Interview : "Wir müssen wieder Gutes vorlegen"

Dominik Graf bekommt am Freitag seinen siebten Grimme-Preis. Insgesamt ist er schon gut zwei Dutzend Auszeichnungen gesammelt. Im Tagesspiegel-Interview spricht der Kino- und TV-Regisseur über den Autorenfilm, TV-Events und Quotenpäpste.

Domimik Graf
Der Regisseur Dominik Graf hat schon gut zwei Dutzend Preise gesammelt. -Foto: dpa

Herr Graf, am Freitag bekommen Sie Ihren siebten Grimme-Preis verliehen. Damit haben Sie Heinrich Breloer eingeholt.

Ich sehe das nicht als sportiven Wettbewerb. In den letzten drei Jahren habe ich einfach Glück gehabt: mit sehr guten Drehbüchern und der Möglichkeit, die riskanten Stoffe auch konsequent umsetzen zu können.

Das Niveau des Fernsehfilms ist derzeit so hoch wie nie. Warum sind sperrige Stoffe trotzdem nur im Rahmen des Reihenkrimis möglich?

Der deutschen Kinolandschaft fehlt seit Jahrzehnten das Vertrauen, ihre brennendsten Themen ebenso populär wie intelligent und knallhart anzupacken. Die Aufarbeitung des „Dritten Reichs“ ist ja immer noch nicht an einen wirklich tiefenscharfen Punkt gelangt. Die Möglichkeit, Gegenwart, Politik, gesellschaftliche Entwicklungen spannend, trivial und lebensnah, bitterböse und unterhaltsam gleichzeitig zu behandeln – diese Chance kriegt man nur noch im Rahmen des Thrillers. Das ist aber keine Entwicklung nur der letzten Jahre.

Sie bevorzugen den Thriller.

Als ich in den Siebzigern auf der Filmhochschule anfing, war der Thriller eine Fluchtreaktion auf den deutschen Autorenfilm, dem ich stets misstraut habe. Seine Künstlerposen und seine pflichtgemäß teutonisch verklemmten Figuren haben mich nie überzeugt. Im Thriller oder im Milieufilm konnte man andere Töne anschlagen und offensivere Figuren erzählen.

Was macht Ihre Filme zu Kunst?

Alles, was kein astreiner Genrefilm ist, ist bei uns immer in der Nähe zum Kunstgewerbe. Die Melodramen, die ich für das ZDF gemacht habe, sind artifiziell, weil diese Form den Geschichten angemessen ist: Sie spielen in der Upper- Class, in gläsernen Gefängnissen. Diese Art von künstlichem Leben, das man da erzählt, reflektiert sich auch in der filmischen Form.

Schreckt Kunst die Zuschauer ab? Ihre letzten Kinoarbeiten waren kommerziell nicht sonderlich erfolgreich.

Der „Felsen“ war ein Experimentalfilm, und der „Rote Kakadu“ kam am Ende der ganzen Ostalgiewelle, er war wie eine Art Fortsetzung zu „Good Bye Lenin!“. Andererseits: Ohne die populären Vorgänger wäre der „Kakadu“ ja erst gar nicht gemacht worden.

Der DDR-Stoff funktioniert im Fernsehfilm ungemein gut, wenn Veronica Ferres noch die Hauptrolle übernimmt, sind zehn Millionen Zuschauer nicht unüblich. Können Sie das erklären?

Die meisten TV-Event-Produktionen sind doch von der ersten Minute an von einem alles durchdringenden Emotionalisierungs- und Dramatisierungswillen gepeitscht: im Spiel der Schauspieler, in den Dialogen, in der Musik. Beim „Kakadu“ wollten wir in aller Ruhe die Zeit beschreiben, um die es ging. Wir wollten versuchen, sozusagen einzelne Sekunden einer unbekannten deutschen Vergangenheit zu bewahren – in der Hoffnung, dass sich die Zuschauer langsam dem Film öffnen.

