Interview : „Wir sind ja Teil des Wohnzimmers“

Claus Kleber über die Kritik am neuen ZDF-Nachrichtenstudio, Nebenjobs von Moderatoren und – „Die Bombe“

289720_0_26eea5b0.jpg Foto: ZDF
Der Anchorman Claus Kleber im neuen Studio.Foto: ZDF

Herr Kleber, wie fühlt sich das an, jeden Tag in der „grünen Hölle“?

Schon einen Tag nach der Premiere im neuen Studio haben Gundula (Gundula Gause, Klebers Kollegin; d. Red.) und ich uns angeguckt und gesagt: „Das war doch wie immer.“ Die Sendung lief so, als würden wir dort schon ein Jahr arbeiten.

Worin besteht die größte Umstellung?

Dass die erklärenden Grafiken nun ein Stück Interaktion zwischen dem Moderator und dem Bild verlangen. Das ist gewöhnungsbedürftig, aber es eröffnet neue Möglichkeiten zu erklären.

Im Internetforum des ZDF wurde so heftig über das Studio diskutiert, dass es geschlossen wurde. Gab es Kritikpunkte, denen Sie sich anschließen können?

Ja, zum Beispiel, dass die Schrift nicht kontrastreich genug ist. Ich habe die Übergänge von meiner Moderation zu den erklärenden Elementen noch nicht voll im Griff. Wir arbeiten sehr hart daran, die richtige Form zu finden – mit den Grafiken und der Bewegung im Raum. Das wird trotz der langen Probezeit noch monatelang dauern.

Es gibt auch eine originelle Weltkarte.

Die Weltkarte ist eine Dekoration, keine Orientierungshilfe. Und kein Mensch wird sie als Erdkunde-Atlas benutzen, um seinen Kindern zu zeigen, wo die Innere Mongolei liegt.

Gerade die Mongolei kann man ja noch gut erkennen.

Könnte man, ja, über meiner rechten Schulter.

Viele Zuschauer empfinden das neue Studio als zu kalt.

Man kann natürlich in einem virtuellen Studio jederzeit die Farbe ändern, aber wir halten die Farbe für die richtige. Wissen Sie, wir werden jeden Abend von drei bis fünf Millionen Haushalten gesehen und sind dort praktisch Teil des Wohnzimmers. Das wurde nun einfach umdekoriert. Da verstehe ich, dass es eine Zeit lang dauert, bis man sich daran gewöhnt hat.

Ist es nicht richtig, dass Positionswechsel, 3D-Animationen und ein beweglicher Hintergrund ablenken und der Verständlichkeit der Informationen nicht dienen?

Die minimale Dynamik im Hintergrund war ein Versuch, das Bild ein Stück interessanter und anziehender zu gestalten. Das ist nicht bei allen gut angekommen, aber doch bei vielen.

Zugleich sind Sie als Autor tätig und zeigen ab Mittwoch den Dreiteiler „Die Bombe“, in dem es um die Bedrohung durch Atomwaffen geht. Was war das überraschendste Ergebnis der Recherche?

Vielleicht war der überraschendste Moment, als Saif Gaddafi, der Sohn des libyschen Revolutionsführers, Israel als eine große Zivilisation bezeichnet hat, die für Libyen ein Vorbild sein könnte, weil es ähnlich groß ist, aber mehr erreicht hat. Und bemerkenswert war auch, als Russlands Staatspräsident Putin auf meine Frage, ob er sich vorstellen könnte, Sicherheit ohne Atomwaffen zu garantieren, energisch antwortete: „Aber natürlich! Wenn alle auf Atomwaffen verzichten, sind wir dabei.“

Ist also eine atomwaffenfreie Welt, die US-Präsident Barack Obama anstrebt, keine Illusion?

Eine Illusion ist sie nicht, sondern ein Traum, das ist ein feiner Unterschied. Ich halte es nach all den Recherchen nicht nur bei den großen Supermächten, sondern auch im Iran, in Pakistan oder Brasilien, für absolut notwendig, dass eine globale Abrüstung angestrebt wird. Und es wird nicht passieren, wenn die Großen nicht vorangehen.

