Medien : Italiens Golden Girls

Jenseits der Schamgrenze? Eine Talentshow für Seniorinnen spaltet das Land

Ulrike App

Keine Frage, Talentshows sind in ganz Europa das Hype-Format des Jahres. Von Österreich bis Griechenland werden zurzeit Entertainment-Talente gesucht. So ist es wenig erstaunlich, dass auch die Neapolitanerin Anna Mammi auf der Bühne des privaten italienischen Fernsehsenders Canale 5 steht, dass sie zu „Not gonna get us“ der russischen Band t.A.T.u. tanzt; sie verschränkt immer wieder die Hände vor dem Gesicht, wie es bei den europäischen Girl-Band-Choreografen gerade in Mode ist. Erstaunlicher ist schon, dass ihre Enkel sie anfeuern, Sie haben richtig gelesen: ihre Enkel! Denn Anna Mammi ist 65, sie ist Rentnerin. Bei Canale 5 läuft nämlich eine Talentshow der etwas anderen Art: „Velone“ heißt sie. Eine Abwandlung des Deutschland- sucht-den-Superstar-Prinzips: „Italien sucht die Superseniorin“.

„Velone“ ist ein Publikumsmagnet – bis zu sechs Millionen Italiener schauen jeden Abend zu. Doch sie ist vor allem die Aufregershow des Jahres. Denn oft geraten die Auftritte der alten Damen peinlich. In der Tageszeitung „La Repubblica“ kritisierte die Schriftstellerin Gina Lagorio die Teilnehmerinnen: „Ich finde es schlimm, wie die Frauen ihre Dekadenz zur Schau stellen. Diese Dinge kann man in den eigenen vier Wänden machen, aber in der Öffentlichkeit sollte man ein gewisses Image und Scham bewahren.“ Bei einer Online-Abstimmung meinten 81 Prozent der „La Repubblica“-Leser: Die Schamgrenze ist eindeutig überschritten.

Genau genommen ist „Velone“ der zweite Teil der Kultshow des vergangenen Sommers, die den Namen „Veline“ trug: der gleiche Moderator, das gleiche Show-Design. Nur dass damals junge Frauen um einen Job als Showgirl wetteiferten, die in Italien auch Veline (übersetzt: Seidenpapier) heißen und ein hohes Prestige genießen. Sie werden für Kalender fotografiert, sind mit Stars liiert. Der Job ist bei Mädchen so beliebt, dass in der Nähe von Neapel sogar schon die erste Veline-Schule entsteht, gefördert übrigens mit EU-Geldern.

Auch beim staatlichen Fernsehen Rai finden die leicht bekleideten, oft auch vom Schönheitschirurgen zurechtoperierten Frauen Anstellung. So zieren sie zum Beispiel das Vorabend-Quiz „L’Eredità“ (Die Erbschaft) auf Rai Uno. Lucia Annunziata, seit wenigen Monaten Rai-Chefin, passt das nicht. Ja, sie hat den leicht bekleideten Assistentinnen sogar den Kampf angesagt, obwohl sie Quoten bringen: Mehr Nachrichten und dafür weniger nackte Haut will sie im italienischen TV sehen. Die Würde der Frau sei zu schützen, erklärte sie. Noch hat sich nichts verändert.

Canale-5-Programmmacher Antonio Ricci hat weniger moralische Bedenken, noch nicht mal bei seiner Velone-Sendung, was übersetzt so viel wie „große Veline“ heißt. „Mit ,Velone’ wenden wir uns gegen die Heuchelei der Political Correctness. Die Show soll eine Provokation sein“, sagt er.

Gegenüber den fast softpornografischen Auftritten der Jungen wirken die älteren Damen beinahe bieder. Allabendlich steigen vier Kandidatinnen auf die Bühne. Mit Nummern versehen, sollen sie eine Jury aus Journalisten von ihrer Vitalität überzeugen: Anna Mammi, 52 Kilo leicht, wagt zunächst einmal ein Körper-an-Körper-Tänzchen mit Moderator Teo Mammucari. Eine Konkurrentin mit blond gefärbtem Haar produziert sich mit einem Lied, eine andere erzählt Anekdoten von ihren Fallschirmsprüngen. Jede hat für diesen Abend ihr bestes Kleid aus dem Schrank geholt. Alle Damen müssen ihren Auftritt mit einem zweiminütigen Tanz beenden. Immer eingeblendet: Alter, Größe und Gewicht der jeweiligen Kandidatin.

Der Gewinnerin des Abends setzt der Moderator am Ende eine kitschige Krone aufs Haupt. Die beste Quoten-Bringerin war bisher die älteste Teilnehmerin, die 92-jährige Fedorà De Pra. Sie erfüllte sich einen Traum: „Einmal im Fernsehen auftreten, bevor ich sterbe.“ Ganz ohne Frauen mit Model-Figur kommt „Velone“ aber dann doch nicht aus. Der Kanal sucht praktischerweise in der Sendung auch eine neue Ansagerin: Zwischen 25 und 30 Jahre sind die Kandidatinnen jung.

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