Interview mit Peter Kruse : "Es hat auch früher Revolutionen gegeben"

Der Netzexperte Peter Kruse über die Bedeutung von Resonanzräumen für die Netz-Mobilisierung, die Eigenart von Netzwerken und die gemeinsame Motivation von Partymachern und Aufständischen.

Glaubt an die Macht der Netzwerke: Peter Kruse.
Glaubt an die Macht der Netzwerke: Peter Kruse.Foto: Promo

Herr Kruse, kann das Internet Revolution machen?
Das Internet kann nichts bewegen, was nicht als Resonanzfeld in der Gesellschaft da ist. Um bewerten zu können, welche Bedeutung Aufschaukelungsprozesse im Netz auch für die Ereignisse außerhalb des Netzes haben, muss man sich ein bisschen klar machen, wie diese Netze strukturiert sind: Wenn die Vernetzungsdichte hoch ist, wenn die Zahl spontan aktiver Teilnehmer hoch ist und wenn es die Möglichkeit für kreisende Erregung gibt, etwa über Retweet- oder Likefunktionen, haben Sie die Grundvoraussetzung für Aufschaukelungen.
Aber wo und wann tun Systeme das? Ist das ein reines Zufallsprodukt?
Wenn man sich Hypes bei Youtube anschaut, sind das meist basale Phänomene, die mit Schadenfreude, Beschützerinstinkten oder Überraschungen spielen. Aber das, was die Aufschaukelung auslöst, sind immer Resonanzpunkte. Sie müssen immer etwas treffen, das im Bewertungssystem dessen, der das wahrnimmt, zu einer Art von Mitschwingen führt. Bei trivialen Dingen ist das hinreichend trivial: Da ist das Kind, das so lacht, dass man mitlachen muss, da sind Sex und Crime und solche Sachen. Wichtig ist aber auch hier zu sehen: Es schaukelt sich nicht irgendetwas per Zufall auf, sondern etwas, das auf einen Resonanzpunkt trifft.
Wie funktioniert das im Fall von politischer Mobilisierung?
Da treffen bestimmte Vorstöße immer auf Grundbedingungen in der Gesellschaft. In Nordafrika haben sie eine Jugend, die hinreichend frustriert war, sie haben dazu ein System, das lange Zeit versucht hat, stabil zu bleiben, unter großem Aufwand und mit Unterdrückung. Sie haben also auch hier einen Bereitschaftsraum für diese Resonanzen.
Was ist der Unterschied zu klassischen Medien?
Im Netz zählt nicht, wie in den klassischen Medien, Präsenz. Wenn sie im Fernsehen unterwegs sind, müssen sie Zeit besetzen, Präsenzzeit, dann brauchen sie nur noch Aufmerksamkeit, und dann hat das Ganze Bedeutung. In Netzwerken reicht Präsenz und Aufmerksamkeit nicht. Sie müssen beim anderen die Bereitschaft zu Aktivität auslösen. Wenn jemand einen Retweet macht, speist er eigenaktiv aus der Resonanz ins System zurück. Dann beginnt sich das System aufzuschaukeln.
Wie bekommt man die Leute aber dann auf die Straße?
Das ist die interessante Frage: Welchen Zusammenhang hat Netzmobilisierung mit Realmobilisierung? Wie wirklich ist das? Und warum bekommt das eine Wirkung und das andere nicht? Wenn sie in einem bedrohten Zustand leben, ist das alles viel unmittelbarer. Wenn sie in der DDR als einzelner auf die Straße gegangen sind, sind sie ein Risiko eingegangen. Dafür mussten sie eine bestimmte Schwelle überschreiten. Diese Schwelle ist immer auch eine Angstschwelle. Der Effekt von Masse ist: Sie gibt die Möglichkeit, die individuelle Angstschwelle zu reduzieren. So findet Aufschaukelung auch in der Realität statt. Und jetzt kommt das Spannende an der Mobilisierung im Internet: Wenn sie im Internet Massenphänomene erzeugen, reduzieren sie die Angstschwelle zur Realität. Die Wahrscheinlichkeit einer sichtbaren Demonstration steigt über die Vorbereitung in den Netzen.
Wie geht die vonstatten - auch psychologisch?
Das eine ist der Identitätsaspekt - das Gefühl, nicht alleine zu sein. Das erzeugt das Internet sehr schnell. Netzwerke haben hier die alten Vereins- und Verbandsstrukturen ersetzt. Der zweite Teil, der möglich ist, ist die Synchronisierung von Aktivitäten. Die Facebookparties der vergangenen Wochen zeigen uns das, wenn auch aller Inhalte entkleidet: Die Jugendlichen kommen einfach in den Rausch, sich schneller organisieren zu können als die Ordnungsinstanzen. So entstehen Massenveranstaltungen aus dem Nichts- etwas, was sich auch überhaupt nicht einordnen lässt: Ist das eine Demo? Oderist das einfach spontan?
Warum hat der Rausch der schnellen Organisation bei den geplanten Pro-Guttenberg-Demos im März nicht funktioniert?
Weil Guttenberg als identitätsstiftender Faktor zu gering war. Bloße Sympathie reicht vielleicht aus, einen "Like it"-Button zudrücken. Sie reicht aber nicht aus, die Aktivierungsschwelle für das Leben außerhalb des Netzes zu überschreiten.

