Interview zur Krimi-Premiere : „Ich kann schießen“

Anna Loos spielt die neue ZDF-Kommissarin Helen Dorn. Ein Gespräch über Waffen und Krimis, Wahrhaftigkeit und Glamour.

Coole Kommissarin. Anna Loos steigt ins ZDF-Krimigeschäft ein. Ihre Helen Dorn soll zwei Mal im Jahr ermitteln. Foto: imago
Coole Kommissarin. Anna Loos steigt ins ZDF-Krimigeschäft ein. Ihre Helen Dorn soll zwei Mal im Jahr ermitteln. Foto: imagoFoto: MARTIN_VALENTIN_MENKE

Frau Loos, Ihre neue Kommissarin Helen Dorn lässt sich nicht leicht umpusten. Sie ist eine eher sperrige Person.

Ich finde, eine gewisse Robustheit muss schon sein. Im wirklichen Leben sind Kommissare auch eher robuste Typen, die viel trainieren und Sport machen. Es gibt im deutschen Fernsehen zwar auch Kommissare mit etwas größerem Körperumfang. Aber nicht allzu oft im wirklichen Leben.

Woher wissen Sie das? Kennen Sie real existierende Kommissare?

Die Tochter meiner Kinderfrau ist Polizistin. Da habe ich einiges über den Polizeialltag erfahren. Außerdem habe ich mich natürlich gründlich auf die Rolle der Helen Dorn vorbereitet und mit Polizisten getroffen.

Was wissen Sie über Waffen?

Ich kann schießen. Ich habe am Schießstand geübt. Man muss ja wissen, wie sich das anfühlt. Das mit dem Schießen begann allerdings bereits in der DDR, mein Onkel war Vorsitzender eines Schützenvereins.

Haben Sie auch für die Volksverteidigung geübt?

Nee, da war ich nicht dabei. Wir haben einfach aus Spaß geschossen. Ich fand es damals interessant, eine Pistole auszuprobieren. Mein Opa hatte natürlich auch das übliche Luftgewehr, mit dem die ganze Familie auf Blechdosen schießen konnte.

Braucht Ihre Helen Dorn eine Waffe? Ist es denn da draußen wirklich so schlimm?

Es gab Anfragen, mich für Pressefotos mit der Waffe in der Hand zu fotografieren. Ich wollte das nicht. Helen Dorn trägt zwar eine Waffe, aber sie ist für sie nicht das Hauptarbeitsgerät. Das ist ihr Kopf. Helen Dorn ist kein Cowboy, sondern eine intelligente Frau, die weiß, dass die Probleme, mit denen sie es zu tun hat, nicht unbedingt mit Waffen zu lösen sind. Aber wenn es sein muss, dann wird auch die Waffe zum Einsatz kommen.

Wir haben gehört, Sie hätten die Figur der Helen Dorn mitentwickelt.

Da haben Sie sich verhört. Es gab Gespräche, in denen es darum ging, herauszufinden, wo wir lang wollen. Beispielsweise hat jeder gesagt, welche Krimis ihm gefallen. Bei mir sind das vor allem skandinavische Krimis. Es ging im Prinzip darum, eine gemeinsame Tonart zu finden. Wir haben uns dann auf dis-Moll geeinigt. Matti und Magnus Vattrodt im Team bedeutet, zwei Rennpferde im Stall zu haben, die man einfach nur noch laufen lassen muss. Und mit Matti Geschonneck, dem Regisseur, arbeiten zu dürfen, ist sowieso eine große Freude und ein Geschenk.

Helen Dorn ist eine eher geheimnisvolle Person. Man weiß zum Beispiel nicht, wo sie herkommt, sie hat keine eigene Wohnung.

Das war mir wichtig. Ich wollte keine Figur mit privatem Hintergrund, der überall mit hineinspielt und ihr in jeder Szene auf dem Rücken lastet. Das Ziel ist, nicht nur spannende Filme zu erzählen, sondern auch die durchgehende Ermittlerfigur für die Zuschauer interessant zu machen. Keine Familie, keine Anhängsel, keine Vergangenheit. Es geht um den Fall, die Täter, die Opfer, die Geschichte. Meine Kommissarin ist keine empathische Figur. Da wird nicht mitgelitten oder angesichts des Elends dieser Welt geweint. Es wird ermittelt und das mit Leidenschaft. Das macht die Figur authentischer, finde ich.

Wir finden, dass in Ihrer Helen Dorn etwas Skandinavisches liegt.

Ach, das ist aber schön, das freut mich, wirklich! Genau das wollten wir.

In skandinavischen Krimis geht es manchmal ganz schön zur Sache. Wie viel Gewalt verträgt das Genre?

Ich glaube, die Sehgewohnheiten haben sich verändert. Was noch vor Jahren als brutal galt, geht heute beinahe als Kindertheater durch. Die Leute erwarten ganz einfach von einem Krimi, dass auch Blut fließt.

Gibt es wirklich so etwas wie „normale“ Brutalität? Und muss man sie zeigen, weil sie zum Leben dazugehört?

In Maßen. Wenn am Samstagabend um 20 Uhr 15 gezeigt würde, wie ein Mörder sein Opfer zehn Minuten zu Tode foltert, dann wär mir das zu viel. Das brauche ich nicht. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Es geht darum zu zeigen, dass nach einer solchen Tat nichts mehr so ist, wie es war. Und zwar für alle Beteiligten. Das ist die Geschichte, und das wollen wir zeigen. Nicht einen einzigen sinnlosen Akt der Brutalität. Das wäre Voyeurismus.