Für Ihren ZDF-Film „Eine Stadt wird erpresst“ haben Sie zwar den Grimme-Preis bekommen. Die Quote aber war mager.

Quotenhits haben mit den wahren Schönheiten von Filmen absolut gar nichts zu tun. Der Stoff von Rolf Basedow war grandios, wir haben versucht, ihn bestmöglich umzusetzen, der Film hatte unter vier Millionen Zuschauer. Hätte man ihn deshalb nicht machen sollen? Ich bin stolz auf „Eine Stadt wird erpresst“. Sollen wir jetzt alle „Schwarzwaldklinik“ drehen, weil die Quotenpäpste die Zuschauer womöglich nicht mehr beunruhigen wollen? Vielleicht ist auch der Traum vom Thriller als letztes echtes Populärfilmreservat in Deutschland tatsächlich ausgeträumt, wer weiß?

An Ihrem Nimbus wird sich nichts ändern, oder gibt es Stoffe, die Sie nicht realisieren können?

Na klar, nix da mit „Nimbus“. Ein mit Teamworx geplanter groß angelegter Zweiteiler über Lotte Lenya, die Interpretin der Brecht-Lieder, oder eine Schlüsselgeschichte über die Rolle der Deutschen Bank während des Kalten Krieges sind nie zustande gekommen. Der Autor Christoph Fromm hat den Roman „Die Macht des Geldes“ daraus gemacht. Ich finde den Stoff immer noch enorm spannend.

Woran sind die Projekte gescheitert?

Bei „Lenya“ waren es bislang Rechteprobleme. Bei „Macht des Geldes“, einem Politthriller, spielt wohl die Skepsis der Auftraggeber eine Rolle: Ich gelte zwar als Spezialist für Thriller, und so lange die Budgets überschaubar bleiben, habe ich es sicher einfacher als einige andere Kollegen. Aber wenn ich aus dem mir zugewiesenen Gehege des Neunzig-Minuten-Polizeifilms ausbrechen möchte, wird es manchmal genauso schwierig wie für jeden anderen.

Für die ARD drehen Sie im Frühjahr „Im Angesicht des Verbrechens“ – einen Thriller im Format der Serie. Haben es Serien derzeit nicht denkbar schwer?

Serienlängen habe ich schon bei den „Fahndern“ in den Achtzigern fast mehr geliebt als die ewigen Neunzigminüter. Man kann die Serie als Ganzes episch erzählen und in den kurzen Folgenlängen wiederum ganz andere Akzente setzen. Bei „Im Angesicht des Verbrechens“ geht es um zwei junge Berliner Polizisten, die sehr tief in die Strukturen der Kriminalität eintauchen.

Das klingt ein bisschen wie „Blackout“ – die Sat-1-Serie, die im Quotensumpf endete. Die ARD will „Im Angesicht des Verbrechens“ im Anschluss an die Freitagsfilme zeigen. Trifft die Serie da nicht auf das falsche Publikum?

Sie machen mir ja richtig Mut. Das ist eher eine Frage für die Programmstrategen. Mit „Blackout“ haben die Story, ihre Erzählform und ihre Figuren aber überhaupt nichts zu tun. Ich bin überzeugt, dass wir deutschen Regisseure bei den Serien erst mal wieder was Gutes vorlegen müssen, damit sich das Publikum daran gewöhnt. Der „Kriminaldauerdienst“ im ZDF war ein Beispiel.

Sie haben nie für Privatsender gearbeitet. Warum nicht?

Die wollen mich gar nicht. Dabei wurden dort gerade in den Neunzigern ein paar gute Filme produziert. Der triviale Ansatz für Thriller ist ja auch oft viel spannender als der Anspruchs- und „Qualitäts“-Ansatz. Um offen zu sein: Mich stören zu sehr der künstliche Look der Filme und die Werbeunterbrechungen. Die sind mir schon als Zuschauer ein totaler Gräuel.

Die Fragen stellte Tilmann P. Gangloff.

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