Interview mit Sonia Mikich : „Ich bin nicht die Königin der ARD“

Die Journalistin und Moderatorin Sonia Mikich verlässt „Monitor“. Ein Gespräch über Politmagazine, Pessimismus und Post-Demokratie.

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Sonia Mikich, geboren am 13. Juli 1951 in Oxford, moderiert heute (21 Uhr 45) zum letzten Mal „Monitor“. Die ehemalige Korrespondentin in Moskau und Paris übernahm im Januar 2002 als erste Frau nach Claus Hinrich Casdorff, Gerd Ruge und Klaus Bednarz die Leitung des seit 1965 laufenden ARD-Magazins. „Monitor“ und widmete sich seitdem verstärkt wirtschaftspolitischen Themen. Seit Oktober 2011 ist Mikich Leiterin der WDR-Programmgruppe Inland – und Vorgesetzte des neuen „Monitor“-Chefs Georg Restle.
Sonia Mikich, geboren am 13. Juli 1951 in Oxford, moderiert heute (21 Uhr 45) zum letzten Mal „Monitor“. Die ehemalige...Foto: WDR

Casdorff, Ruge, Bednarz, Mikich – wie klingt das in Ihren Ohren?

Sehr gut. Und es klingt danach, dass „Monitor“ eine Sendung ist, die ewig währte und ewig währen wird.

Ewig? Ist das nicht sehr optimistisch?

In den vergangenen elf Jahren hat sich so etwas wie ein „Monitor“-Spirit eingestellt. Das Gefühl, alte journalistische Ideale relativ geschützt umzusetzen. Ich glaube, dass es zu wenig von dieser Art Journalismus gibt. Nach wie vor halte ich die Kürzung der Politmagazine von 45 auf 30 Minuten für einen kapitalen Fehler. Es gibt mehr Informationsbedarf, als wir Sendezeit haben. Die komplexen Themen nehmen doch eher zu. Und deshalb glaube ich, dass „Monitor“ seinen 50. Geburtstag in drei Jahren in guter Frische begehen wird.

Ist „Monitor“ im Internetzeitalter denn noch zeitgemäß?

Natürlich. Wir bieten im Internet zum Beispiel das Nachgefragt-Format „Monitor im Kreuzverhör“ an. Es ist aber auch nicht so, dass die Leute scharenweise vom Fernsehen weglaufen. Wir werden immer noch von knapp drei Millionen Menschen gesehen.

Es waren mal mehr.

Es gab immer Wellenbewegungen. Wir waren mal bei dreieinhalb Millionen, jetzt sind wir nicht ganz so hoch.

Sie zählten zu den Kritikern der Quoten-Fixierung, aber als WDR-Inlandschefin ist das erst recht Tagesgeschäft, oder?

Nein, wir werden nicht von oben eingepeitscht, das kann ich Ihnen versichern. Wenn wir unser Bestes gegeben haben, aber das Programm-Umfeld gute Marktanteile nicht ermöglicht hat, dann ist mir Quote nicht so wichtig. Aber wenn wir Durchschnittsware anbieten und haben dann noch eine schlechte Quote, dann kriege auch ich schlechte Laune.

Sie hatten sich gegen die Verlegung auf 21 Uhr 45 gewehrt. Ihr Widerstand hat nicht gefruchtet. Warum nicht?

Weil es nicht nur „Monitor“ und Politmagazine gibt. Wir sind eben nur ein Teil des Programms.

War die Verlegung des Ausstrahlungstermins nun richtig oder falsch?

Wir haben mal als Experiment anderthalb Jahre lang um 20 Uhr 15 begonnen. Das fand ich ein tolles Signal. Wenn ich Königin der ARD wäre, würde ich sagen, einmal in der Woche Hardcore-Politik ab 20 Uhr 15. Investigativen Journalismus, und dann noch 45 Minuten. Aber ich bin halt nicht Königin der ARD.

Aber Sie sind jetzt in die Beletage des WDR aufgestiegen. Da könnte man schon etwas erreichen.

