Medien : Ist die ARD noch zu retten?

Vier Ratschläge, was die Öffentlich-Rechtlichen aus dem Schleichwerbungsskandal lernen sollen / Von Bernd Gäbler

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1. AUFKLÄRUNG

Noch weigert sich der Intendant des SWR, Peter Voß, von einer „Krise“ der ARD zu sprechen. Sei’s drum. Wenn ihm die Tatsachen – zwei Sportchefs in Haft; ein nicht enden wollender Skandal um Schleichwerbung, zwei entlassene Geschäftsführer bei Beteiligungsgesellschaften – für solche Wortwahl nicht ausreichen. Nicht um Semantik geht es, sondern um die Haltung. Jeder heimliche Gedanke, dass man einfach Pech gehabt habe, dass schlicht übertrieben werde, dass es letztlich doch um KavaliersDelikte gehe, dass so genannte „Produktionskostenzuschüsse“ doch eigentlich in Ordnung seien, wie HR-Intendant Helmut Reitze noch immer propagiert, ist nicht länger tragbar.

Auch die Selbstdarstellung der ARD als betrogene Unschuld ist Schönfärberei. Die ARD wäre gut beraten, jetzt auf sich selber anzuwenden, was sie sonst in ihren journalistischen Kommentaren den politischen Instanzen vorhält: Aussitzen und Bauernopfer reichen nicht; Aufklärung muss vollständig und vorbehaltlos sein; reformresistente Besitzstandswahrer und das St.-Florians-Prinzip passen nicht mehr in die Zeit. Jene Intendanten, die zugleich erfahrene Journalisten sind, wie Fritz Pleitgen vom WDR oder Peter Voß vom SWR, werden spüren, dass es keine doppelten Standards geben darf.

Beim VW-Skandal ist es zum geflügelten Wort geworden, dass Treppen von oben gefegt werden. Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk müssen zumindest Fragen erlaubt sein: Stimmt es, dass der Aufsichtsratsvorsitzende der in Rede stehenden Bavaria, Reinhard Grätz, Rundfunkratsvorsitzender des WDR seit Menschengedenken, Aktien der Subfirma Odeon besitzt oder besaß, wo er doch Aufsicht ausüben soll und nicht mitverdienen? War der ZDF-Verwaltungsratschef und gleichzeitig richtlinienkompetente rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck wirklich so überrascht, als er in der Serie „Sabine“ „seines“ Senders „seinen“ auch für den Weinbau zuständigen Wirtschaftsminister Hans-Arthur Bauckhage als Werbeträger für Pfälzer Riesling agieren sah? Waren die Steuergelder, die dies ermöglichten, an ihm vorbei dem ZDF zugeflossen?

Ins Reich der Legende gehört, dass „Placements“ stets ungeheuer raffiniert erfolgen. Tatsächlich können selbst unerfahrene oder ältere Gremienmitglieder Deals durchschauen, wenn Soap- Stars die ungefähr einen Meter hohen Lettern „Florida Boy“ auf dem T-Shirt tragen oder der ZDF-Sportreporter Rene Hiepen in fast jedem Aufsager meint mitteilen zu müssen, dass er sich nun aus dem „Erdgas-Zelt“ zu Wort meldet. Aber zuerst muss es Transparenz geben, dann werden auch Regularien möglich sein.

2. AUFSICHT UND KONTROLLE

Ad acta gelegt werden muss die in der Vergangenheit gern verwendete Redensart, niemand unterliege so sehr der Kontrolle wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Mögen die Gremien noch so groß und die Herren der KEF noch so redlich sein, es geht um Tiefenschärfe der Kontrollen und Zugriffsmöglichkeiten. Nach zähen institutionellen Überlebenskämpfen wird es wahrscheinlich auf die sinnvollste Variante: eine einheitliche Medienaufsicht für private wie öffentlich-rechtliche Sender hinauslaufen. Dies kann sogar eine schärfere Profilierung gegeneinander im dualen System befördern. ARD und ZDF sollten sich gegenüber einem solchen Modell öffnen, ebenso der aus Brüssel stammenden Idee, doch zwischen dem Senden im Auftrag der Gesellschaft und rein geschäftlichen Aktivitäten sauber zu trennen. Als erster Schritt müssen ARD und ZDF ihre rund 120 Beteiligungen transparenter gestalten. Man vergleiche einmal nur, was ARD und ZDF als Beteiligungsgewinne an die KEF melden mit dem, was allein die Bavaria, Saxonia und Maran selber öffentlich als ihre Geschäftserfolge darstellen – es passt einfach nicht zusammen. Dabei ist von möglichen Quersubventionen und Kompensationen etwaiger Verluste dieser Produktionsfirmen noch gar nicht die Rede. Das Wichtigste aber ist, dass diese Produktionslandschaft Kreativität – auch unabhängiger Produzenten – nicht erstickt, sondern hervorbringt.

