Jahrestag : Allein unter Männern – die ehemalige Herausgeberin der "Zeit"

Eine ARD-Dokumentation ehrt Marion Gräfin Dönhoff.

Simone Schellhammer

Zum 100. Geburtstag von Marion Gräfin Dönhoff zeigt die ARD heute das 45-minütige Porträt einer der bemerkenswertesten deutschen Frauen. Es beginnt mit einer privaten Aufnahme, die ihr Großneffe Friedrich Dönhoff an einer Skihütte von ihr gemacht hat. „Soll ich mal im Bogen spucken“, fragt sie keck, „und du filmst das dann?“ Solche Bilder sind recht selten in diesem Film. Ansonsten kommt sie vor allem als langjährige Chefredakteurin und Herausgeberin der „Zeit“ zu Wort. Zahlreiche Weggefährten wie Egon Bahr, Helmut Schmidt und Ralf Dahrendorf erinnern sich, aber auch Verwandte, Kollegen und Freunde ihrer Jugendzeit. Dort setzt der Film an: in Schloss Friedrichstein in Ostpreußen, wo sie am 2. Dezember 1909 als jüngstes von sieben Kindern geboren wird, dem Vater nur bei Tisch begegnet, vom Oberkutscher auf den Fingern pfeifen lernt und mit ihrer Cousine Sissi und ihrem Cousin Heinrich von Lehndorff, der eine Art Jugendliebe für sie ist, Ausritte in die Umgebung unternimmt. Da es hiervon keine Aufnahmen gibt, greift Autor und Regisseur Ingo Helm auf Spielszenen zurück.

Einen angemessen großen Raum bekommt Dönhoffs Freundschaft mit den Hitler-Attentätern vom 20. Juli 1944. Aber auch die Tatsache, dass ihr Bruder Christoph ein entschiedener Nazi und Ortsgruppenleiter der NSDAP in Kenia war. Tatsächlich war auch ihr Bruder Dietrich, der 1942 durch einen Flugzeugabsturz ums Leben kam, Mitglied der NSDAP. „Niemand hatte davon erfahren“, sagt der ehemalige „Zeit“-Herausgeber Theo Sommer und fügt halb entschuldigend hinzu: „Sie hat aber auch nie über ihre Rolle im Widerstand gesprochen.“

Nach ihrer legendären Flucht zu Pferd aus Ostpreußen im Januar 1945 verfasst sie auf dem Gut von Albrecht Graf von Goertz bei Hildesheim ein Memorandum, in dem sie den Westalliierten gewissermaßen erklärt, wie Deutschland zu verstehen ist. Das wird ihre Eintrittskarte zur „Zeit“, deren vier Gründungsmitglieder sie per Telegramm zur Mitarbeit bei der neu erscheinenden Wochenzeitung einladen.

Mit dem Privatleben seiner Protagonistin tut sich der Film etwas schwer. Michael Naumann sagt immerhin, dass Marion Dönhoff sehr wohl „einen festen Freund“ gehabt hätte, ohne Namen zu nennen. Und ihr Biograf Klaus Harpprecht, der in seinem Buch „Die Gräfin“ über die Liebesbeziehung zu dem Chefredakteur des „Observer“, David Astor, in den 50er Jahren berichtet, hält sich hier vornehm zurück. „Männer fand sie interessanter“, sagt Theo Sommer, „deren Frauen nahm sie nicht wahr.“ Alice Schwarzer, die 1996 die Biografie „Marion Dönhoff – Ein widerständiges Leben“ geschrieben hat, wird hier etwas deutlicher und spricht sogar von „Frauenverachtung“.

Die Macher des Films, Regisseur Ingo Helm und Produzent Stephan Lamby, waren einst Redaktionsleiter des TV-Magazins „Die Zeit“ bei Vox und kennen Marion Dönhoff noch aus der Zusammenarbeit. Bei dieser Sendung jobbte auch Großneffe Friedrich Dönhoff, von dem die Schlussbilder stammen, in denen seine Großtante an die Orte ihrer Kindheit zurückkehrt. Sie starb im Jahr 2002 mit 92 Jahren auf Schloss Crottorf in Rheinland-Pfalz. Eine 90-Minuten-Version des Films zeigt der NDR am 27. Dezember um 12 Uhr. Simone Schellhammer

„Die Gräfin aus Ostpreußen – Das Leben der Marion Dönhoff“, 23 Uhr 30, ARD

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