iParlament : Wisch dir was

Fast jeder zweite Abgeordnete des deutschen Bundestages besitzt ein iPad. Doch nicht alle Parlamentarier nutzen es zum Arbeiten. Fotos und Videos werden während der Bundestag- und Fraktionssitzungen angeschaut, es wird getwittert und gespielt.

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Angela Merkels iPad.
Angela Merkels iPad.Foto: picture alliance / dpa

Fürs Wischen nimmt sich Angela Merkel gerne Zeit – gemeint ist in diesem Fall aber nicht die Pflege ihres Fußbodens. Die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende ist Nutzerin des iPads. Und um auf dem Tablet-PC zwischen den Seiten hin- und herzublättern, muss per Hand über den Bildschirm gewischt werden. Eine Bewegung, die im Bundestag neuerdings recht häufig zu sehen ist. Im Juni hatte hier als erster Parlamentarier Jimmy Schulz (FDP) eine Rede von einem iPad abgelesen – erlaubt waren als Hilfsmittel bis dahin nur Zettel, weshalb Schulz einen Rüffel vom Bundestagspräsidium bekam und sich der Geschäftsordnungsausschuss des Bundestags mit der neuen Technik beschäftigen musste.

Während Laptops verboten bleiben, sind iPads seit November nun offiziell im Bundestag erlaubt – inzwischen besitzt fast die Hälfte der Abgeordneten den Mini-Computer, wie die SPD-Abgeordnete Ulla Schmidt schätzt. Die Anschaffungskosten zwischen 499 und 799 Euro erstattet die Bundestagsverwaltung, denn das iPad wird wie Kugelschreiber oder Handys als Arbeitsgerät angesehen. Doch nicht alle Parlamentarier nutzen den Tablet-PC ausschließlich, um Akten zu lesen, E-Mails zu beantworten oder Fakten zu recherchieren. Fotos und Videos werden während der Bundestag- und Fraktionssitzungen angeschaut, es wird getwittert und gespielt, wie Abgeordneten aus allen Parteien beobachten.

Thomas Strobl, CDU

Zum Daddeln sind die Tablet-PCs im Bundestag sicher nicht gedacht, sondern um die Arbeit der Parlamentarier zu erleichtern. Deshalb haben wir uns im Geschäftsordnungsausschuss auch dafür entschieden, sie im Plenarsaal zu erlauben. Denn während Laptops die Konzentration stören könnten durch Klappern auf der Tastatur und Belüftungsgeräusche, haben die Tablet-PCs keine Lüftung und sind durch ihre virtuelle Tastatur lautlos zu nutzen. Zudem müssen Laptops aufgeklappt werden, was dem Redner deutlich signalisieren könnte, dass man sich jetzt mit etwas anderem beschäftigt. Mit einer Größe von 24 x 19 Zentimeter und knapp 700 Gramm Gewicht nimmt das iPad nicht viel mehr Platz weg als ein Stapel Papier. Dass viele Abgeordnete jetzt das Apple-Gerät nutzen, heißt aber nicht, dass sie sich in die Abhängigkeit des US-Konzerns begeben. Erstens ist nicht nur das iPad, sondern alle Tablet-PCs sind erlaubt und zweitens gilt, dass im Bundestag auch künftig IQ und nicht iPad im Vordergrund stehen sollten.

Jimmy Schulz, FDP

Als IT-Unternehmer bin ich an neuer Technik interessiert. Meine Motivation war es, herauszufinden, ob das iPad fürs Halten von Reden geeignet ist. Allerdings hatte ich das Gerät erst zwei Stunden zuvor bekommen. Den Redetext habe ich mir dann per E-Mail zugeschickt. Nicht so gut war, dass ich auf dem Weg zum Pult das iPad gedreht hatte, dadurch wurde der Text größer gezoomt und ich hatte plötzlich nur noch zwei Absätze vor Augen. Das brachte mich dann kurzfristig aus dem Konzept. Deshalb erscheint mir das Gerät als Stichwortgeber für Bundestagsreden nicht zwingend geeignet. Für meine Reden benutze ich seither lieber wieder Notizzettel. Aber viele andere Bereiche meiner Arbeit als Parlamentarier erleichtert das iPad enorm, weil es wie ein digitaler Aktenordner funktioniert. Musste ich früher manchmal kiloweise Papier mit in die Ausschusssitzungen schleppen, habe ich jetzt alle Dateien auf meinem Tablet.

Monika Grütters, CDU

Für mich ist das ein reines Arbeitsgerät, zum Spielen hätte ich gar keine Zeit. Mich wundert es, wie viel Zeit mancher Kollege mit Herumdaddeln verbringt. Ich lese auf dem Tablet-PC meine E-Mails, die ich auch im Rahmen meiner Berufstätigkeit in der Stiftung und verschiedener Mandate erhalte. So erspare ich mir den Weg ins Büro. Aber wer immer erreichbar ist, dem droht die Gefahr, Sklave seiner E-Mails zu werden. Deshalb lasse ich mir mit dem Antworten auch mal Zeit, um gar nicht erst eine Erwartungshaltung bei den Absendern zu schaffen. Praktisch ist es, während der Sitzung schnell im Internet etwas recherchieren zu können oder mit einem Klick auf die Nachrichtenseiten à jour zu sein. Auch habe ich Apps von Zeitungen installiert, aber die ersetzen für mich nicht die gedruckte Zeitung. Trotzdem glaube ich, dass mobile Geräte wie das iPad eine gute Chance sind, um Bezahlinhalte bei den Nutzern durchzusetzen. Nicht nur bei den Zeitungen, auch bei den Reden setze ich weiter auf Papier: Ich muss Anmerkungen am Rand machen können oder auch mal ein „Eselsohr“.

Hans-Christian Ströbele, Grüne

Ich benutzte zwar keine alte Schreibmaschine mehr, wie manche Kollegen von mir glauben, aber auf ein iPad kann ich auch erst mal verzichten. Nicht aber auf ein Handy. Zwar ist Telefonieren im Plenarsaal verboten, aber per SMS bin ich erreichbar. Ich habe ein iPhone, so kann ich auch während der oft ganztägigen Sitzung im Bundestag kurz in meine persönlichen Mails schauen und die neuesten Nachrichten erfahren. Nur wenn ich auf dem Laufenden bin, kann ich mit Kommentaren auf Anfragen rasch reagieren. Wenn viele Kollegen während Sitzungen ständig an ihrem iPad herumhantieren, entsteht zuweilen der Eindruck, dass sie nicht richtig zuhören.

Lukrezia Jochimsen, Die Linke

Neuerdings sitzen viele Abgeordnete komisch gebeugt auf ihren Plätzen, weil sie die ganze Zeit auf ihre iPads starren. Auch wenn es schon vorher erlaubt war, Zeitungen zu lesen, bin ich sicher, dass das iPad viel mehr ablenkt. Denn von einer Zeitung blickt man schneller auf und kann in die Debatte einsteigen. Ich benutze mein iPad deshalb auch nicht im Plenarsaal, sondern nur im Büro, wenn ich unterwegs bin oder zu Hause. Ich lese E-Mails und aktuelle Nachrichten. Aber ich „surfe“ lieber weiterhin durch eine gedruckte Zeitung als durch die digitalen Ausgaben, denn erstens brauche ich das haptische Gefühl und zweitens stoße ich dabei eher auf Texte, die ich bei der zielgerichteten Suche im Netz verpassen würde.

Ulla Schmidt, SPD

Dass die Konzentration im Bundestag durch die Nutzung der Tablet-PCs plötzlich schlechter ist als früher, glaube ich nicht. Wir haben auch schon vorher während der Sitzungen Post bearbeitet oder zum Beispiel Nachrichten gelesen. Und als Abgeordneter ist man durchaus multitaskingfähig, kann also etwas lesen und gleichzeitig der Debatte folgen. Für die Organisation des Arbeitsalltags ist der Tablet-PC sehr praktisch, ich bearbeite beispielsweise E-Mails, informiere mich über Flug- und Zugverbindungen oder kommuniziere mit meinem Büro. Außerdem habe ich verschiedene Apps auf meinem iPad installiert, unter anderem die Angebote der Zeitungen und auch tagesschau.de. Ein großer Vorteil ist auch, dass ich die Lokalnachrichten aus meinem Wahlkreis Aachen online lesen kann, wenn ich unterwegs bin und die Zeitungen nicht bekommen kann. Ansonsten lese ich aber lieber die gedruckte Form.

Konstantin von Notz, Grüne

Monopolisierungstendenzen sind immer problematisch. So, wie viele Abgeordnete ein iPad und mehr noch ein iPhone benutzen, ist auch Google im Bundestag die am häufigsten benutzte Suchmaschine, und auf den meisten Computern läuft Windows von Microsoft. Dass heißt aber nicht, dass wir befangen sind. Eine neutrale und wenn nötig auch kritische Politik ist in Bezug auf die Unternehmen weiterhin selbstverständlich. Ziel muss aber weiter sein, dass wir uns für einen freien und fairen Wettbewerb einsetzen.

Protokolle: Sonja Pohlmann

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