• Interview mit TV-Moderator Jan Böhmermann: „Es gibt ja auch Arschlöcher im Showgeschäft“

Interview mit TV-Moderator Jan Böhmermann : „Es gibt ja auch Arschlöcher im Showgeschäft“

Jan Böhmermann über gute Polizisten, Spaßreporter bei Pegida-Demos und den Deutschen Fernsehpreis. Und die Frage, warum er zusammen mit Harald Schmidt Urinbecher in der Hand hielt.

von und
Jan Böhmermann.
Zusammen mit Olli Schulz moderiert Jan Böhmermann, 34, am Sonntag die Talkshow „Schulz & Böhmermann“ auf ZDFneo (22 Uhr 45). Für...Foto: ZDF und Ben Knabe

Herr Böhmermann, Sie gelten als der schnellste Denker im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen – und als der Angriffslustigste. Dabei wirken Sie sehr freundlich.

Ich würde sagen: Meine Dalai-Lama-artige, private Liebenswürdigkeit ist der Grund für meine gelegentliche berufliche Angriffslust. Privat voll lieb, beruflich nicht, besser als andersrum. Nennen Sie mich ein Arschloch mit Herz. Keine Sorge, die ganzen Aggressionen entladen sich nur auf der Bühne oder wenn mir jemand Geld dafür gibt.

Neulich sagten Sie, dass Ihre Bühnenfigur „Jan Böhmermann“ nur 90 Prozent des Menschen Jan Böhmermann ausmacht.
Glauben Sie nichts, was im „Stern“ steht, dem Magazin, das die Hitler-Tagebücher gefälscht hat! Hundert Prozent meiner Bühnenfigur ist Jan Böhmermann.

Wie sieht es bei Ihnen mit menschlicher Wärme aus, mit Nähe?
Geht so. Ich bin gerne alleine. Small Talk ist mir zu doof. Ich bin ein Familienfreak.

Sie lieben es, etwas anzuzetteln, zu provozieren, sich anzulegen, wie zuletzt im Dezember mit dem Video „Ich hab Polizei“.
Das ist weder kalkuliert, noch bin ich auf Krawall aus.

Ihnen wurde bei dem Video vorgeworfen, Sie hätten mit öffentlich-rechtlichen Geldern Migranten-Kultur veralbert.
Wer hält Hiphop für eine Migrantenkultur? Was für ein chauvinistischer Scheißansatz von hängengebliebenen Kifferabiturienten, die Hiphop aus so einer zoologischen Perspektive interessant finden.

Ist Ihnen nichts heilig?
Ich glaube nicht, dass ich erleben werde, dass der Holocaust-Witz in Deutschland breite Resonanz findet, dass sich Leute auf die Schenkel klopfen, wenn einer im Olympiastadion solche Witze erzählt. Ausgerechnet im Olympiastadion.

Religion …
… toll, sich darüber lustig zu machen.

Die Islamisten, die vor einem Jahr die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ überfallen haben und dabei zwölf Menschen töteten, sehen das anders.
Christliche Fundamentalisten auch. Wissen Sie, ich sage nicht Sachen nur deswegen, weil ich sie nicht sagen darf, wie das vielleicht bei den Satirikern von „Charlie Hebdo“ der Fall war. Eine Mohammed-Karikatur zu zeigen, weil man sie nicht zeigen darf, das ist mir zu wenig Motivation. Ich fand es eine gute Idee, als vor einem Jahr Pegida aufkam, gleich mal klar zustellen, dass das im Kern Vollidioten sind. Wenn sich jetzt aber von jeder Regionalsendung ein Spaßreporter im Clownskostüm auf einer AfD-Demo tummelt, dann ist da der Gag weg.

Vor zwei Jahren haben Sie aus „Easy“ von Cro den „ISIS-Song“ gemacht. Würden Sie das, nach Paris, nochmals aufführen?
Ja, natürlich. Ich mach’s nur nicht, weil ich es schon gemacht habe. Kann man sich ja alles im Internet angucken.

Was unterscheidet Sie von einem Troll?
Ein Troll trollt als Selbstzweck. Hauptsache, Leute regen sich über ihn auf. Ich bin Komiker von Beruf, setze mich mit Dingen auseinander, versuche, eine Haltung zu Themen zu entwickeln. Manchmal ist sie kabarettistisch, manchmal böse, manchmal Quatsch.

Wie bei Ihrem Mentor Harald Schmidt.
Ein lieber Arbeitskollege. Ich habe alle seine Texte geschrieben, also, die guten.

Haben Sie noch Kontakt zu Schmidt?
Wenn, dann per Whatsapp. Das Verhältnis ist abgekühlt. Womöglich, weil ich rumerzähle, dass alle seine guten Ideen der letzten Jahre von mir waren. Oder weil sich Harald auf seine Rolle als „Tatort“-Ermittler vorbereitet. Es nimmt Zeit in Anspruch, bis man als Schauspieler so einen Kriminaloberrat richtig spürt.

Das klingt sehr gegensätzlich.
Wir haben uns das letzte Mal im Januar 2015 beim ZDF-Versicherungs-Arzt gesehen, im Wartezimmer, morgens um sieben Uhr. Jeder mit einem vollen Urinbecher in der Hand. Ich bin ein anderer Typ als Schmidt, komme nicht vom Theater, ich habe keine Schauspielambitionen. Die Welt der Sozialen Medien fand ich immer interessanter als das Staatstheater Stuttgart.

Im neuen Talk „Schulz & Böhmermann“ zusammen mit Olli Schulz soll es „Humor an der Grenze des Statthaften“ geben. Werden Sie noch drastischer?
Es ist mir egal, wenn ich mich mit meinen Sachen oder mit dem, was ich für Haltung halte, auf der Bühne entblöße. Was ich gerne mag, auch wenn es schmerzhaft ist, ist, vor der Kamera nicht zu funktionieren. Oder zu scheitern.

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