Jahrhundert-Figur : Zwischen Furcht und Macht

Das gelungene Beispiel einer verfilmten Autobiografie: „Mein Leben – Marcel Reich-Ranicki“

Gerrit Bartels
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Die Deportation der Juden aus dem Getto beginnt. Mit Marcel (Matthias Schweighöfer) und Tosia (Katharina Schüttler)… Foto: WDR

Der große Vorzug dieser Verfilmung von Marcel Reich-Ranickis einzigartigem Leben besteht darin, dass sie dieses angemessen und nicht peinlich abbildet. Sie ist kein sentimentales Rührstück geworden, wie das nur zu leicht hätte passieren können bei den biografischen Eckdaten des heute fast 89-jährigen Literaturkritikers: Liebhaber der deutschen Kultur. Opfer der Nazis. Überlebender des Holocausts, der 1958 nach Deutschland zurückkehrt und hier eine außergewöhnliche Karriere macht. Und polnischstämmiger Jude, der nach der Befreiung durch die Rote Armee aus einem Kellerversteck in den Mahlstrom der nächsten totalitären Ideologie gerät, das aber auch aus freien Stücken, wie er in seiner Autobiografie „Mein Leben“ schreibt: „Mich hat die Möglichkeit fasziniert, an einer weltweiten, einer universalen Bewegung teilzunehmen, einer Bewegung, von der sich unzählige Menschen die Lösung der großen Probleme der Menschheit versprachen. (...) Für die längst fällige Neuordnung der Gesellschaft gab es, so schien es mir, nur eine einzige Möglichkeit: eben den Kommunismus.“

Vor diesem Hintergrund passt es gut, dass dieser Film des 50-jährigen israelischen Regisseurs Dror Zahavi 1949/1950 mit der Abberufung Reich-Ranickis von seinem Posten als polnischer Generalkonsul in London und dem Ausschluss aus der kommunistischen Partei Polens beginnt. Und es ist genauso stimmig, dass Matthias Schweighöfer den jungen Marceli Ranicki, wie dieser sich seit dem Beginn seiner Konsultätigkeit nannte, von Beginn auch als einen Menschen darstellt, der sich nicht unterkriegen lassen möchte, der nicht ständig Opfer sein will, der nicht nur von früh an das Fürchten gelernt hat, sondern auch den Umgang mit Macht.

„Ich will sofort den Genossen Puczinski sprechen“, herrscht er mehrmals den Funktionär der Polnisch-Vereinigten Arbeiterpartei (Sylvester Groth) an, der ihn verhört, ihm die Gründe für die Abberufung und den Parteiausschluss darlegt und ihn zu seinem Leben befragt. Dieses Zusammentreffen ist fiktiv, es hat so nie stattgefunden. Der Drehbuchautor Michael Gutmann hat sich da einen klugen dramaturgischen Kniff einfallen lassen, der es erlaubt, Reich-Ranickis Geschichte von Beginn an zu erzählen. Trotzdem hat das Ganze zunächst etwas Irritierendes. Die Stimmung in dem kargen Verhörraum ist angespannt – und schwer vorstellbar erscheint es, dass Reich-Ranicki ausgerechnet in so einer Situation über Privatestes Auskunft gibt. Er also die Lebensumstände seiner Eltern bis zu ihrem Tod im KZ schildert, vom Überlebenskampf im Warschauer Getto erzählt oder gar das schreckliche Ereignis Revue passieren lässt, das ihn mit seiner zukünftigen Frau bekannt macht. Und doch musste Reich-Ranicki in seinen späten polnischen Jahren immer wieder „Sonderfragebögen“ ausfüllen, musste er der Partei ständig Rechenschaft über sein Leben ablegen. So schrieb er auch zu jenem Zeitpunkt, da er von seinen Tätigkeiten im Außen- wie Sicherheitsministerium entbunden werden sollte, einen weiteren Lebenslauf sowie „Ergänzungen zum Lebenslauf“.

