Interview : "Wie kommt jemand zu so einer irrsinnigen Tat?"

Selten wurde über einen neuen Krimi, einen neuen TV-Kommissar so viel diskutiert wie beim Münchner „Polizeiruf 110“. Matthias Brandt über Terror, Jugendschutz, das Faible für Mörder und Ermittler – und seinen Vater.

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Matthias Brandt
Matthias BrandtFoto: Bella Halben

Noch ein Serien-Kommissar im deutschen Fernsehen. Hatten Sie Bedenken, den Job im „Polizeiruf“ anzunehmen?

Da kann man natürlich auch nein sagen. Außerdem, wenn alles mit richtigen Dingen zugegangen wäre, würden Sie jetzt hier mit Jörg Hube sitzen….

...der ursprünglich als neuer Münchner „Polizeiruf“-Kommissar geplant war und der im Juni 2009 überraschend verstarb.

Genau. Die Geschichte war ja nicht unbelastet. Sagen wir so, ich war nicht auf der Suche nach einem Job als TV-Kommissar, so nach dem Motto: Wo wird der nächste „Tatort“ frei? Ich habe mich auch deswegen für diesen „Polizeiruf“ entschieden, weil ich das ungewöhnliche Format mit seinen Vorgängern Edgar Selge und Michaela May gut kannte und sehr mochte. Das hatte meine große Sympathie.

Wie ungewöhnlich sind Sie, wie ungewöhnlich ist dieser Kommissar Hanns von Meuffels, der aus dem hohen Norden nach Bayern kommt, als Preuße nach München?

Schau'n wir mal. Wir haben beim Bayerischen Rundfunk von Anfang an über diese Figur geredet. Ernst wird es, wenn so eine Figur zum Leben erweckt wird. Im Moment ist das noch eine Phase, wo sich die Figur von Folge zu Folge weiter definiert. Das macht großen Spaß.

Was macht mehr Spaß: einen Kommissar zu spielen oder einen Mörder, Gut oder Böse?

Im „Tatort“ habe ich die Leute umgebracht, im „Polizeiruf“ überführe ich die Mörder. Täter-Figuren sind auch oft interessant, weil sie oft mehr Fleisch haben, größere Widersprüchlichkeiten in sich.

Sie sprachen davon, dass diese Ermittler-Figur Zeit und Geduld braucht, auch für den Zuschauer, angefangen mit der heutigen Folge, „Cassandras Warnung“. Diesbezüglich hat Ihnen Ihr neuer Arbeitgeber, der Bayerische Rundfunk, gleich mal einen Bärendienst erwiesen.

Weil sie die die zweite Ausgabe „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ aus Jugendschutz-Gründen ins Spätprogramm verschoben haben? Tja, das war anfangs sicher anders gedacht.

In dieser Folge verübt ein Selbstmordattentäter einen Bombenanschlag in einem Münchner Fußgängertunnel. Der Bayerische Rundfunk sagt, dass eine Vielzahl realitätsnaher und intensiver Sequenzen bei einem Sprengstoffanschlag sowie die durchgängige bedrohliche Grundstimmung des Films Jugendliche unter 16 Jahren nachhaltig verängstigen könnten.

Ich finde diese Formulierungen alle etwas undurchsichtig. Ich hätte anders argumentiert, und ich hätte auch anders entschieden.

Nun wird der Film zwei Tage früher als ursprünglich geplant, am 23. September, gezeigt. Um 22 Uhr.

Aus dem Sonntags- wird ein Freitagskrimi. Das sind statt sechs oder sieben Millionen Zuschauer vielleicht zwei Millionen, oder drei.

Das kann Ihnen nicht egal sein.

Das ist mir natürlich nicht egal. Das Paket der beiden ersten Folgen war ein bewusstes zur Etablierung dieser neuen Ermittler-Figur.

Würden Sie denn Ihre Kinder diesen Bomben-Krimi schauen lassen?

Ich habe eine zwölfjährige Tochter. Mal abgesehen davon, dass ich grundsätzlich der Meinung bin, dass Zwölfjährige nicht zwingend um 20 Uhr 15 einen „Tatort“ oder „Polizeiruf“ gucken müssen, schon gar nicht ohne die Eltern, würde ich der Argumentation widersprechen, dass dieser „Polizeiruf“ im Vergleich zu dem, was dort sonst zu sehen ist, einen besonders verstörenden Charakter hat. Gewaltdarstellungen und das Zeigen der Folgen von Gewalt, das ist in einem Kriminalfilm nichts Ungewöhnliches.

In „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ sieht man nach dem Anschlag im Tunnel minutenlang Tote und Verschüttete, die schreien, ein Kinderrad auf dem Boden…

…aber das ist kein Selbstzweck oder Effekthascherei, sondern dramaturgisch sinnvoll eingebettet. Man kann ein Attentat nur dadurch zeigen, indem man auch zeigt, was es anrichtet. Denken Sie an Norwegen. In dem Moment, wo es die Dinge wie Terror gibt, sind sie thematisierbar im Rahmen eines solchen Films.

Aber wie?

