Interview : „Rosettenmeerschweine“

Else Buschheuer über das Jahr der Trennungen, deutsche Autobahnen und den Faschismus der Guten.

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Schriftstellerin Else Buschheuer. -Foto: promo

Sie waren in New York im Tempel, jetzt leben Sie in Leipzig in der Platte. Welche Weisheit ist Ihnen dadurch zugeflogen?

The cowards never started,

The weak died on the way,

Only the strong arrived.

Heißt das, Sie sind endlich angekommen?

Zumindest bei der Erkenntnis, dass es schnurz ist, wo man wohnt. Wer nie weggeht, denkt, anderswo sind Menschen anders. Wer immer wieder weggeht, merkt irgendwann, dass sie überall gleich sind. Wie in dem Gedicht „Reisen“ von Gottfried Benn: „ Ach, vergeblich das Fahren! Spät erst erfahren Sie sich...“ etc. pp.

Egal wo ich lebe: Ich orientiere mich, schließe Bekanntschaften, gehe online. Das kann man Ankunft nennen. Ich weiß, was ich nicht kann (das allermeiste), und ich weiß, was ich kann: schreiben, lieben, loslassen. Das ist eine ganze Menge.

Zu den wichtigen Dingen im Leben. Das Liebeskarussell hat sich kräftig gedreht. Das große Glück: Illner und Obermann. Das kleine Pech: Boris B. musste seine Neue verabschieden. Zuletzt: Herr und Frau Oettinger haben sich getrennt. Was ist da los bei den Schönen und Reichen?

Es gibt verschiedene Modelle:

1. Ich bin ein Sternchen, habe eine neue Platte draußen und verkaufe sie über Liebschaft/Schwangerschaft/Trennung (Dieter Bohlen)

2. Ich war ein Star, habe aber außer Paarungs-News nichts mehr zu erzählen (Boris Becker),

3. Ich habe jahrelang im Dunkeln gemunkelt, es drängt mich aber (Ultimatum? Sendungsbewusstsein? Erpressung?) zu einem Befreiungsschlag (Anne Will),

4. Ich mache es, weil ich im Windschatten eines anderen Skandals halbwegs ungeschoren davonsegeln will.

Wollen wir die Frauenfrage nicht vergessen. Alice Schwarzer macht bei „Emma“ Platz. Ein Grund zur Freude?

Nö. Ganz im Gegenteil. Die Medienlandschaft wird ärmer, wenn die Dinosaurier abtreten und die unbeschriebenen Blätter nachrücken. Schwarzer IST „Emma“. „Emma“ ohne Schwarzer ist wie Britney Spears mit Höschen.

Al Gore wird nicht Präsident der USA, dafür aber Superstar und Supergutmensch und Nobelpreisträger. Macht das nicht richtig doll Hoffnung?

Mir vielleicht. Ihnen vielleicht. Aber Sloterdijk warnt schon vor einem Faschismus des Guten. Political Correctness ist für mich auch der Faschismus des Guten. Das fängt bei der Sprache an. „Verhaltensauffällige Jugendliche mit Migrationshintergrund“. „Angehörige mobiler ethnischer Minderheiten“. Man labert sich einen Knoten in die Zunge, macht formal alles richtig, aber bleibt im Kern das alte Schwein.

Verstehen Sie, warum sich das Fernsehen in diesem Jahr so leidenschaftlich wie nie um die Aufarbeitung der DDR gekümmert hat?

Ist mir entgangen. Aber jetzt, wo Sie’s sagen: Vielleicht, weil ja im Kino die Zeiten der ostalgischen Verniedlichung („Goodbye Lenin“, „Sonnenallee“) vorbei sind. Wir haben den „Oscar“ für die tragische Ballade vom guten Stasimann („Das Leben der Anderen“). Jetzt zieht das Fernsehen gleich. Jetzt kommen die Portraits, die Reportagen, die mehrteiligen Doku-Dramen mit Ferres & Co. Vielleicht haben die Programmchefs sich verzählt und denken, wir feiern schon zwanzig Jahre Mauerfall?

