Interview : „Nie war die DDR so gut ausgestattet wie heute“

Die ARD hat Else Buschheuers Roman „Masserberg“ verfilmt. Ein Gespräch mit der Autorin über Zauberberge, Schläge und Demut

Die Drei aus der Heilanstalt. Berta (Marion van de Kamp, links), Melanie (Anna Fischer, Mitte) und Emma (Kyra Mladeck) teilen sich ein Zimmer, Freude und Leid.Foto: MDR/Roloff
Die Drei aus der Heilanstalt. Berta (Marion van de Kamp, links), Melanie (Anna Fischer, Mitte) und Emma (Kyra Mladeck) teilen sich...Foto: MDR/Volker Roloff

Frau Buschheuer, „Masserberg“ ist Ihr Roman. Ist das zugleich auch Ihre eigene Geschichte?

Ja und nein. Das ist Fiktion mit einem kräftigen Schuss Wahrheit, aber die Fiktion ist inzwischen in mein Leben gesickert. Ich kann die Dinge kaum noch auseinanderhalten: wie es wirklich war, was ich für den Roman erdacht habe, wie es im aktuellen Film aussieht – alles vermischt sich. Schriftstellerei ist ein neurotisches Geschäft. Man ist sich permanent im Unklaren über die eigenen Motive. Manchmal glaube ich, ich liebte damals in Masserberg wirklich einen kubanischen Arzt namens Sanchez. Dabei gab es den gar nicht. Bei den Dreharbeiten hätte ich um ein Haar romantische Gefühle für Pasquale Aleardi entwickelt, der den Sanchez spielt.

Was ist der Film dann? Eine Introspektion der Else Buschheuer oder der DDR 1984?

Ein kleiner DDR-„Zauberberg“. Manns „Zauberberg“ habe ich in der 11. Klasse gelesen. In der 12. bin ich krank geworden. Masserberg war also von vornherein für mich keine beliebige DDR-Heilanstalt, sondern war ein weltentrücktes Niemandsland mit bizarren Typen, interessant klingenden Krankheiten und strikten Liegekuren. Sehr literabel. Ich hab den Stoff lange liegen gelassen. Wie Woody Allen sagt, „Komödie = Tragödie plus Zeit“. Viele Jahre später habe ich mit dem Roman angefangen. Er war als Parabel gedacht. Der Film wird aber in TV-Zeitschriften als „Blindendrama“ angekündigt. Da kann man sich mehr drunter vorstellen.

Wer Sie nicht persönlich kennt, aber „Masserberg“ sieht, der denkt jetzt: Ach Gott, die ist ja nie geheilt worden, die Frau Buschheuer.

Meine Augenkrankheit ist aus einer Gehirnenzündung hervorgegangen. Damals sagten die Ärzte: „Entweder sie stirbt oder sie wird verrückt.“ Da ich nicht gestorben bin, muss ich wohl verrückt geworden sein. Dann sagten die Ärzte: „Sie können blind werden.“ Und ich dachte: Dann denk ich mir eine Heldin aus, die statt meiner blind wird. Simone Thomalla, mit der ich in Potsdam auf der Helmholtz-Penne war, rief mir 2000 beim Wiedersehen von Weitem zu: „Else, ick dachte, du bist blind.“ Aber ich hatte Schwein.

„Masserberg“, Film wie Buch, sind ja keine Chronik des Ortes, es gibt nur Partikel aus der Buschheuer-Biografie darin. Dann bleibt als Zuschreibung ja nur: eine Geschichte über die DDR im Jahre 1984.

Gern noch größer, wenn ich hier schon meine Intentionen deuten darf: eine Geschichte über die Verschwommenheit der Idee „DDR“, über innere Emigration, Ausbruchsversuche, Flucht in die Blindheit, Rettungswahn, Hypochondrie, eine Geschichte über Verführung und Verführbarkeit. Hab ich was vergessen?

Du lieber Himmel, da fehlt kein Thema, das schwer und teuer ist. Ein bisschen übertrieben, finden Sie nicht auch?

Es entspricht meiner Persönlichkeitsstruktur. Ich trinke auch immer alles durcheinander und mache mir die Wurst so dick aufs Brot, dass sie überlappt. Außerdem ist im Film weniger Zeit. Da kommen die Einschläge dichter als im Buch: Schwangerschaft, Syphilis, Republikflucht, Tod. Die Sprache des Buches ist in Faustschläge aus Farbe eingedickt. So skandalös hatte ich meinen Roman gar nicht in Erinnerung.

2001 ist der Roman erschienen, er sollte gleich verfilmt werden. Dazu kam es aber nicht. Warum nicht?

Erst dachte ich, nur bei mir steckt der Wurm drin. Drei Mal haben Produzenten eine Option auf die Verfilmung gezogen, Nico Hofmann wollte produzieren, Vivian Naefe die Regie übernehmen. Tobias Moretti war als Sanchez besetzt. Jemand zog sich aus der Finanzierung zurück. Dann passierte ein paar Jahre nichts. Irgendwann dachte ich, ach, das wird nix mehr. Aber plötzlich wurde tatsächlich gedreht. Mittlerweile weiß ich, damit bin ich nicht allein, denken Sie an Martin Suter, jahrelang gar nichts und plötzlich hat er drei Verfilmungen im Kino.

Tut es dem Film „Masserberg“ gut, dass er erst 2010 realisiert wurde?

Möglicherweise. Passt ja auch zu „20 Jahre Deutsche Einheit“. Allerdings spitzt sich die DDR im Film immer mehr zu. Zum Beispiel tragen immer nur die Jeans, die in den Westen abhauen wollen. Achten Sie mal drauf. Wilde Knutschereien finden entweder vor scheußlichen Tapeten statt oder ein Trabi fährt hinten durchs Bild. „Masserberg“ ist ein Kostümfilm. Überhaupt, „DDR“ ist inzwischen ein Genre, wie „Mantel und Degen“. In der Falle sitzen wir jetzt drin. Noch nie war die DDR so gut ausgestattet wie heute.

Was nimmt die Romanautorin der Fernsehproduktion übel?

Kurz hab ich der Bavaria verübelt, dass die Schauspieler Order hatten, den Roman nicht zu lesen. Inzwischen hab ich das verstanden. Die Figuren waren zu ambivalent für einen Fernsehfilm. Sie hatten alle, Chefarzt, Stasi-Mann, Held, Heldin, in hohem Maße das Gute und das Böse. Da verliert man schnell die Orientierung. Das hätte die Schauspieler nur unnötig verwirrt. Davon abgesehen bin ich zufrieden. Dieser Film hat – und das nicht nur beim ersten Ansehen – bei mir viele Gefühle ausgelöst: Heulen, Lachen, manchmal hab ich mir die Hände vors Gesicht geschlagen. Ich bezweifle, dass es mein eigener Stoff war, der mich so hingerissen hat, es ist sind einzelne Bilder, die in die Netzhaut gehen.

Sie sind also keine jene berühmter Autorinnen und Autoren, die sich bei Inansichtnahme des filmischen Werkes an die Stirn fassen und jammern: „Oh mein Gott, was habt ihr aus meinem Roman gemacht!“?

Das ist ein schmaler Grat. Erst neulich lief „Das Parfum“ im Fernsehen. Und ich hab beim Anschauen immerzu gedacht: der arme Patrick Süskind. Aber im Grunde ist er doch selber schuld. Er hätte standhaft bleiben müssen, dann hätte auch niemand sein unverfilmbares Buch verfilmt. Vielleicht hat es ihm geschmeichelt, von Eichinger dermaßen umworben zu werden, Dietls Film „Rossini“ thematisiert ja dieses Ringen. Aber wenn man Ja sagt, sagt man auch Amen. Dann muss man loslassen. Ich kann die Romanautoren nicht ausstehen, die erst jahrelang einer Verfilmung hinterherlecken, um dann diese Nummer „So hab ich das nicht gemeint“, „Ich fühle mich missverstanden“, „Ich distanziere mich“ abzuziehen. Das ist Attitüde.

Wie haben Sie reagiert, als Sie von der Verfilmung erfuhren?

Wie Ernest Hemingway auf den Nobelpreis. Er hat telegrafiert: „Thank you. Send the money. Ernest.“

Es gibt weitere Bücher von Else Buschheuer, „Der Koffer“ oder „Ruf! Mich! An!“. Schreien die nicht nach Verfilmung?

Ja. Jetzt hör ich’s auch! Als Nächstes würde ich gern die „Venus“ machen, am liebsten mit Doris Dörrie, aber die arbeitet selten mit Fremdscripten. Warten wir erst mal die Quote von „Masserberg“ ab.

Vier, fünf Millionen sollen, müssen es sein?

So viel? Das wäre herrlich. Wenn wir davon ausgehen, dass vielleicht jeder zweite Zuschauer daraufhin mein Buch kauft und vielleicht sogar liest. Ä Draum, wie der Sachse sagt. Mein nächster Traum: ein Drehbuch zu einem eigenen Roman schreiben. Oder ein Originaldrehbuch schreiben. Am Drehbuch von „Masserberg“ war ich ja nicht beteiligt. Für einen Autor ist das eine Lektion in Demut.

Nicht eben Ihre Stärke. Festzuhalten ist: Die Fernsehmoderatorin, die Kolumnistin, die Twitterin Else Buschheuer träumt von der Drehbuchautorin Else Buschheuer.

Wenn man älter wird, wird das Herrichten für einen Fernsehauftritt immer anstrengender. Trifft man den Zuschauer beim Brötchenholen, ohne vorher in der Maske gewesen zu sein, dann ruft er auch schon mal: „Im Fernsehen sehen Sie aber besser aus.“ Auch eine Lektion in Demut. Kein Wunder, dass Marlene Dietrich irgendwann nicht mehr aus ihrem Kabüffchen rausgekommen ist. Für meinen Lebensabend schwebt mir Ähnliches vor: Schlafanzug an, im Bett bleiben und Drehbücher schreiben. Im Moment sitze ... oder besser liege ... ich an einem neuen Roman. Allerdings hätte ich den gestern um ein Haar weggeschmissen. Ich bin so kurzliebig.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

„Masserberg“, 20 Uhr 15, ARD

Else Buschheuer ist Autorin und Twitterin, sie hat eine RadioKolumne und sie

präsentiert im MDR-Fernsehen das Magazin „Kino Royal“. „Masserberg“ war ihr erster Roman.

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