Vielleicht müssen die Ermessensspielräume in Sachen Jugendschutz neu definiert werden. Wenn ein Kind sich mit acht Jahren einen Kinderfilm nachmittags im Fernsehen anguckt, und da kommt plötzlich ein Trailer für den „Polizeiruf“ abends, wo drei Wasserleichen rausgezogen werden, dann ist das ja auch nicht leicht zu verkraften.

Dieser von Meuffels, den Sie spielen, erlebt den vermeintlich ersten Anschlag Al Qaidas auf deutschem Boden. Fahren Sie selber gerne zu Stoßzeiten U- oder S-Bahn?

Ich bin kein so ängstlicher Mensch, wenn Sie das meinen. Was soll man auch machen, bei der Flut an Informationen, die uns zur Verfügung stehen. Ich habe bei 9/11 das zweite Flugzeug live am Fernseher in den Turm fliegen sehen, wie viele. Das ist nach wie vor einer der schockierendsten Momente meines Lebens. Wir funktionieren generell über ein gewisses Maß an Verdrängung, weil wir sonst nicht funktionieren.

Wo haben Sie denn die Ereignisse vom 11. September 2001 verfolgt?

Ich war zu Hause. Ziemlich präzise erinnere ich mich daran, wie ein Freund anrief. Ich ging, meine damals zweijährige Tochter auf dem Arm ans Telefon und hörte nur: „Mach den Fernseher an, mach den Fernseher an“.

Der Satz, der an diesem Tag wohl millionenfach gesagt wurde.

Kurz nachdem ich das getan hatte, sah ich, wie die zweite Maschine in den Turm flog. Seltsam war, wie man einerseits das Gefühl hatte, etwas Unwirkliches mitzuerleben, und wie gleichzeitig, im Verlauf der Stunden das Gefühl in einem hochwaberte, die Welt würde jetzt nicht mehr so sein wie vorher. So war es ja dann auch.

In dem inkriminierten Film des Bayerischen Rundfunks sitzen Sie nun, nach dem Anschlag im Tunnel, neben dem sterbenden, jungen Attentäter, halten ihm die Hand. Was ist das genau: Mitgefühl? Hass? Empathie?

Das war und ist nicht so eindeutig, schon gar nicht bei einem Ermittler wie dem Hanns von Meuffels, der stark über ein Verstehen-wollen des Täters arbeitet. Der wird am Tatort gebeutelt von widersprüchlichsten Empfindungen. Mich interessiert immer die Frage: Wie kommt jemand zu so einer irrsinnigen Tat?

Apropos Empathie, machen wir einen Schnitt. Es gab in Deutschland nicht zuletzt durch das Buch von Walter Kohl diese Sohn-berühmter-Vater-Debatte. In einem Buch Ihres Bruders Lars Brandt ist auch vom abwesenden Vater, dem ehemaligen Bundeskanzler Willy Brandt, die Rede. Macht es Ihnen eigentlich etwas aus, stets auch noch zu diesem Thema befragt zu werden?

Nein, das ist Teil meiner Biografie. Das gehört zu mir. Es erscheint mir aber nicht sinnvoll, mich in meinem Alter noch darüber zu definieren. Ich habe meinen Vater im Wesentlichen nicht als öffentliche Figur erlebt, sondern privat, mit Auseinandersetzungen und positiven Erfahrungen.

Ein Teil des Lebens als Kanzlersohn, das muss doch prägen.

Wissen Sie, bei allem, was ich beruflich mache, bin ich sowieso angewiesen auf meinen privaten, emotionalen Fundus. Ich gehe immer aus von Dingen, die ich erfahren habe. Das ist ein ganz organischer Vorgang. Da unterscheide ich mich, glaube ich, gar nicht so sehr von den Kollegen

Haben Sie das Kohl-Buch gelesen?

Nein, nur die Berichte darüber. Das scheint ein wirklich (überlegt lange) …ziemlich trauriges Schicksal, was mir da entgegenkommt. Wobei ich sagen muss, da sind die Parallelen zu meinem Leben und dem meiner Brüder doch sehr begrenzt.

Lars Brandt beschreibt in seinem 2006 erschienenen Buch „Andenken“ sehr eindringlich das Verhältnis zu seinem 1992 verstorbenen Vater, wobei er die widersprüchlichen Aspekte in dessen Charakter nicht verschweigt. Ein sehr guter Schauspieler wie Sie sollte widersprüchliche Figuren mögen.

Sicher.

2003 haben Sie im Film „Im Schatten der Macht“, der die letzten Tage vor dem Rücktritt Willy Brandts vom Amt des Bundeskanzlers schildert, die Rolle des DDR-Spions Günter Guillaume gespielt, einem der engsten Mitarbeiter Ihres Vaters. Würden Sie auch mal Willy Brandt spielen?

Nein. Ich glaube nicht, dass das für mich Sinn machen würde. Ich finde mich da auch nicht so eine gute Besetzung. Wahrscheinlich wäre man da auch zu befangen. Das Spielen macht dadurch Spaß, dass man eine Figur erfinden kann. Das kann ich bei meinem Vater nicht.

Das Gespräch führte Markus Ehrenberg.

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