Eva Herman findet deutsche Autobahnen richtig klasse. Sie auch?

Offenbar ist dieses Thema virulent, sonst wäre die Dame ja nicht als Vehikel benutzt worden. Ohne Eva Herman hätte es immerhin nicht Harald Schmidts „Nazometer“ gegeben (das beim Wort „Autobahn“ mit 78,1 Prozent ausschlägt). Ich fahre jedenfalls grundsätzlich nicht auf deutschen Autobahnen. Aus Gesinnungsgründen. Kleiner Scherz. Ich habe gar kein Auto.

Hier eine Eva-Herman-inspirierte Frage: Wann bauen Sie Ihrem Mann ein Nest?

Wenn Eva Herman „Spiegel“-Chefredakteurin wird.

Else Buschheuer hat 2007 eine Talkshow verloren, Anne Will hat eine gewonnen. Ist das gerecht?

Hegel nennt das die List der Vernunft.

Was halten Sie überhaupt von Talkshows?

Na, mal abgesehen davon, dass ich bei „Riverboat“ grandios versagt habe.... Die Zeit der atemraubenden Talkshows ist eh vorbei. Was ist eine Talkshow heute noch anderes als ein Statussymbol für Moderator und Gast? Früher, ja früher! Nina Hagen masturbiert. Kinski flippt gewohnheitsmäßig aus. Nikel Pallat von „Ton Steine Scherben“ versucht, einen Tisch zu zerhacken. Romy Schneider baggert Burkhard Driest an. Und mein Favorit: Karin Struck zieht ihre Strumpfhose aus und schmeißt mit Weingläsern.

Heute gibt es keine echte Erregung mehr. Talkshows sind überzüchtet wie Rosettenmeerschweine. Sie sind der gespielte Witz, Allgemeinplätze, in denen man Gedanken tauscht, die man doppelt hat, falls man überhaupt welche hat. Es passiert nichts Unvorhergesehenes mehr, und wenn was passiert (siehe Herman fliegt bei Kerner raus), hat es das Geschmäckle eines geplanten Eklats.

Sie moderieren das Kinomagazin des MDR. Deshalb eine Fachfrage: Wer oder was ist Tom Cruise: Stauffenbergianer oder Scientologe?

Diese Debatte ist, ähnlich wie das „Nazometer“, ein Indiz für deutsche Verklemmung. Scientology ist eine Sekte. Eine Sekte ist eine Religion, die nicht groß geworden ist. Wenn man Scientology der Gehirnwäsche bezichtigt – das ist sicher nicht falsch – aber was ist dann das Zazen bei den Buddhisten oder die Exerzitien bei den Katholiken? In meinem Tempel hieß es immer: „Wenn das Gehirn schmutzig ist, muss man es auch mal waschen.“ Mir ist wurscht, in welcher Sekte Tom Cruise ist, als Schauspieler wird er jedenfalls immer besser.

So richtig los war 2007 ja nix. Was kommt 2008 Tolles auf uns zu?

Kerner kocht mit Promis, Heino plant ein Comeback, Johannes Heesters wird 105.

Zum Wetter. Die Klimakatastrophe soll ja immer näher rücken. Wie sorgen Sie vor?

Ich reduziere die Reibungswärme.

Die schönste Frage zum Schluss: Wir lieben die Hoffnung. Sie auch?

Allerdings. Heiner Müller sagte zwar, Optimismus sei ein Mangel an Information, aber ich halte es da eher mit Wikipedia: „Hoffnung bedeutet, eine zuversichtliche innerliche Ausrichtung gepaart mit einer positiven Erwartungshaltung dahingehend zu haben, dass etwas, das dem Hoffenden wünschenswert erscheint, in der Zukunft eintritt, ohne dass wirkliche Gewissheit darüber besteht.“

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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