Interview zum Eurovison Song Contest : "Ich bin bekennender Lenastheniker"

ARD-Programmdirektor Volker Herres über den Star für Oslo, die Kooperation mit Stefan Raab und ernste Zeiten

Unser Trio für Oslo. Lena Meyer-Landrut wird Deutschland beim „Eurovision Song Contest“ vertreten. Stefan Raab (Mitte) hat sie mit entdeckt. ARD-Programmchef Volker Herres freut sich für beide und am meisten über den Erfolg für das Erste.Foto: Davids/Siewert
Unser Trio für Oslo. Lena Meyer-Landrut wird Deutschland beim „Eurovision Song Contest“ vertreten. Stefan Raab (Mitte) hat sie mit...Foto: DAVIDS

Herr Herres, sagen Sie Lena oder Lena Meyer-Landrut?

Ich sage Lena. Wie Nicole.

Was macht das Phänomen Lena aus? The Girl next door?

Sie hat ein bezauberndes Wesen und eine Natürlichkeit, die viele Menschen fasziniert. Beim Finale des Vorentscheids waren Menschen ganz unterschiedlichen Alters und ganz unterschiedlicher Milieus in der Halle – und alle hatten leuchtende Augen. Lena muss irgendetwas haben, das die Menschen verzaubert. Auch ich bin bekennender Lenastheniker

Lena muss den „Eurovision Song Contest“, die ARD, ja ganz Deutschland retten. Ist das zu viel für einen einzigen Menschen?

Der „Song Contest“ muss ja nicht gerettet werden, den machen wir seit vielen Jahren mit großem Erfolg. Der „Song Contest“ war immer eine sensationell gut eingeschaltete Sendung. Gleichwohl wollten wir etwas Neues wagen und einen Star für Deutschland an den Start bringen, der Chancen hat, nicht auf den abgeschlagenen Plätzen zu landen. Nicht, weil wir unbedingt den „Song Contest“ gewinnen wollen, sondern weil der Wettbewerb gerade dann für das Publikum interessant wird, wenn man sich mit der deutschen Protagonistin identifizieren kann.

Was ist denn aus ARD-Sicht bei den Vorbereitungen auf den „Song Contest 2010“ besonders gut gelaufen?

Ganz toll gelaufen ist zum Beispiel die Kooperation von Radio und Fernsehen. Die ARD macht ja Radio und Fernsehen, und wenn sie beides zusammen einsetzt, kann sie eine gewaltige Woge erzeugen.

Wenn man die von Google News erfassten Nachrichten nimmt, kommt Lena derzeit auf 8900 Treffer. Die Kombination von Lena und ARD kommt nur auf 42 Nennungen. Ist die ARD in der öffentlichen Wahrnehmung wirklich da, wo sie sein will?

Das sollte man nicht vom Google-Suchlauf abhängig machen. Den Menschen ist schon klar, dass „Unser Star für Oslo“ eine Aktion der ARD ist. Der „Eurovision Song Contest“ fand immer in der ARD statt und Lena wird am 29. Mai in Oslo im Ersten Deutschen Fernsehen singen.

Für den ESC 2010 hat sich der NDR mit Pro-Sieben-Matador Stefan Raab verbündet. War das Klugheit plus das Eingeständnis: Wir, die ARD, können das nicht, aber Stefan Raab, ProSieben, die können es?

Das war es ausdrücklich nicht. Wir haben Stefan Raab nicht als Moderator eingesetzt. Wir haben die Kooperation mit Stefan Raab als Musikproduzent gesucht. Weil er jemand ist, der sehr viel von Musik versteht und mit unglaublicher Leidenschaft Musik macht. Er hat drei Mal in unterschiedlichen Rollen am „Eurovision Song Contest“ teilgenommen. Einmal als Interpret mit „Wadde hadde dudde da“, einmal als Produzent von Max Mutzke und auch bei Guildo Horn war er involviert. Jedes Mal waren das interessante Beiträge, die für viel Aufmerksamkeit gesorgt haben.

ARD und ProSieben wollten die Kräfte für diese nationale Aufgabe bündeln. Wo ist das noch nötig, wo ist es noch möglich?