Wie viel Gewalt muss sein, damit ein Film spannend ist?

Wenn es darum geht, die Fantasie des Zuschauers anzuregen, müssen überhaupt keine brutalen Szenen gezeigt werden. Da genügen ein paar Bilder, und schon geht das Kopfkino los. Das kann viel beängstigender sein, als das, was man im Bild sieht.

Ein Beispiel, bitte!

Der schwedisch-dänische Mehrteiler „Die Brücke“. In der ersten Folge treffen sich zwei Kommissare an einer Leiche, die angezogen mitten auf der Brücke liegt. Später, in einem Telefonat, wird ihnen mitgeteilt, dass diese Leiche tatsächlich zwei Leichen sind, der untere und obere Teil zweier verschiedener Personen. Sie glauben nicht, welche Bilder mir da durch den Kopf gingen – furchtbar. Und es wurde nichts Grausames gezeigt, alles passierte allein in meiner Vorstellung. Eine tolle Serie, wirklich toll! Ich habe vor dem Fernseher geklebt, und das passiert mir nicht oft.

Warum heißt Helen Dorn eigentlich Helen Dorn?

Wir waren der Meinung, es müsste ein deutscher Name sein, weil wir einen deutschen Krimi machen. Der Name sollte signifikant sein. Als wir schon lange in der Entwicklung waren, tauchte in einem „Tatort“ eine Kommissarin mit Namen Dorn auf. Erst wussten wir nicht, ob wir umbenennen sollten, aber haben’s dann doch gelassen. Es gab einfach keinen besseren Namen. Andere Vorschläge wie Helen Wolf konnten uns nicht überzeugen.

Warum nicht?

Mir gefällt die Assoziation Dorn ist gleich Zustechen, Dorn ist gleich gefährlich. Man merkt es vielleicht nicht auf den ersten Blick, aber diese Helen Dorn ist gefährlich, sowohl geistig als auch körperlich. Sie werden sehen.

Steht das ZDF voll und ganz hinter dem Projekt?

Zu 100 Prozent. Wie eine Mutti zu ihrem Kind. Sie geben wirklich alles. Und geben uns nach der Geburt nicht gleich zur Adoption frei, wenn das Baby anders als erwartet geraten ist. Natürlich ist es ein großer Apparat, in dem auch schon mal etwas Energie verloren gehen kann. Und natürlich sind wir sowohl für das ZDF als auch für die Produktionsfirma Network Movie nicht das einzige Projekt. So müssen die vielen Kinder sich die Aufmerksamkeit teilen. Leider ... Aber ich kann nicht klagen, wirklich nicht.

Will das ZDF am Sonnabend nur noch Frauen ermitteln lassen?

Davon weiß ich nichts, und das glaube ich auch nicht. Ich habe gehört, dass man als ZDF- Ermittler immer 24 Stunden früher am Tatort ist. Also der Sonnabend als Krimiabend im ZDF.

Können Sie uns sagen, was los ist im deutschen Fernsehen? Überall nur noch Krimis.

Was los ist, frage ich mich, wenn ich höre, dass das „Dschungelcamp“ acht Millionen Zuschauer hat. Dass Krimis so beliebt sind, wundert mich eigentlich nicht. Ich selbst bin auch Krimifan. Wenn ich in Urlaub fahre, dann ist die eine Hälfte der Bücher, die ich mitnehme, Krimis – mindestens.

Ihr Mann, Jan Josef Liefers, und Sie sind unser deutsches TV-Glamourpaar. Wie halten Sie das aus? Was sagen die Nachbarn?

Glamourpaar – klingt schrecklich. Auch wenn ich zugeben muss, dass wir eine Zeit lang vielleicht dazu beigetragen haben. Es hat einfach Spaß gemacht, auf manche Partys zu rennen. Mittlerweile lassen wir das eher. Und unsere Nachbarn? Die sind ganz normal und haben ihre ganz normalen Probleme.

Da sind Sie nicht: das Glamourpaar?

Nee, da sind wir ganz einfach: die Nachbarn.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

„Helen Dorn: Das dritte Mädchen“, ZDF, Samstag, 20 Uhr 15

Anna Loos, geboren 1970 in Brandenburg/Havel, flieht 1989, noch vor dem Fall der Mauer, in den Westen, geht in Hamburg aufs Gymnasium, setzt ihre Gesangsausbildung fort. Erste Tourneen, Comedy- und Kabarettshows folgen. Mit „Mambospiel“ 1997 der erste Kinofilm, im selben Jahr wird Loos Assistentin der Kölner „Tatort“-Kommissare. Engagements für Kino („Anatomie“, 2000) und Fernsehen wechseln sich ab, Anna Loos spielt zahlreiche Rollen zum Thema Ost/West: 2008 „Das Wunder von Berlin“, ein Jahr später „Böseckendorf“, seit 2010 spielt Loos in der Serie „Weissensee“. 2006 wird sie Leadsängerin bei Silly, als Nachfolgerin der 1996 verstorbenen Tamara Danz. Anna Loos ist mit Schauspieler Jan Josef Liefers verheiratet, das Paar hat zwei Kinder. Tsp

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