Medien : Intrigen in der Idylle

Der neue Heimatfilm: Warum die erfolgreichsten Hauptabend-Serien zurzeit in der Provinz spielen

Barbara Sichtermann

„Der Winzerkönig“ war zugleich ein Quotenkönig, und auch die „Familie Dr. Kleist“ gehörte zu den Überraschungssiegern der letzten (und vorletzten) Saison. Ein Ergebnis, das ein bisschen wundernimmt, weil es sich in beiden Fällen um konventionell gestrickte Familienserien handelt, von denen man annehmen durfte, dass sie sich als Idee erledigt und als Plot erschöpft hätten. Nun ist es anders gekommen, und man fragt nach den Gründen. Ist es die Familie, die sowohl bei den Sticklers als auch bei den Kleists ihre Zentripetalkraft beweist und so den konservativen Betrachter über die Zunahme der Singlehaushalte hinwegtröstet? Oder ist es die Schönheit von Eisenach in Thüringen (Dr. Kleist) oder Rust am Neusiedler See (Winzerkönig), die das Publikum entzückt? Oder gibt es noch was Drittes?

Beide Serien sind sozusagen um einen Kirchturm herum organisiert. Sie spielen die Reize ihrer Kleinstädte mit den Gassen und dem ,Man-kennt-sich‘-Milieu, der lieblichen Natur, der ungepflasterten Wege, der überschaubaren Beziehungen gekonnt aus. Beim Winzerkönig kommt noch die Weinwirtschaft hinzu, der urige Appeal von Kellern und Fässern, die süffige Anmutung von Reben und Trauben. Da hat es Dr. Kleist mit seiner Arztpraxis schwerer; der Garten und der winkelige, wuchtige Backsteinbau, wo er mit seiner Familie residiert, schaffen Ausgleich. Man hat also bei beiden Serien Schauplätze mit Idyllenpotenzial – der Zuschauer fühlt sich, wenn die Trailer-Musik ertönt, zu Hause. Er ist angekommen in einer beschaulichen Heimat. In einer Großstadt würde „Dr. Kleist“ nicht funktionieren, der „Winzerkönig“ mangels Weinbergen natürlich erst recht nicht.

Die Bindung der Zuschauer über beide Serien stellt sich über die Szenarien her. Das verdient festgehalten zu werden. Denn was sich an familiären Handlungssträngen entwickelt, lädt nicht unbedingt zur Identifikation ein. Sowohl die „Kleist“-Serie als auch der „Winzerkönig“ tragen der Tatsache Rechnung, dass die Integrität einer Familie immer bedroht ist, dass Familien zerfallen, um sich neu zu konstituieren, dass ihre Glieder gegen Anstand und Moral verstoßen, um sodann bestraft und entsühnt zu werden, wie das immer schon so war. Idyllisch geht es da nicht zu. Wer für seine Psyche einen Heimathafen sucht, wird weder bei den Rustern noch bei den Eisenachern umstandslos vor Anker gehen wollen.

Die Kleists sind eigentlich nette Menschen, aber sie haben eine Affinität zum Unglück. Autounfälle, Herzkasper, Schlangenbisse und ähnliche Unbilden sind an der Tagesordnung; schließlich muss der Doktor was zu schaffen haben. Und dann sind ausgerechnet zwei der wichtigsten Figuren, nämlich Onkel Johannes und die reizende Marlene, die sich Witwer Dr. Kleist als neue Lebenspartnerin auserkoren hat, unfähig, ihr Herz sprechen zu lassen. Der Onkel braucht Jahre, bis er endlich so weit ist, sich seiner Inge zu erklären. Und Marlene ziert sich auch dann noch, ihrem Doktor das Jawort zu geben, als sie schon sein Kind erwartet. Beim Winzerkönig gibt es noch mehr Schieflagen. Nach dem Tod des alten Weinbauern fangen erst heftige Erbstreitigkeiten an; es hagelt Intrigen. Die Hauptperson, Thomas Stickler, lebt in Scheidung, und der Jung-Winzer, der Tochter Anna Stickler Avancen macht, entpuppt sich als außerehelicher Sohn von Thomas Stickler, mithin als Annas Bruder. Das sind Zustände! Als harmoniebedürftiger Zeitgenosse wahrt man Distanz oder ist ganz froh, ein Single zu sein, zu Hause fühlt man sich nicht. Bis dann die Kamera wieder den See erfasst, die alten Bäume, das Weinlaub, das Gasthaus der Sticklers. Auf ihre Weise sind beide Serien Heimatfilme – das Familienleben ist modern und kompliziert. Die Ortschaften sind vormodern, naturnah und einfach schön.

Reicht so eine schlichte Rechnung: Familiendramen vor See und Fluss, dazu ein bisschen Kopfsteinpflaster und Weinlaub und schon haut es hin? Nein, so wild auf rurale Romantik ist der Serienfreund heute nicht mehr, da muss noch was anderes hinzukommen. Und in der Tat, es gibt ihn, den zusätzlichen Grund, den beide Serien für ihren Erfolg liefern: Die Titelfiguren sind es! Sowohl beim „Winzerkönig“ als auch bei „Dr. Kleist“ begegnen uns Hauptfiguren, die aus vielerlei Gründen im Fernsehen seltener geworden sind, nach denen das Publikum aber wohl weiterhin eine pulsierende Sehnsucht verspürt: der gute Hausvater, der freundliche Patriarch, der Mann, der weiß, was richtig ist. Ihm dabei zuzuschauen, wie er gegen alle Widrigkeiten seinen Weg geht und sich mit einer Kleinstadt als Wirkungsfeld begnügt – das verschafft Heimat für die Seele.

Der Winzersohn Thomas Stickler, gespielt von Harald Krassnitzer, ein Sympathieträger, der robuste Männlichkeit mit Sensibilität vereint, wird in der ersten Folge als Frankfurter Manager eingeführt, der aber seine Moral intakt erhalten hat und die Brocken hinwirft, als er hört, dass seine Firma trotz satter Gewinne Produktionszweige in Niedriglohnländer auslagern und der halben Belegschaft kündigen will. Als ihn dann auch noch die Frau betrügt, vernimmt er den Ruf der Heimat. Er kehrt zurück nach Rust, wo er herstammt und die Winzerei ihn erwartet.

Ähnlich Dr. Kleist, verkörpert von Francis Fulton-Smith, einem Schauspieler, der seiner eigenen kompakten Mannsbildhaftigkeit nicht immer zu trauen scheint und deshalb gleichfalls sehr sympathisch wirkt: Er nimmt nach einem Schicksalsschlag die Herausforderung, sich als Arzt im beschaulichen Eisenach anzusiedeln und dort mit seinen Kids und Onkel Johannes eine Großfamilie zu bauen, dankbar an, richtet sich ein und tut Gutes. Die Patienten treiben Raubbau mit ihrer Gesundheit, aber gottlob gibt es diesen Doktor, der seinen Schutzbefohlenen daheim auflauert, wenn er fürchten muss, dass sie ihre Pillen nicht nehmen. Es ist das sanfte, lernfähige, Frauen durchaus verstehende Patriarchat, das in diesen Serien ausgebrochen ist und ihre Anziehungskraft mit ausmacht. Gibt es eine Entsprechung in der Realität, kehrt der Übervater, bekränzt mit Weinlaub und Würden, wirklich zurück? Wohl kaum. Aber es ist ein Recht des unterhaltenden Fernsehens, auch in der Serie, Märchen zu erzählen.

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