindungsmaschine. Facebook kann Menschen miteinander verbinden. Google stellt die Verbindung zu Informationen her.

Facebook enthält auch Medieninhalte.
Inhalte sind eine Idee der Gutenberg- Ära. Die Medien denken immer noch in Kategorien wie: Besuche meine Webseite, schau dir meine Fernsehsendung an, kaufe meine Publikation. Aber für junge Menschen sind Inhalte keine Ziele mehr. Es sind Versatzstücke, die in eine Unterhaltung passen.

Auf die Präsidentschaftswahl hatten die Inhalte auf Facebook dennoch Einfluss.
Wir haben noch keine verlässlichen Zahlen über den Einfluss.

Es handelt sich also eher um Meinungen?
Bislang ja. Es ist höchste Zeit, sich die Daten genauer anzusehen. Und für die sozialen Plattformen ist es wichtig, die Daten für eine Auswertung auszuhändigen. Zudem sollte Facebook einen Chefredakteur einstellen. Nicht um Inhalte zu schaffen, zu editieren oder mit Autoren zu konkurrieren, sondern um einen Sinn für soziale Verantwortung zu entwicklen. Und um Technikern Journalismus und Journalisten Technik zu erklären.

Viele sind verärgert, dass es so lange dauert, bis Hassbotschaften gelöscht werden.
Das ist ein schwieriges Problem für ein weltweit agierendes Unternehmen, weil es unterschiedliche Auffassungen über Meinungsfreiheit und Hassbotschaften in den verschiedenen Ländern gibt. Sicher muss man lokale Befindlichkeiten anerkennen. Aber wenn eine Regierung einen Löschautomatismus verlangen kann, wäre meine Sorge, dass Iran, Russland, China und andere diese Technologie ebenfalls fordern würden. Und am Ende stehen der kleinste gemeinsame Nenner von Meinungsfreiheit und der höchste Stand von Reglementierung. Die Antwort auf zu viel Bad Speech ist mehr Good Speech.

Das Interview führte Kurt Sagatz am Rande der „Hub Conference“ in Berlin.

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