Die sanfte Ironie dürften Sie sowohl bei mir als auch bei Stefan Raab herausgehört haben, als wir diese Aufgabe auf dem Dach des Reichstages bei der Vorstellung der Kooperation formuliert hatten. Das Ergebnis gibt uns, so glaube ich, recht. Es war eine Castingshow mit menschlichem Antlitz, weil es tatsächlich um Musik und nicht um das Vorführen von Leuten ging. Bei uns konnte man ohne Vorstrafen teilnehmen.

Üblicherweise wird über Vertragsverlängerung erst nach einem erfolgreichen Wettbewerb entschieden, ARD, ProSieben und Stefan Raab haben aber bereits eine Woche vor Oslo bekannt gegeben, ihre Zusammenarbeit 2011 fortzusetzen. Wie kam’s?

Wir machen den Erfolg dieser Kooperation ja nicht vom Abschneiden Lenas in Oslo abhängig. Für uns ist diese Zusammenarbeit mit dem Musikproduzenten Stefan Raab schon jetzt so erfolgreich, dass sich eine Fortsetzung anbietet. Never change a winning team!

Wird sich dadurch an der Arbeitsteilung etwas ändern oder daran, wer wie viele Sendungen beim Vorentscheid ausstrahlt?

Details sind noch nicht entschieden. Dafür ist nach Oslo noch genügend Zeit.

Stefan Raab darf mit der ARD-Unterhaltung eine Koalition der Gutwilligen bilden, ist das auch mit Dieter Bohlen denkbar?

Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.

Die ARD hat keinen „Beat-Club“ mehr, der „Rock-Palast“ zehrt von seiner Vergangenheit, dafür Lena-Wochen bei Raabs „TV total“. Welches Format können Sie sich für die ARD vorstellen, um jemals selber eine Lena zu entdecken?

Wir werden nicht zum Casting-Sender, dieses Format wird sich in der ARD beschränken auf den „Eurovision Song Contest“. Was Musik, junge Musik angeht: Wir haben den „Echo“ ins Erste zurückgeholt. Den machen wir auch weiter.

Zurück zum ESC-Finale am 29. Mai. Mit Lena gibt es neue Hoffnungen auf eine bessere Platzierung for Germany. Was werden die eisenharten Konsequenzen sein, wenn die Balkan-Connection, die Nordlichter-Fraktion oder die GUS-Länder wieder einen deutschen Sieg verhindern?

Dann wird die ARD die genannten Staaten aus der Eurozone ausschließen, beziehungsweise nicht aufnehmen.

Bleiben Sie bei Ihrer mathematisch begründeten Prognose, dass Deutschland dieses Mal den vierten Platz macht?

Diese Prognose war abgeleitet aus den bisherigen Platzierungen von Stefan Raab und seinen Künstlern beim „ESC“. Danach ist jetzt der vierte Platz dran.

Sie sind wohl der Einzige, der den „ESC“ mit Logik zu erfassen versucht. Das ist gefährlich.

Wenn’s nicht gefährlich wäre, würde es mir auch keinen Spaß machen.

Mit dem Finale am 29. Mai endet die Karriere von Lena ja nicht. Bleibt sie ein Zugpferd für das Erste?

Ganz egal, wie sie abschneidet, Lena wird weiter eine Rolle in der Musikszene spielen. Sie hat das große Talent, Menschen zu magnetisieren. Wenn sie weiterhin Musik macht, wird man sie auch in den Sendungen des Ersten sehen. Wir haben ja die Vaterschaft, wir sind ja quasi der „Erzeuger“.

Klasse, was aber passiert im Ersten?

No news today.

Nehmen Sie den ganzen Lena-Hype eigentlich nur wichtig oder nehmen Sie ihn auch ernst?

Meine Attitüde zum Leben ist: Es ist todernst zu nehmen, weil es ja tödlich endet. Im Ernst: Unterhaltung ist eine ernste Sache, muss aber Spaß machen.

Was ist wahrscheinlicher: Dass Deutschland Fußball-Weltmeister wird oder dass Lena in Oslo gewinnt?

Beides.

Das Interview führten Joachim Huber und Kurt Sagatz.

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