Aber eine16-jährige Hamburgerin reicht dafür aus?
Da treffen sie auf eine immerwährende Bereitschaft der Jugend - gerade in Zeiten, wo Identitätsstiftung nicht mehr so einfach ist wie früher. Früher hat man das über Haarlänge geschafft, heute entdeckt die Jugend die Möglichkeit, sich mal wieder als Masse zu empfinden. Das braucht keinen Wertekern, das ist ein Wert in sich. Jugend spürt, dass es um ein Neuaushandeln von Macht geht in dieser Gesellschaft.  Bevor sich das in qualitativen Sachen äußert, äußert es sich bei uns erstmal in so alltagsnahen Witzigkeiten.
Ein Guttenberg wäre da nur störend?
Haben Sie jemals ein System gesehen, das nicht anfängt, bei Sex, Crime und Party Resonanz zu zeigen?
Zurück zu den politischen Organisationsformen: Warum sind die syrische und die jemenitische Revolution derart langlebig, obwohl der Zugriff auf Netzwerke in diesen Ländern so eingeschränkt ist?
Die Grundfrage bleibt bei diesen Dingen tatsächlich, ob ein Resonanzfeld gewachsen ist, das zum Aktivierungspotential taugt. Das Internet beschleunigt dieses Potential, nicht mehr und nicht weniger.
Wenn das Resonanzfeld mächtig genug ist, braucht es weniger Vernetzung?
Es hat auch früher Revolutionen gegeben. Es ist doch albern zusagen, das Internet verursache Revolutionen. Es ist ein systemischer Raum, der große Aufschaukelungsprozesse in kurzer Zeit ermöglicht.
Das Internet ist ein Brandbeschleuniger?
Ich würde das nicht Brandbeschleuniger nennen, das gibt dem einen negativen Aspekt. Es ist ein Turbolader, ein Beschleuniger im Sinne von Wirkungsverstärker.
Kann das Netz sich darin auch in sein Gegenteil verkehren - und dann als Turbolader in eine ganz andere Richtung funktionieren, hin zu mehr Kontrolle etwa?
Netze werden immer ein Treiber von Transparenz bleiben. Das ist eine per se positive Funktion in einer Gesellschaft, die mit immer größeren Komplexitäten arbeiten muss; in der Menschen auch verdrossen sind, gar nicht mal von Politik als solcher, sondern von den Organisationsformen von Macht. In diese Systeme Transparenzen einzufügen, tut Gesellschaft gut. Und niemand wird langfristig damit durchkommen, Information zurückzuhalten.

War der entscheidende Resonanzknoten der ägyptischen Revolution am Ende der Moment, an dem Mubarak das Internet abgeschaltet hat?
Noch einmal: Der Resonanzraum entsteht nicht im Netz, dafür braucht es jahrelange gesellschaftliche Prozesse. Aber natürlich: Wenn jemand die Netze kappt, die eine Symbolfunktion für die Freiheit haben, ist furchtbar doof. Wer so etwas versucht, muss fürchterlich mächtig und konsequent gewaltbereit sein - siehe China 89. Oder er geht unter. Die Systeme professionalisieren sich da aneinander: Die Netzwerke perfektionieren ihre Umgehung von Macht, und die Machthaber radikalisieren ihre Unterdrückung.

Peter Kruse ist Unternehmensberater, Honorarprofessor für Allgemeine und Organisationspsychologie an der Universität Bremen und außerdem umstrittener "Guru" - so eine Zuschreibung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - der Netztheorie in Deutschland. Die Fragen stellte Johannes Schneider.

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