• Interview mit Jill Soloway: „Wie verrückt ist das denn?“ - Die Deutschen schauen "Transparent"

Interview mit Jill Soloway : „Wie verrückt ist das denn?“ - Die Deutschen schauen "Transparent"

Die Serienerfinderin und Produzentin Jill Soloway macht mit der Transgender-Serie „Transparent“ post-patriarchales Fernsehen. Ein Interview

Von Joachim Huber
Alles bleibt schwierig. Dass ihr Vater Morton jetzt Maura Pfefferman (Jeffrey Tambor, rechts) ist, damit kommen die Kinder Ali (Gaby Hoffmann) und Josh (Jay Duplass) schon zurecht, aber müssen deswegen das eigene wie das Familienleben reibungslos funktionieren? Die dritte Staffel von „Transparent“ mit zehn Folgen wird vom 23. September an in deutscher wie in englischer Version bei Amazon Prime komplett gestreamt.
Alles bleibt schwierig. Dass ihr Vater Morton jetzt Maura Pfefferman (Jeffrey Tambor, rechts) ist, damit kommen die Kinder Ali...Foto: Jennifer Clasen

Miss Soloway, am 23. September startet bei Amazon Prime die dritte Staffel Ihrer Transgender-Serie „Transparent“. Was fokussiert die Fortsetzung?

Die bisherigen beiden Staffeln haben sich vor allem um die Frage gedreht: „Wirst du mich noch lieben, wenn ich mich so oder so verändere?“ Kann ich noch der sein, der ich war und der ich bin. Jetzt kommt ein neuer, auf jeden Fall veränderter Fokus auf den Kosmos von Familie Pfefferman zu: Sie konfrontieren sich und werden mit der Frage konfrontiert, wie es weitergehen soll, jetzt, wo sich Mort zu Maura verwandelt hat, jeder auf dem Weg der Veränderung war und ist. Nahezu jeder in der Familie hat ja was erreicht, aber was macht man damit? Wie reagiert man aufeinander?

So wird Staffel drei immer noch pfeffermanesker?

Ja, es geht tiefer und tiefer in die einzelnen Familienmitglieder hinein. Wie geht man zum Beispiel mit den Klassenprivilegien um, die die Familie hat, wenn man auf andere Transactors aus anderen Schichten trifft?

„Transparent“ handelt auch von moderner Gender-Politik. Männer kommen dabei schlecht weg. Bleibt es dabei?

Die globale Männlichkeit steckt doch in der Krise, also das, was die Rolle des Mannes angeht, was als männlich gilt. Nicht nur Josh Pfefferman für sich selbst, sondern die ganze Welt sucht doch nach inspirierenden maskulinen Figuren. Als Feministin bin ich deswegen Teil einer politischen Bewegung, die das globale Patriarchat stürzen sowie Frauen und Menschen, die nicht den überkommenen Geschlechtern entsprechen, in Positionen mit Macht bringen will. Ich möchte Geschichten erzählen, wie Weiblichkeit sich Wege sucht, um sich ausdrücken zu können.

„Transparent“ ist eine Serie und eine politische Bewegung.

Schon. Aber wir geben keine eindeutigen Antworten, wir stellen Fragen, die weit über Binarität und Queer hinausgehen. Über das Entweder-Oder von Mann und Frau, von Schwarz und Weiß hinaus. Man kann „Transparent“ nicht klar kategorisieren, weil die Serie Menschen eben einlädt, über die Binarität hinaus zu denken.

Jill Soloway startete ihre Fernsehkarriere als Autorin für die Serie "Six Feet Under", beim Film "After Noon Delight" führte sie Regie. Mittlerweile arbeitet sie auch als Produzentin.
Jill Soloway startete ihre Fernsehkarriere als Autorin für die Serie "Six Feet Under", beim Film "After Noon Delight" führte sie...Foto: promo

Jill Soloway, Regisseurin, Autorin, Schauspielerin, Produzentin macht post-patriarchales Fernsehen. Stimmt dieses Label?

Ja. Post-patriarchales Fernsehen, wow, das ist ein Begriff, den ich aus unserem Gespräch mitnehme. Jill Soloway macht post-patriarchales Fernsehen. Großartig.

So sind Sie, was Joan Baez in den 70er und 80er Jahren war? We shall overcome?

Ja, ja. Ich bin in dieser Welt groß geworden. Wir haben das Lied gesungen, wieder und wieder. Ich will mit dem Fernsehen erreichen, was Joan Baez mit ihrer Musik erreicht hat.

Sie sind unverändert zufrieden mit der Art und Weise, wie Amazon Prime das Streaming-Business betreibt?

Ich bin da eine wahre Evangelistin. Ich liebe Amazon, ich liebe Jeff Bezos. Die Streaming-Dienste haben das Fernsehen revolutioniert. Die Zuschauer müssen nicht mehr zu einer bestimmten Zeit etwas Bestimmtes in einem bestimmten Programm sehen. Dieses Fernsehen muss eine möglichst große Reich- und Spannweite haben, um in der Sekunde der Ausstrahlung zu funktionieren. Der neue Ansatz aber, dass das Publikum was auch immer wann auch immer sehen kann, gibt mir als Künstlerin ganz neue Möglichkeiten. Bei Amazon müssen die Zuschauer nicht etwas sehen, sie können etwas sehen. Und ich bin immer noch verblüfft, dass deutsche Zuschauer diese sehr spezifische Serie „Transparent“ sehen wollen: eine amerikanisch-jüdisch-queere Familiengeschichte. Wie verrückt ist das denn?

Vollkommene Freiheit bei Amazon?

Total, verrückt frei. Amazon sagt mir immer: Geh nach vorne, sei frei, hab’ Spaß.

Wie steht es um Ihr nächstes Serienprojekt „I love Dick“? Hat Amazon schon den Produktionsauftrag gegeben?

Ich bin sicher, es wird klappen.

Das Interview führte Joachim Huber.

Jill Soloway startete ihre Fernsehkarriere als Autorin für die Serie „Six Feet Under“, beim Kinofilm „After Noon Delight“ führte sie Regie. Mittlerweile arbeitet sie auch als Produzentin.

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