Das habe ich auch vor. Ich möchte investigativen Journalismus stärken, konzentrierter an die relevanten Enthüllungen, Polit-Krimis, die großen Geschichten herangehen. Deswegen mein Wunsch, ein investigatives Ressort aufzubauen, in dem Kollegen mit Rückendeckung länger recherchieren können.

Nehmen wir an, Sie könnten eine ganz neue Sendung erfinden, egal was es kostet, wie würde die aussehen?

Ich bin der Meinung, dass die Farbe der großen Feature-Leistung fehlt, bei der Autoren vertieft an die großen Themen herangehen. Zum Beispiel an das Thema „Post-Demokratie“. Ich lese das Buch des britischen Politologen Colin Crouch, ich lese etwas in Zeitungen dazu, aber ich sehe nichts im Fernsehen. Große Dokumentationen, die vielleicht streitbar sind, die eine Diskussion vorantreiben, daran hätte ich Spaß. Das wäre mein übernächstes Projekt.

Das läuft auf eine Programmreform im Ersten hinaus. Teilen Sie die Kritik an den zahlreichen Talkshows?

Das ist ein bisschen wohlfeil. Alle sagen, es gibt zu viele Talkshows, sogar die Talkshow-Leute selbst. Ich kann das jetzt auch sagen. Das kostet nichts, das bedeutet aber auch nichts. Programmreform in Richtung mehr Dokus? Gerne. Ich bin Old School. Ich sehe, dass kluge, moderne Dokumentationen Menschen ganz anders erreichen als eine Talkshow oder ein Schnellschuss. Außerdem erreichen Dokus junge Leute. Die ARD, das ZDF, alle jammern nach jungem Publikum – die Dokus können das leisten.

„Monitor“ kennt das Problem. Bei den unter 50-Jährigen sind Sie meist weit von zweistelligen Marktanteilen entfernt. Sie twittern selbst, schreiben einen Weblog, „Monitor“ gibt es bei Facebook – alles vergebliche Liebesmüh?

Nein. Ein steter Tropfen höhlt den Stein. Mir macht es Freude, mit Unbekannten zu kommunizieren und mir Ideen zu holen. Irgendwann spricht es sich in den Communities herum. Außerdem: Alt ist das neue Jung.

Wie bitte?

Ich fühle mich auf der Höhe der Zeit. Ich interessiere mich für junge Themen, ich sehe neue, junge Formate gerne. Und ich kenne und mag internationale Spitzenprodukte.

Teilen Sie nicht den Pessimismus, dass die Internetgeneration mit langen Features oder Dokumentarfilmen gar nichts mehr anfangen kann?

Nein, sie schauen sie ja. Im Fernsehen, im Internet, im Kino. Außerdem: Ich habe etliche Essays für „Monitor“ gedreht. Ich habe mit Elementen der Popkultur gearbeitet, mit schnellen, ungewöhnlichen Schnitten, mit Verfremdungen. Es ist nicht schwierig, auch in einem gestandenen Format oder in einer ARD-Doku modern zu erzählen. Ich sehe den Widerspruch nicht ein und denke, die Leute sind denkfaul, wenn sie sagen: Da ist das alte Fernsehen und da ist das Internet.

Besteht in der ARD Denkfaulheit?

Vielleicht gibt es Vorurteile, wie etwas zu sein hat. Manchmal höre ich die Kritik, Politmagazine seien von gestern. Aber oft stellt sich heraus, dass der Kritiker seit fünf Jahren keine Sendung mehr gesehen hat. Wir erfinden uns permanent neu, verändern uns ständig.

Unter Ihrer Leitung ist „Monitor“ internationaler geworden, zuletzt mit zahlreichen Beiträgen zur Euro-Krise und zum Finanzmarkt. Wie muss sich die Sendung weiterentwickeln?

Sie muss frei im Denken bleiben – „think big“! Es kann immer alles besser sein. Und besser ist es, wenn wir die Themen aufgreifen, an die sich andere nicht herantrauen. Und wenn wir uns große Gegner suchen.

Viel Feind, viel Ehr?

Ja.

Das Interview führte Thomas Gehringer.

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