Insofern ist diese ungewöhnliche, letztendlich ja literarische Erzählsituation durchaus stimmig. Per Rückblende geht es von Station zu Station in ReichRanickis Lebensgeschichte, bis zu dem Tag, da Reich-Ranicki 1958 mit nichts als dem „unsichtbaren Gepäck, der Literatur, der deutschen zumal“, am Frankfurter Hauptbahnhof aussteigt: von Wloclawek in den zwanziger Jahren über Berlin in den späten zwanziger und dreißiger Jahren bis nach Warschau ins Getto und schließlich ins Haus von Bolek Gawin, dem Setzer, und seiner Frau Genia, in dem sich Reich-Ranicki und seine Frau vom Frühjahr 1943 bis September 1944 aufhalten. „Es wäre doch zu schön, wenn sie diesen schrecklichen Krieg hier bei uns überleben könnten“, soll Gawin zu ihnen gesagt haben.

Zahavis Film erinnert auf diese Weise, wie in Filmbiografien üblich, an ein Album, das auf- und durchgeblättert wird – ein Album des Schreckens in diesem Fall, in mattgrün- und mattbraunstichigen Tönen in Szene gesetzt, zuweilen unterbrochen von historischen Dokumentaraufnahmen. Und manchmal trägt man in so einem Album auch etwas dicker auf oder verweilt hie und da länger. Zum Beispiel als die Mutter (Maja Maranow) dem kleinen Marcel 1929 auf seinem Weg nach Deutschland als Mantra mit auf den Weg gibt: „Du fährst in das Land der Kultur, Marcel, das Land der Kultur!“ Oder man ihn mit einem Buch von Balzac im Zug der Nazis von Berlin nach Warschau sitzen sieht, der schließlich in einen dunklen Tunnel einfährt. Oder Teofila ihren toten Vater vom Gürtel schneiden will und Reich-Ranickis Mutter ihm die berühmten Worte sagt: „Kümmere dich um sie!“ Woraufhin er zu ihr hingeht, Emil Jannings zitiert: „Wir sind nicht dazu da, das Leben wegzuwerfen, sondern es zu bezwingen“, und sie dann küsst.

Insbesondere die schauspielerischen Leistungen der Schauspieler Matthias Schweighöfer und Katharina Schüttler als Teofila sind bemerkenswert. Schüttlers Spiel ist ernst, zurückgenommen und still. Wenn man sie sich so anschaut, drängt sich die Frage auf, warum das Leben von Teofila Reich-Ranicki, genannt Tosia, geborene Langnas, noch nicht in einer gesonderten Biografie ausführlichst beschrieben wurde. Auch dieses Leben ist ein besonderes und kann nicht oft genug dargestellt und gewürdigt werden. Schweighöfer wiederum interpretiert aufs Beste und zum Glück ohne das berühmte rollende „R“ einen jungen Reich-Ranicki, der ebenso ernst wie selbstbewusst ist, der was Forsches hat.

Es hallt da außerordentlich nach, wenn Reich-Ranicki beim Bodenschrubben im Warschauer Getto mit einem deutschen Soldaten über ein Fußballspiel spricht und diese Unterhaltung ihm weitere Demütigungen erspart, weil der Soldat ein heimatliches Déjà vu gehabt hat. Oder wenn er seine Eltern im Getto in eine neue Wohnung bringt, die zwar keinen Komfort mehr hat („Soll deine Mutter etwa auf dem Fußboden schlafen?“, herrscht der Vater, gespielt von Joachim Król, ihn an), aber vorübergehend Sicherheit gewährleistet.

Szenen wie diese zeigen immerhin mehr als nur die bloße Abfilmung der Biografie Reich-Ranickis (so man in seinem Fall überhaupt von einer „bloßen“ sprechen kann) – sie zeigen ihn als einen hartnäckig um sein Leben und das seiner Familie sowie um ein humanes Miteinander kämpfenden Menschen; sie zeigen seine Entschlossenheit, seinen Willen, sich durchzusetzen. Das geht in solchen Momenten tatsächlich über das hinaus, was eine für das Fernsehen gedrehte Filmbiografie leisten kann. Bei allen Vorzügen hat man am Ende dennoch den Eindruck, dass so ein Leben sich in neunzig Filmminuten nicht umfassend, nicht wirklich tief darstellen lässt. Dass jede psychische Verfeinerung, jede Entfaltung der Charaktere sich doch immer dem nächsten Ereignis, der nächsten Lebensstation, die es zu zeigen gilt, unterordnen muss.

„Mein Leben - Marcel Reich-Ranicki“, Arte, Karfreitag, um 21 Uhr; ARD, 15. April, um 20 Uhr 15

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