Medien : „Jammern gilt nicht“

Die Elite und die Krise: Früher kauften Verlage Henri-Nannen-Schüler aus dem Kurs heraus, heute schlagen sich viele als freie Journalisten durch

Barbara Nolte

Einen Artikel über die Henri-Nannen- Schule fängt man am besten mit Christoph Keese an. Er ist der Musterabsolvent. Wenn das Auswahlverfahren perfekt funktioniert, wenn die Ausbildung hundertprozentig anschlägt und wenn die Konjunktur einen dann nicht so demütigt, wie manchen Absolventen heute, kommt einer wie Keese raus. Dunkelblauer, perfekt sitzender Anzug, rote Krawatte, weißes Hemd mit Manschettenknöpfen. Keese ist geworden, was Wolf Schneider, Gründer und langjähriger Leiter der Hamburger Journalistenschule, als Ausbildungsziel formuliert hat: Chefredakteur. Wenn Keese, 39, heute von seinem Schreibtisch bei der „Financial Times Deutschland“ aufschaut, sieht er ein Foto von sich selbst und dem Bundeskanzler. „Das war beim Interview“, erklärt er. „Niemand hat dem Kanzler so heftig zugesetzt wie wir. Und dann wird er nach der Zeitung gefragt, die er morgens zuerst liest, und er sagt: ,die FTD.’“ Man ist kritisch und wird trotzdem gemocht – besser kann’s nicht laufen.

Für ein Interview über die alte Schule hat sich Keese ein wenig Zeit genommen, das ist er ihr mindestens schuldig. „Es war eine Menschwerdungsakademie“, sagt er. Was er gelernt hat? „Disziplin, Fleiß, Pünktlichkeit.“ Die ganze Schulzeit habe er um die Gunst von Wolf Schneider gekämpft. Doch der hat unter seine Artikel „bäh!“ oder „Ich langweil’ mich“ geschrieben, bis das Papier roter war als weiß. Man könnte jetzt glauben, Keese würde Schneiders Ansprüche im Nachhinein ein bisschen überzogen finden. Doch er ist begeistert: „Die Schule erinnerte an West Point.“ Als die Ausbildung dem Ende zu ging, fanden sich immer mehr Stellenangebote am schwarzen Brett ein. Jeder aus seiner Klasse kam unter. Keese klagt: „Ich hatte die Qual der Wahl.“

Die roten Manuskripte, den Auffrischungskurs in deutschen Tugenden – das hat Tobias Zick, 26, auch hinter sich. Er besuchte 15 Jahre nach Keese die Henri-Nannen-Schule, im Februar wurde er fertig. Hauptunterschied: Das verflixte schwarze Brett, diesmal blieb es leer. Keeses „FTD“ engagierte einen der „fantastischen“ Absolventen. Damit waren es drei aus dem Lehrgang mit festem Job. Gegengerechnet: 14 standen ohne da. Zick hatte ein Angebot: Ein Zigaretten-Hersteller wollte, dass er seine Produkte mit Artikeln gewissermaßen wie mit einem trojanischen Pferd in Zeitschriften hineinbugsiert. „So verzweifelt kann man nicht sein“, sagt er und lehnte ab. Wenn er jetzt von seinem Schreibtisch aufschaut, sieht er auf kein Kanzler-Foto, sondern auf sein zerwühltes Bett – das würde man gerne schreiben, es wäre eine schöne Analogie zu Keese. Stimmt aber so nicht, nicht mehr. Tobias Zick hat sich mit seinen Mitschülern zu einem Journalistenbüro zusammengetan.

Im Strudel

Zeitungen entlassen Hunderte Redakteure, Magazine werden eingestellt. 2500 arbeitslose Journalisten hatte die Bundesanstalt für Arbeit im Juni registriert. In Wahrheit sind es viel mehr, denn Journalisten arbeiten selbst dann noch frei, wenn sie damit weniger verdienen, als wenn sie für die Nachbarn die Wäsche aufbügeln würden. Selbst die Nannen-Schule, die wohl beste Journalisten-Ausbildungsstätte Deutschlands, ist in den Strudel der Medienkrise geraten. Früher wechselte ein Teil jeder Klasse so selbstverständlich zum „Stern“ wie Grundschüler aufs Gymnasium. Heute stehen auf der Webseite der Schule 57 Absolventen, die eine Stelle suchen. Offenbar feit einen nichts mehr vor Arbeitslosigkeit. „Immerhin wissen unsere Schüler: Wenn’s wieder anzieht, haben sie die besten Chancen, etwas zu bekommen“, sagt Ingrid Kolb; sie führt die Schule seit acht Jahren, übrigens genauso kompetent wie ihr Vorgänger. Beim nächsten Auswahlverfahren nimmt sie statt 36 nur noch 20 Schüler auf. „Wir können nicht ausbilden, ohne ihnen Perspektiven bieten zu können.“

Der laufende Kurs hat noch die alte Größe. Die Schüler bestanden den Eingangstest vor der Krise, vor anderthalb Jahren. Wolf Schneider saß in der Kommission. „Wenn Sie fertig sind“, soll er versprochen haben, „brauchen Sie sich nicht zu bewerben, die Leute kommen zu Ihnen.“ Daraus wird wohl nichts. Heute morgen üben die Schüler in ihrem Klassenzimmer im Stockwerk über Ingrid Kolbs Büro das Texten fürs Fernsehen. Zwischen 20 und 28 Jahre sind sie alt, haben in Damaskus, London, Berlin, Glasgow, Barcelona, Moskau, Washington und Paris studiert. Das Klischee stimmt noch immer: An der Nannen-Schule sind die Zielstrebigsten einer Generation. Aber die Zielstrebigsten können auch die Empfindlichsten sein. Die Erfahrung machte jedenfalls die Unternehmensberatung Kienbaum, die ähnlich hochqualifizierte Studenten in ihren „High Potential Pool“ aufnahm und jetzt mit einem von der Krise tief deprimierten Nachwuchs dasitzt. Doch Nannen-Schüler sind offenbar konstruktiver. „Zum Jammern haben wir keine Zeit“, sagt einer, „da haben Sie ja schon Ihre Überschrift!“ Er sagt das ein wenig ironisch, aber meint es auch ganz ernst. Sie sind wirklich sehr selbstbewusst. An der Klassentür hängt der Spruch: „Jammern gilt nicht. Alles ist drin. Gerade jetzt. (Andreas Petzold, ,Stern’-Chefredakteur).“

Gerade jetzt? Gestandene Journalisten fragen in diesen Zeiten einander: „Was kannst du sonst noch?“ Halb im Spaß, aber eben nur halb. Können Berufseinsteiger wirklich so optimistisch sein? „Wir sitzen doch bei Gruner + Jahr auf der Fußmatte“, sagt ein Schüler, „da geht immer irgendwas.“ Damit hat er auch irgendwie Recht. Gleich vor dem zweistöckigen Flachbau der Nannen-Schule ragt die Zentrale des Verlages empor, in dem „Stern“ und „Brigitte“ erscheinen – und auch öfter mal ein neues Heft. Jede Neuerscheinung bedeutet: Arbeit für junge Journalisten. Im Rücken von Gruner + Jahr weht der Wind nicht ganz so scharf wie anderswo. Aber wenn wieder mal ein Praktikum platzt, weil die Redaktion gerade aufgelöst wurde; oder wenn sich die Meldungen über Entlassungen gerade häufen, dann sind die Schüler manchmal doch verunsichert. „Die Sekretärin hat gesagt“, erzählt einer: „,Macht Euch keine Sorgen. Ihr seid die Elite!’“

„Die Schüler sind kampfbereit“

Nur: Wie wirkt es auf eine Eliteschule zurück, wenn die Jobs, die die Absolventen am Ende bekommen, gar nicht so elitär sind? Um beim Vergleich von Christoph Keese zu bleiben: Was würde mit dem Ruf von West Point passieren, wenn die Absolventen, weil die US-Armee gerade keinen braucht, im Sicherheitsdienst des örtlichen Einkaufszentrums anfingen? Denn das müssen manche Nannen-Schüler zurzeit: unstandesgemäße Jobs annehmen. In der PR, im Lokal- und Boulevardjournalismus – vorübergehend jedenfalls.

„Die überdimensionierten Egos, die wir früher mal ab und zu an der Schule hatten, gibt es nicht mehr,“ sagt Ingrid Kolb. Um das Renommee der Schule fürchtet sie aber nicht: „Unsere Schüler sind kampfbereit“, sagt sie, „die kommen zurecht.“

Tobias Zick und seine Mitschüler haben zum Beispiel ein auf die Krise zugeschnittenes Geschäftsmodell entwickelt. „Es gibt zwar keine Festanstellungen mehr – es gibt aber trotzdem nicht weniger zu tun“, erklärt er. Im alten Klassenverband wollen sie unter dem Label Plan17 als externe kleine Redaktion arbeiten. Ihr erster Auftrag: Sie haben für Gruner + Jahr den Geschäftsbericht gestaltet.

Für den laufenden Kurs hat Ingrid Kolb sicherheitshalber zwei Unterrichtseinheiten „Freier Journalismus“ in den Stundenplan genommen. Aber viele hoffen, ums Freiarbeiten herumzukommen. „Im Februar 2004 wird es in den Medien wieder besser“, sagt einer, „genau dann, wenn wir fertig sind.“ Wer sagt das? „Alle.“

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