Interview : „Wir sind eine Heldentruppe“

Krawallreporter oder Spontaninterviewer? Christoph Lütgert geht seine Gesprächspartner wie Carsten Maschmeyer oder Kanzlerin Angela Merkel frontal an. Ein Interview über die Kraft und die Kunst des Fragens.

„Die Kik-Story“: Christoph Lütgert bei der Arbeit. Foto: NDR
„Die Kik-Story“: Christoph Lütgert bei der Arbeit. Foto: NDRFoto: NDR

Herr Lütgert, die einen halten Sie für den größten Krawallreporter im deutschen Fernsehen, für die anderen sind Sie der Held des investigativen Journalismus. Wie viel Spaß macht Krawallmachen?

Ich bin kein Krawallmacher. Sie spielen auf das an, was wir Spontaninterviews nennen. Wer es unbedingt negativ benennen will, spricht von Überfallinterviews. Die machen wir aber nicht aus Jux und Dollerei.

Aber Spaß muss nun mal sein, oder?

Ob Sie es glauben oder nicht: Ich bin in der Redaktion derjenige, der die meisten Skrupel hat. Wir prüfen in jedem Fall intensiv, ob wir es machen oder nicht. Wir überfallen niemanden, der privat frühmorgens zum Bäcker geht. Das würde ich nie tun. Und noch was zum vermeintlichen Helden des investigativen Journalismus: Ich präsentiere die exzellenten Recherchen einer exzellenten Redaktion. Wir sind allenfalls eine Heldentruppe.

Kein Überfall. Aber was dann?

Nehmen wir Herrn Maschmeyer und den Fall des AWD. Wenn Sie, wie wir es getan haben, unwiderlegbar behaupten, dass dieser Mann Tausende ins Unglück gestürzt hat, wenn Sie, wie wir, Herrn Maschmeyer immer und immer wieder um ein Interview gebeten haben ...

... und es das gute Recht von Herrn Maschmeyer ist, Ihnen ein Interview zu verweigern ...

... dann wollen Sie wenigstens zeigen, wie so ein Mann auf Vorhaltungen reagiert. Immer nur aus dem Hintergrund zu agieren und sich nie der eigenen Verantwortung zu stellen, das geht nicht. Das ist auch eine Frage der Moral. Das Tolle war doch, dass er uns mehrfach Zusagen für ein Interview gegeben, dann aber immer wieder abgesagt hat.

Geschickt, der Mann.

Ich finde das skrupellos. Und dann habe ich als Journalist keine Skrupel mehr, diesen Mann mit dem zu konfrontieren, was er angerichtet hat. Am besten vor der Kamera. Dann kann er dem Publikum sein Tun und Handeln erklären. Und außerdem: Wir haben Herrn Maschmeyer ja gar nicht überfallen. Wir hatten eine Drehgenehmigung auf einer öffentlichen Veranstaltung in Frankfurt. Dort durften wir filmen, wen wir wollten. Ich bin ganz artig an den Tisch gegangen, an dem Herr Maschmeyer stand, und habe gefragt, ob er uns vielleicht doch einen Termin gewähren wolle. Mehr war nicht.

Spontaninterviews geben auch immer schöne Bilder. Bilder, die jeden Film schmücken.

Wir machen das nicht als Effekthascherei. Wenn wir es machen, ist es die journalistische Ultima Ratio. Und zu den Bildern: Wir sind beim Fernsehen, da brauchen Sie nun einmal Bilder. Und die Zuschauer mögen das, was wir Presenter-Fernsehen nennen. Nicht alle, aber viele.

Brauchen wir das Presenter-Fernsehen wirklich, wie die Reporter-Magazine auch genannt werden? Oder ist das eine Mode, die vorüberzieht?

Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Das Presenterformat polarisiert. Meine Frau zum Beispiel mag’s nicht. Sie sagt, sie will mich nicht dauernd im Bild sehen, sie will die Ergebnisse meiner journalistischen Arbeit sehen. Mein Sohn dagegen findet’s toll.

Der Herr Lütgert vom NDR, der Anwalt der kleinen Leute.

