Interview : "Rot-Grün war die aufregendste Zeit"

500 Ausgaben „Bericht aus Berlin“: Moderator Ulrich Deppendorf über politische Diven, Themen, die interessieren, und das schönste Fenster in der Hauptstadt

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Frontmann. Ulrich Deppendorf, Chef des ARD-Hauptstadtstudios, moderiert den „Bericht aus Berlin“. Foto: WDRWDR-Pressestelle/Fotoredaktion

Herr Deppendorf, wenn Sie mal vergleichen wollen. Rot-Grün, Rot-Schwarz, Schwarz-Gelb, welche Koalition war und ist für den „Bericht aus Berlin“ am interessantesten, am ergiebigsten?

Da muss ich zunächst Rot-Grün nennen. Hier kam vieles zusammen. Der Umzug von Bonn nach Berlin, die Ereignisse im Kosovo, der Terroranschlag vom 11. September 2001, die Einführung der Agenda 2010 und die beiden Diven Schröder und Fischer an der Spitze: Das war sicherlich die interessanteste, ergiebigste und aufregendste Zeit. Doch Schwarz-Gelb hält uns seit dem Wahltag ganz schön auf Trab. Wir haben also auch jetzt spannende Zeiten.

Der Zuschauer soll ja von der Sendung profitieren. Profitiert auch die Politik?

Das Wichtigste für uns Macher ist, dass der Zuschauer von der Sendung profitiert. Wenn die Politik dann auf den einen oder anderen Beitrag oder auf das eine oder andere Interview reagiert, ist das eine interessante „Nebenwirkung“, über die wir uns nicht beschweren. Als Journalist hat man immer den Wunsch, dass sich aufgrund von Artikeln oder Sendungen doch etwas bewegt, zumindest Reaktionen erkennbar werden.

Drängt es das politische Personal in die Sendung oder müssen die Damen und Herren eher gedrängt werden?

Das hängt oft auch von der aktuellen Situation ab. Es gibt natürlich Fälle, bei denen die Politiker auch mal gedrängt werden müssen, aber im Großen und Ganzen haben wir keine Schwierigkeiten, Studiogäste zu bekommen. Wir versuchen natürlich bei den Studiogästen ganz aktuell zu sein. In der letzten Zeit verstärken wir sogar den Anteil der Studiogespräche.

Welche Themen und Themenbereiche stehen im Interesse des Publikums ganz oben?

Sehr stark die Themen, die die eigene Situation und das eigene Umfeld der Zuschauer betreffen, also Arbeit, Finanzen, Gesundheit, Sicherheit.

Umgekehrt: Was steht ganz unten?

Reine Konferenzberichterstattung ohne personelle Anbindung oder ohne den Blick dahinter, ohne einen eigenen Ansatz in der Berichterstattung. Die Themen müssen über die reine Ergebnisberichterstattung hinausgehen, auch bildlich und dramaturgisch gut präsentiert werden.

Hat sich über die Jahre an der Machart der Beiträge viel geändert oder auch am Stil der Studiogespräche?

Ja, eine ganze Menge. Bei den Beiträgen setzen wir mehr auf eine persönliche Erzählweise, auf eine besondere Autorenhandschrift, durchaus meinungsfreudig. Wir haben den Anteil der Grafik ausgebaut und das graphische Design verbessert. Die Anzahl der Studiogespräche ist erhöht. Dafür werden wir jetzt auch noch mehr Zeit einräumen, um ein Thema oder auch zwei noch tiefer und auch konfrontativer zu behandeln. Seit Januar 2009 haben wir auch ein wunderbares Bühnenbild und sind zurück an unserem Eckfenster. In aller Unbescheidenheit sage ich: Es ist das schönste und modernste Studiodesign einer Informationssendung. Und dafür brauchten wir keinen 30-Millionen-Neubau.

Apropos ZDF. Sehen Sie gravierende Unterschiede zu „Berlin direkt“?

Wir behandeln beide das gleiche Gebiet, oft die gleichen Themen. Häufiger unterscheiden wir uns bei den Studiogästen. Nur bei den Sommerinterviews, da gehen wir unterschiedliche Wege: Wir treiben nicht so viel Aufwand wie „Berlin direkt“, versuchen mit der Befragung durch zwei Journalisten mehr Inhalte zu transportieren.

500 Mal „Bericht aus Berlin“, das war auch ein langer, ruhiger Berichts-Fluss. Darf es in den 20 Minuten nicht aggressiver zugehen?

Aggressivität wirkt häufig sehr aufgesetzt. Wir hören von vielen Zuschauern, dass sie die Aggressivität bei politischen Sendungen nicht mehr so schätzen, das gilt besonders bei jüngeren. Überraschender zu sein in der Themenauswahl, in der Präsentation und auch bei den Studiogästen – hier arbeiten wir an weiteren Verbesserungen. Unsere erste Sendung in 2010 hat da schon einen Weg vorgezeichnet. Einen kurzen Loriot-Sketch als Überleitung und Vorbereitung für den nächsten Beitrag – solche oder ähnliche Elemente werden wir häufiger einsetzen, wenn es sich anbietet.

Was war in den 500 Ausgaben der unbestrittene Höhepunkt?

Da kann ich nur für mich sprechen: Das war mein Live-Interview mit Helmut Kohl auf dem Höhepunkt der Parteispendenaffäre. Es sollte zehn Minuten dauern, am Ende waren es 30 Minuten. Es war ein Ringen. Kohl war wie in einer anderen Welt. Erst am Ende bekam ich ihn besser in den Griff. Danach allerdings gab Helmut Kohl mir kein Interview mehr. Und dann war da noch das Sommerinterview 2007 mit Oskar Lafontaine. Mein Kollege Joachim Wagner und ich führten ein ziemlich bleihaltiges Gespräch, Joachim Wagner und Oskar Lafontaine hatten sich besonders „lieb“!

Selbst der „Bericht aus Berlin“ kann noch besser werden. Also: Was muss besser werden?

Überraschender bei Themen, Dramaturgie und Gesprächspartnern. Da arbeiten mein Stellvertreter Rainald Becker, das ganze Team und ich mit viel Enthusiasmus gemeinsam daran. Wir sind bei allem auf einem guten Weg. Auf einem schwierigen Sendeplatz gewinnen wir im Verlauf einer jeden Sendung immer mehrere hunderttausend Zuschauer hinzu.

Das Interview führte Joachim Huber.

Am 5. April 1963 wird der „Bericht aus Bonn“ erstmals ausgestrahlt. Das politische Fernsehmagazin entwickelt sich zur festen Größe im ARD-Fernsehen und in der Bonner Republik. Friedrich Nowottny, Leiter und Moderator der Sendung von 1973 bis 1985, wird darüber ein Star. Nach 36 Jahren auf dem Schirm zieht das Magazin vom Rhein an die Spree und geht am 16. April 1999 als „Bericht aus Berlin“ auf Sendung, und zwar im Hauptstadtstudio. Im Schnitt schalten 1,58 Millionen Zuschauer am Sonntag um 18 Uhr 30 ein. Heute ist Guido Westerwelle, FDP-Chef und Außenminister, zu Gast.

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