Jahres-Rückklick : Parodien, Pannen, Promis

Alles außer Sex: die Top Ten 2010 bei den Suchmaschinen und den sozialen Netzwerken.

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Chartbreaker. Das zum Musikclip umgewandelte Interview mit Antoine Dodson ist weltweit am häufigsten auf Youtube angeklickt worden.
Chartbreaker. Das zum Musikclip umgewandelte Interview mit Antoine Dodson ist weltweit am häufigsten auf Youtube angeklickt...Screenshots: Tsp

Antoine Dodson ist so richtig sauer. In der Nacht wurde seine Schwester Kelly in ihrem Schlafzimmer überfallen, die ganze Nachbarschaft in dem Viertel von Madison County im US-Bundestaat Iowa ist in Aufruhr, ein Fernsehsender berichtet live. Vor laufender Kamera droht Antoine dem Mann: „We gonna find you“, wir werden dich finden.

Gesucht wird aber nicht nur der Täter, sondern auch Antoine selbst. Mehrere Millionen Mal ist seine Drohung auf der Videoplattform Youtube abgerufen worden, nachdem die Band The Gregory Brothers daraus einen Musikclip gebastelt hatte. Der „Bed Intruder Song!“ schaffte es nicht nur in die US-Charts, sondern ist auch das weltweit am häufigsten angeklickte Youtube-Video 2010.

Insgesamt wurden die Youtube-Videos mehr als 700 Milliarden Mal angesehen, Material von mehr als sagenhaften 13 Millionen Stunden wurde auf die Plattform hochgeladen – das entspricht einer Spieldauer von 1500 Jahren. Doch wie Spitzenreiter Antoine Dodson zeigt, sind es nicht Profi-Videos von Lady Gaga & Co., die die Nutzer am meisten begeistern, sondern Videos von ganz normalen Menschen, die durch Youtube ganz plötzlich zum Video-Star wurden – sei es mit Parodien auf Superstars, Popsong-Interpretationen, emotionalen Momenten oder kreativen Ideen.

Preiswürdig beispielsweise die Verballhornung von Keshas Song „Tik Tok“; herzzerreißend die Tränen, die eine Dreijährige aus angeblicher Liebe zu Justin Bieber vergießt; zum Fremdschämen die Jubelschreie von Paul Vasquez, als er zwei Regenbögen entdeckt. Lediglich drei kommerzielle Clips schafften es in die Top-Ten-Charts: eine Folge der Serie „Annoying Orange“, die Werbung von Old Spice und der Trailer zum dritten Teil der „Twilight“-Saga.

Zu den am häufigsten gesuchten Begriffen auf Youtube gehören auch ernste Themen. Im Januar suchten die meisten Nutzer Videos zum Erdbeben in Haiti, als im April Apples Tablet-PC iPad in die Läden kam, wurden Besprechungen des Geräts gesucht, im Fußball-WM-Monat Juni klickten die Nutzer 226 Millionen Mal auf Shakiras „Waka, Waka“, Katy Perry war mit ihrem Clip „Firework“ Spitzenreiterin im November.

So gerne Youtube, Google und Twitter über die wichtigsten Suchbegriffe des Jahres reden, setzen sie bei anderen Themen eher auf Diskretion. Das gilt insbesondere für den nach wie vor schwelenden Streit zwischen Youtube Deutschland und der Gema über die Entlohnung von Autoren und anderen Rechteinhabern, ärgert sich Gema-Sprecherin Bettina Müller. Youtube habe ein Stillschweigeabkommen gefordert, deshalb dürfe nicht einmal darüber gesprochen werden, ob es bei den Verhandlungen zwischen Youtube und der Gema zu Bewegungen gekommen sei oder nicht. „Das macht es für uns sehr schwer, unsere Position zu erklären“, sagt Müller.

Ende September hat die Gema zusammen mit sieben weiteren europäischen Musikautorengesellschaften eine Klage gegen Youtube Deutschland eingereicht, nachdem die deutschen Rechteverwerter zuvor mit einer einstweiligen Verfügung gegen die Videoplattform gescheitert waren. Der alte Vertrag war im Februar 2009 ausgelaufen, die im April diesen Jahres aufgenommenen Verhandlungen über einen neuen Vertrag verliefen im Sande.

Doch nicht nur die Gema, sondern auch einige Musik-Labels liegen mit Youtube im Streit und haben zumindest Teile ihres Katalogs sperren lassen. Bis zur gerichtlichen Klärung des Gema-Youtube-Streits kann es nach Schätzung von Juristen noch ein Jahr dauern, vorausgesetzt keine Partei legt danach Rechtsmittel ein. So lange wird keine Youtube-Statistik die Frage zuverlässig beantworten, welche Musiker die Internet-Fans am meisten begeistern.

Um komplett ungefilterte Listen handelt es sich bei den Rankings aber ohnehin nicht. Erotische Begriffe werden für die Zeitgeist-Listen nicht berücksichtigt, sagte Google-Sprecher Kay Oberbeck auf Nachfrage. „Sex gehört bei Google Deutschland nicht zu den Top Ten der am meisten gesuchten Begriffe“, sagt der Google-Sprecher. Spitzenreiter ist: Google-Konkurrent Facebook.

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