3. SPORT

Der Sport scheint besonders anfällig zu sein, nicht nur für Schleichwerbung, sondern regelrechte Durchstecherei. Woran liegt das? Weil generell die Unterschiede zwischen Journalismus und Event-Präsentation verwischen. Die Rechte sind teuer, da bleibt unabhängige Berichterstattung gern auf der Strecke. Über etwas zu berichten, ist nicht dasselbe wie „Medienpartnerschaft“. Manchen muss dies erst wieder ins Gedächtnis gerufen werden – auch dass es nicht der eigentliche Zweck der Gebühren ist, das Überleben von Boxställen oder Fußballprofis zu sichern. Bei explodierenden Rechtekosten wird werbefinanziertes und Pay-TV beim Sport am Ende eine größere Rolle spielen. Reicht es nicht auch aus, wenn ARD und ZDF die Spiele der Fußballnationalmannschaft und eine Art „Tagesthemen der Bundesliga“ ausstrahlen würden? Beide sollen die Gesellschaft zeigen und nicht nur deren teure Spitzen. Selbst wenn es keine individuelle Bereicherung gab – welche Randsportarten mussten ARD und ZDF bezahlen, um im Programm vorzukommen?

4. PROGRAMM

Schleichwerbung hat etwas mit dem Programm zu tun. Wichtiger als alle – womöglich noch parteipolitisch motivierten – personellen Querelen ist es, darüber offen zu debattieren. Nicht zufällig tritt das Problem bei Phoenix, dem Deutschlandradio, „Monitor“ oder „Kulturzeit“ nicht auf. Weil dies tatsächlich öffentlich-rechtliche Programme sind? Der Vorabend jedenfalls, an dem auch ARD und ZDF werben dürfen, sieht so aus wie das Programm der Privaten. Ob Serien oder Boulevard, ob „Brisant“ oder „Leute heute“: Gegenüber „Explosiv“ oder „taff“ besteht keine substanzielle Differenz. Die Haltung ist dieselbe: eine simple Verdoppelung der Knallpresse, die sich in den aufwändigen Internet-Auftritten wie „boulevard.ARD.de“ fortsetzt. Wer einmal die Lobpreisungen der tollen Ehe von Sonia und Willy Bogner gesehen hat, weiß, selbst wenn kein Cent floss, ist dies reine Reklame. Mindestens die Themenfelder Boulevard und Service sollten inklusive der Internet-Auftritte auf offene oder schleichende Werbung hin durchforstet werden.

So verständlich es ist, dass auch ARD und ZDF populär sein wollen, nach Akzeptanz und Quote gieren, muss doch erörtert werden, ob es nicht an der Zeit ist, die Unterschiede im Programmauftrag zu den Privaten wieder stärker zu akzentuieren. Dass man bei den Privaten mithalten kann, ist nun zur Genüge bewiesen. Aber selbst die blödesten Sendungen wie „Wellness TV“ oder „Bunte TV“ fliegen am Ende nur wegen der Quote, nicht wegen mangelnder Qualität aus dem Programm. Warum wird ein so anrührender Film wie die Maran-Produktion „In Sachen Kaminski“ nicht um 20 Uhr 15 gesendet? Warum setzt man sich nicht das Ziel, zehnmal im Jahr direkt nach der „Tagesschau“ besondere Dokumentationen zu zeigen? Warum macht man mit bei den dummen Telefonlockspielen mit Fragen wie „Wer hängt am Kreuz? Heiland oder Holland?“ Unter dem Strich dürfte der materielle Gewinn in keinem Verhältnis stehen zu dem Verlust an Glaubwürdigkeit.

Nicht weil man ihnen diese Einnahmen nicht gönnte, sondern damit die Verantwortlichen keinen Vorwand haben, das Programm danach auszurichten, stünde dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen generelle Werbefreiheit gut zu Gesicht. Über Ausnahmen für Sportereignisse oder große Shows wäre zu reden. Information, Bildung und Kultur, nationale Fiktionsproduktion und der Dokumentarfilm wären als Stärken zu betonen. Die Krise hätte einen Sinn, würde das Bewusstsein für eine solche notwendige Renaissance eines Rundfunks im Auftrag der Gesellschaft geschärft.

Der Autor war von 2001-2004 Geschäftsführer des Adolf Grimme Instituts in Marl.

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