Interview : „Vielleicht machen wir mal Kabarett“

Theaterleiter Klaus Marschall will mit der Augsburger Puppenkiste wieder ins Fernsehen, dank des Bayerischen Rundfunks. Aber wohl ohne Jim-Knopf-Nostalgie.

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Bekannter als Facebook. Die Augsburger Puppenkiste, ein Familienbetrieb, wurde im Februar 1948 eröffnet. Unvergessen die Inszenierungen mit dem berühmten Kistendeckel, mit Lukas, dem Lokomotivführer, Urmel und Jim Knopf. Jetzt steht ein TV-Comeback an. Foto: dpa Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb
Bekannter als Facebook. Die Augsburger Puppenkiste, ein Familienbetrieb, wurde im Februar 1948 eröffnet. Unvergessen die...Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb

Herr Marschall, die Augsburger Puppenkiste sollen in Deutschland mehr Leute kennen als Facebook.

Das habe ich auch gelesen. Ich weiß jedenfalls, dass wir einen Bekanntheitsgrad von etwa 90 Prozent haben.

Das ahnt wohl auch Ulrich Wilhelm, der Intendant des Bayerischen Rundfunks, Ihr Fan. Wie weit sind die Gespräche mit dem BR über ein Comeback der Puppenkiste auf dem Fernsehbildschirm gediehen?

Ich denke, wir finden zusammen, wissen nur noch nicht, in welche Richtung es gehen wird, was dann am Ende produziert wird. Auf jeden Fall kriegen wir viele aufmunternde Zuschriften, seitdem bekannt wurde, dass der BR-Intendant sich für uns verwandt hat. Und das nicht nur von nostalgischen Eltern.

Wird das eher retro ausfallen à la Jim Knopf oder nach vorne gerichtet sein?

Die alten Sendeplätze werden wir eh nicht mehr kriegen. In den 1970ern lief die Puppenkiste an den Adventsonntagen, viermal eine halbe Stunde vor Weihnachten. Vieles ist möglich. Wir denken durchaus auch an die Erwachsenenschiene, ob wir da was mit der Puppenkiste im Fernsehen machen können.

Die Puppenkiste im Abendprogramm?

Warum soll sich die Puppenkiste nicht auch politisch-kabarettistisch geben? Vielleicht fangen wir auch erst mal mit einer Dokumentation an. Die Puppenkiste wird im Februar 65 Jahre alt.

Das Erste, was einem beim Namen Augsburger Puppenkiste einfällt, sind – Urmel oder Jim Knopf, die Publikumslieblinge.

Jim Knopf und Urmel könnten wohl wiederholt werden. Das liegt in den Händen des Kinderkanals oder HR Media, da haben wir keinen Einfluss drauf. Der Kika will wohl wieder alte Folgen ins Programm nehmen, nachdem man die Puppenkiste im Oktober 2011 aus dem Programm genommen hat. Neue Verfilmungen von Jim-Knopf-Produktionen wird es nicht geben. Das sind zeitlos schöne Produktionen, die nicht zu toppen sind.

Mein Sohn kennt „die wilde 13“ vom Vorlesen, zum Einschlafen. Wie wollen Sie die Generation Internet für Puppenkisten interessieren? TV-Jim-Knopf ist 40 Jahre her ...

Sie spielen auf die digitale Puppenkiste an. Darüber haben wir diskutiert. Vom virtuellen Rundgang durch die Räume der Puppenkiste bis zu einem virtuellen Stück, virtuellem Puppenführen, das sind Dinge, die man machen könnte. Warum nicht ein Computerspiel, ausgehend beispielsweise von der Wii-Konsole? Wo die Kinder mit eigener Bewegung die Figuren laufen lassen können. Zu zweit, zu dritt, wo man sich selber einen Hintergrund basteln kann, kreativ sein kann.

Warum ist das Fernsehen überhaupt so wichtig für die Augsburger Puppenkiste?

Wegen der Breitenwirkung. Damit man sieht, dass die Puppenkiste nicht nur ein Kindertheater aus grauer Vorzeit ist, sondern aktives Marionettentheater, mit 16 fest angestellten Puppenspielern.

Hat das Fernsehen die Puppenkiste reich gemacht?

Nein, mit den Fernsehproduktionen haben wir die Sommerzeit überstanden. Wir konnten damals gar keine Vorstellung geben, weil es noch keine Klimaanlage im Theater gab. Da hatten wir im Zuschauerraum 35, 40 Grad. Reich werden Sie mit Puppenspielen nicht. Wir spielen zwar im Jahr 420 Vorstellungen bei einer Platzausnutzung von 96 Prozent. Aber ohne öffentliche Zuschüsse könnte dieses Theater nicht bestehen.

Das bleibt aber nicht nur etwas für Augsburger und Touristen.

Nein, außerdem treten wir auch in Kindergärten auf. Dazu kleinere Tourneen. Für den Herbst haben wir eine Einladung bekommen in den Oman. Und im vergangenen Jahr haben wir in Kuwait „Das kleine Känguru und der Angsthase“ gespielt, nach einem Buch von Paul Maar.

Wie fanden denn die Kuwaitis den Angsthasen?

Interessant. In Abu Dhabi besuchten wir Schulen. Die Kinder haben sich um uns geschart. Figurentheater oder gar Jim Knopf, das kannten die überhaupt nicht.

Nehmen Sie dann auch diese Guckkastenbühne mit, wie es im Fernsehen vermittelt worden ist – Klappe auf, Spiel geht los?

Nein, die lassen wir in Augsburg. Unterwegs treten wir in offener Spielweise auf.

Gefällt Ihnen im Kinderfernsehen etwas?

Nein, das ist größtenteils lieblos gemacht. Schauen Sie mal Super RTL. Die neuen Märchenverfilmungen bei Öffentlich-Rechtlichen gefallen mir gut. Trotzdem, die Fantasie des Kindes bleibt bei Computeranimationen auf der Strecke.

Und beim Figurentheater ...

… wenn da der Zuschauer nicht kreativ drauf einsteigt, ist das tote Materie. Eben ein Holzkopf. Und die Plastikfolie, die die Kinder in der Puppenkiste sehen, ist Wasser. Eindeutig. Ich bin der Überzeugung, dass das, was wir anbieten, mit einfachen Mitteln etwas darzustellen, die Kreativität und Fantasie fördert. Hoffentlich auch bald wieder im Fernsehen.

Klaus Marschall, seit 1992 Leiter der Augsburger Puppenkiste, die er von seinen Eltern übernahm. Seine 2003 verstorbene Mutter Hannelore schnitzte die Marionetten.

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