Geschenkt. Sie glauben gar nicht, was wir alles an erschütternden Zuschriften bekommen. Das würde auch Ihnen unter die Haut gehen. Die Zuschauer identifizieren sich auf eine Weise mit uns, das hat es vorher so nicht gegeben.

Was machen Sie eigentlich, wenn Sie nur zeigen können, wie der Reporter vor verschlossenen Türen steht?

Das geht nicht, und das ist dann auch keine Reportage. Aber wir können ja auch anders. Bei unserer Reportage über die üblen Tricks von Versicherungen, wenn sie nicht bezahlen wollen, war nicht ein sogenanntes Spontaninterview dabei. Weil wir es nicht gebraucht haben. Natürlich darf das Stilmittel Spontaninterview nicht zur Marotte verkommen, wir wären ja dumm, wenn wir das zuließen. Ich bin froh um jedes Spontaninterview, das ich nicht machen muss.

Warum denn das?

Weil es nicht immer angenehm ist. Erstens steht der Reporter, also ich, unter einem großen psychischen Druck, zweitens habe ich immer nur einen Versuch. Beim ersten Mal muss es sitzen, eine zweite Chance kriegen Sie nicht. Sie können ja nicht sagen, liebes Opfer, ich habe mich da ein bisschen verhaspelt, können wir noch mal von vorne anfangen?

Es gibt auch für Sie ein Risiko?

Aber ja! Sie können sich zum Beispiel ganz leicht lächerlich machen, Sie können krawallig wirken, Sie können besserwisserisch wirken. Vielleicht sagen Sie jetzt, Herr Lütgert, vielen Dank für die korrekte Selbsteinschätzung, aber ich kann Ihnen sagen, ich bemühe mich sehr, das alles zu vermeiden.

Was gewinne ich als Zuschauer, wenn ich sehe, wie der Herr Lütgert der Frau Bundeskanzlerin in die Parade fährt?

Wie ich da behandelt worden bin, das fand ich wirklich unverschämt.

Sie als harter Hund werden doch jetzt nicht das Jammern anfangen.

Auch wenn ich ein harter Hund bin, dann muss mir ja trotzdem nicht alles Spaß machen. Bei Frau Merkel war es so, dass ich mir zuerst die Beine in den Bauch stehen musste, dann wie ein dummer Junge weggedrängt wurde und dann kam da auch noch dieser Sprecher von Frau Merkel, der mir jovial, als wär’ er ein alter Kumpel, die Hand auf die Schulter legte.

Hatten Sie einen Termin bei Frau Merkel?

Was meinen Sie, wie viele Zusagen wir für ein Interview hatten? Und? Nichts. Diese Frau hält keine Zusagen. Was wollen Sie da machen? Es ging immerhin um die verantwortungslose Politik der früheren Umweltministerin Merkel bei der atomaren Entsorgung. Das Desaster des Endlagers Morsleben hat den Steuerzahler zwei Milliarden Euro gekostet hat. Und dann wollen Sie mir sagen, der Skandal sind nicht die zwei Milliarden, sondern dieser Lütgert mit seinem Mikrofon? Tut mir leid, da komme ich nicht mehr mit.

Was kommt als Nächstes?

Wahrscheinlich eine Geschichte über deutsche Gefängnisse.

Ein echter Lütgert.

Ein echtes Produkt einer hartnäckigen Redaktion, zu begutachten am 2. April im NDR-Fernsehen.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

Christoph Lütgert, geboren 1945 in Bad Wilsnack, arbeitete zunächst für die Nachrichtenagentur dpa, ehe er Bonner Korrespondent für den NDR-Hörfunk wurde. 1988 wechselte Lütgert zum Fernsehen und wurde Erster Reporter beim Politmagazin „Panorama“, später Chefreporter des NDR. Aufsehen erregten besonders Reportagen über den Textil-Discounter KiK („Die Kik-Story“) und über den AWD („Der Drückerkönig und die Politik“). Der Journalist wurde für seine Investigationen mehrfach ausgezeichnet.

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