Interview : „Vielleicht fährt sie ins Moor“

„Ein geheimnisvoller Sommer“: Ein Gespräch mit der Schauspielerin Suzanne von Borsody über Frauen und ihre Rollen.

Fast alles im Griff. Suzanne von Borsody, 53, spielt die Fotografin Esther. Foto: dpa Foto: dpa
Fast alles im Griff. Suzanne von Borsody, 53, spielt die Fotografin Esther. Foto: dpaFoto: dpa

Frau von Borsody, wirkt „Ein geheimnisvoller Sommer“ für einen Psychothriller nicht etwas harmlos?

Für mich war das nie ein Krimi, sondern das Psychogramm einer Frau, die ihr Lebenskonstrukt durchbricht, als sie dem Mann, mit dem sie seit zwölf Jahren ein lockeres Verhältnis hat, indirekt gesteht, dass sie jetzt dazu bereit ist, mit ihm eine feste Beziehung einzugehen. Sie kassiert aber eine Abfuhr. Kaum öffnet sie sich, wird sie verletzt, und da kriegt die Schale einen Knacks.

Warum versöhnt sie sich dennoch mit Rolf?

Weil sie noch so in ihren alten Strukturen gefangen ist und sich keine Blöße geben will. Ihr innerer Emotionskessel aber kocht immer weiter vor sich hin, bevor sie am Schluss fast zur Mörderin wird.

Wie kommt das?

Der kleinlaut in den Äther gerufene Satz „Ich will was verändern“ bringt eine Riesenlawine ins Rollen. Esther erkennt, dass ihr bisheriges Leben falsch und verlogen war. Sie beginnt mit Schuldzuweisungen – mit dem glorreichen Trick der Autorin Hannah Hollinger, das alles über Rolfs Mailbox laufen zu lassen, auf die sie spricht.

Was beschäftigt Sie an dieser Figur besonders?

Ich habe mich immer gefragt, wie die Geschichte weitergeht: Was passiert denn jetzt mit dieser Eigenbrötlerin? Da ist ja auch dieser komische Junge namens Paul, der sie zwar halb anmacht, aber auch eine große Sehnsucht nach einem Menschen hat, dem er sich anvertrauen kann. Sie nimmt ihn quasi als Ersatzsohn an, obwohl sie nie Kinder haben wollte. Sie hat eine neue Inspiration, weil sie unter die Teppiche geguckt und dort das große Panorama gesehen hat, auch mit den bedrohlichen Bergen, eben nicht nur die liebliche Alpenkulisse.

Und wie könnte es weitergehen?

Vielleicht fährt sie ins Moor, um dort platte Landschaften zu fotografieren, haben wir uns während der Dreharbeiten gedacht. So ist die Frau, die eigentlich niemanden an sich heranlassen wollte, durch den Schleudergang, den sie durchgemacht hat, offen für etwas Neues.

Ist das zugleich ein besonders bitterer Moment?

Ach, das Animal triste gibt’s bei den Männern rauf und runter durch die Literaturgeschichte. Aber Frauen sind Emotionsträgerinnen, insofern schaut man ihnen lieber zu. Hoffe ich zumindest!

Haben es Frauen ab dem berühmten „gewissen Alter“ im Fernsehen schwerer, anspruchsvolle Rollen zu erhalten?

Ich glaube, das war früher so. Mittlerweile wird ja auch die Gesellschaft älter und erwachsener. In diesem Fall hat die Emanzipation Früchte getragen, an wichtigen Posten sitzen gute Frauen. Vor zwanzig Jahren wäre es ein Sonderfall gewesen, eine Fünfzigjährige in einer solchen Geschichte zu zeigen. Aber mittlerweile haben wir ja in unseren deutschen Landen lauter tolle Frauen zwischen Ende vierzig und Anfang siebzig, achtzig sogar. Und ich danke meinen guten Geistern, dass meine Themen für ein breites Publikum interessant werden.

Eine ihrer größten Rollen war vor zehn Jahren die Gesine Cresspahl in Margarethe von Trottas epochaler Verfilmung von Uwe Johnsons Roman „Jahrestage“.

Ach, Gesine … Ich fand es unglaublich, dass die Autoren es geschafft haben, aus diesem Roman, der als unverfilmbar galt, ein Drehbuch zu machen. Es gelang ihnen, diese zitierte Frau ohne Unterleib in eine solche mit selbigem zu verwandeln, aus dem dann auch noch ein Kindchen geschlüpft ist. Und dass es nicht nur eine handlungsforttragende Erzählfigur ist, die da auftaucht und etwas plappert. Für mich ist Uwe Johnson ja ein Lyriker. Ich habe ihn erst begriffen, als ich ihn laut gelesen habe. Die Verfilmung ist natürlich ein Appetithappen für einen Jahrhundertroman, aber im Rahmen der Möglichkeiten fand ich es wirklich großartig. Auch wenn Johnson-Verleger Siegfried Unseld mir sagte, ich hätte seine Vorstellung der kleinen und dunklen Gesine völlig durcheinandergebracht.

Was wieder zu „Ein geheimnisvoller Sommer“ zurückführt.

Ja, denn Hannah Hollinger hat mit Esther eine Figur geschaffen, die ein großes Wort gelassen ausspricht und einen Knallersatz nach dem anderen loslässt. Es hat mir viel Spaß gemacht, diese doch sehr literarischen Sätze so zu sprechen, als würde man sie gerade erfinden. Ich mag es, wenn Menschen im Film eine eigene Sprache haben. Denn zu oft gerät man an Drehbücher, in denen alle gleich reden.

Das Gespräch führte Katrin Hillgruber.

„Ein geheimnisvoller Sommer“, ZDF, 19 Uhr 30

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