Wie realistisch ist die Furcht, dass Terroristen Atomwaffen zünden könnten?

Die große Sorge der Sicherheitskräfte ist die Zündung einer dreckigen Bombe, also einer konventionellen Bombe, angereichert mit radioaktivem Abfall aus einem der vielen Depots auf der Welt. Gegen diese Gefahr werden etwa in New York Vorkehrungen getroffen in einem Ausmaß, das mich überrascht und auch schockiert hat.

An welchen Orten konnten Sie nicht drehen? Wer wollte nicht mit dem ZDF reden?

Barack Obama war bereit, doch das Interview ist aus Termingründen gescheitert. Wir haben uns, leider vergeblich, sogar um den Papst bemüht, weil wir glauben, dass das Thema eine tiefe moralische Dimension hat. Bei den eher irdischen Aspekten war es sehr schwierig, eine Drehgenehmigung für einen Stützpunkt der US Air Force in Montana zu bekommen. Dagegen waren wir davon überrascht, wie offen die Russen waren.

Ist es bei so viel Recherche-Aufwand nicht schade, dass der Dreiteiler in der Urlaubszeit gezeigt wird?

Ich halte es für wichtig, dass wir in einem Jahr, in dem wir wegen der Wahlen stark nach innen schauen, die großen Weltprobleme nicht vergessen. Das war auch der Wunsch von Chefredakteur Nikolaus Brender. Wir sind mit den ersten beiden Teilen nach zwei hoffentlich sehr populären Fußballspielen platziert, da habe ich den Sendeplatz gerne genommen.

Themenwechsel: Nachdem das NDR-Medienmagazin „Zapp“ über die Nebentätigkeiten von Fernsehmoderatoren, unter anderem auch von Ihnen, berichtet hatte, wird nun erwogen, dass die Höhe der Honorare in Zukunft offengelegt werden soll. Halten Sie das für begrüßenswert?

Wenn diese Regel für alle gilt, auch für Politiker und Manager, bin ich gerne dabei. Das wird bei mir aber nicht so übermäßig interessant.

Sehen Sie nicht Ihre Glaubwürdigkeit als Journalist in Gefahr, wenn Sie Einladungen von Unternehmen annehmen, deren Chefs Sie theoretisch am nächsten Tag in der Sendung kritisch zu befragen hätten?

Solche Einladungen habe ich noch nie angenommen. Ich bin publizistisch tätig: Ich moderiere Sendungen, ich schreibe Bücher, ich halte Vorträge, ausschließlich Fachvorträge über die USA – das ist mein Job. Ich wüsste nicht, warum das ein Problem für meine Unabhängigkeit sein sollte.

Wo halten Sie diese Vorträge?

Häufig bei Banken und Sparkassen. Niemand, der für eine kritische Bilanz im „heute-journal“ in Frage käme, ist mir dort jemals begegnet.

Es heißt, dass Sie 20 000 Euro pro Vortrag erhalten.

Das ist falsch.

Heißt das: mehr oder weniger?

Weniger. Aber immer noch viel Geld.

Angeblich spenden Sie den Großteil des Honorars.

Großteil? Auch das ist nicht richtig.

Das Interview führte

Thomas Gehringer.

Claus Kleber, 53, berichtete 15 Jahre lang als Korrespondent für die ARD aus den USA. Seit 2003 moderiert er das „heute-journal“und schlug dafür vor zwei Jahren das Angebot aus, Chefredakteur des „Spiegel“ zu werden. Das ZDF-„heute-journal“ erhielt vor einer Woche ein neues,virtuelles, 30 Millionen Euro teures Nachrichtenstudio. Für das Mainzer Imageprojekt gab es auch viel Kritik. Am kommenden Mittwoch läuft der erste Teil von Claus Klebers dreiteiliger Dokumentation „Die Bombe“ (ZDF, 22 Uhr 45) über die Gefahren eines Atomkrieges.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben