Jan Josef Liefers im Interview : „Ich möchte mich mal wieder so richtig langweilen“

Der Schauspieler Jan Josef Liefers hat Stress. Ein Gespräch übers Vergessen, Erich Honecker und das Syrien-Drama als persönliche Herausforderung.

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Jan Josef Liefers
Jan Josef LiefersFoto: dpa

Jan Josef Liefers, geboren am 8. August 1964 in Dresden, studierte an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch". Er war einer der Redner auf dem Alexanderplatz in Berlin am 4. November 1989, als Hunderttausende gegen das DDR-Regime demonstrierten. Er spielte am Deutschen Theater, unter anderem unter der Regie von Heiner Müller, nach der Wende am Thalia-Theater in Hamburg. Liefers ist einer der gefragtesten Schauspieler, ob im Kino ("Rossini", „Knockin’ on Heaven’s Door“) oder im Fernsehen („Tatort“, "Der Turm"). Im Krimi „Die letzte Instanz“ nach dem gleichnamigen Bestseller von Elisabeth Herrmann spielt er den Rechtsanwalt Joachim Vernau. Der Film läuft an diesem Montag im ZDF um 20 Uhr 15.

Herr Liefers, haben Sie einen guten Vorsatz für das Jahr 2014?
Ja, das Fis. Diesen für mich sehr hohen Ton will ich in die Knie zwingen. Und ich will mir mehr Tage freischaufeln. Für mich, für meine Familie. Und für das große Nichts.

Das große Nichts. Klingt spannend. Lässt sich das etwas genauer definieren?

Ich sehne mich nach dem Gefühl, mich einfach mal wieder zu langweilen. Wie in der Zeit, als ich jung war. Dieses Gefühl dazustehen und nicht zu wissen, was man als Nächstes machen wird. Das war eine tolle Zeit, die guten Ideen kamen nur so angeflogen. Ich ertappe mich dabei, wie ich immer öfter Zeitplänen hinterherlaufe. Ich hätte es gerne mal wieder andersrum.

Sie machen Musik, im März gehen Sie wieder auf Tournee, Ihre Band heißt „Oblivion“. Was so viel heißt wie Vergessen. Was wollen Sie vergessen?

Ich übersetze Oblivion im Sinne von Selbstvergessenheit. Das hat damit zu tun, was Musik immer für mich war. Schon in der DDR, in meiner Jugend und Kindheit. Auf das Wort stieß ich durch den Film „Living In Oblivion“, eine Low-Budget-Komödie aus New York, ein Film über Filmemacher, die mit wenig mehr als nichts einen Kunstfilm machen und natürlich grandios scheitern. Ich mochte den Film sehr.

Musik als das große Vergessen?

Ich beobachte, dass viele Menschen Musik wie ein Werkzeug benutzen. Oder wie ein Möbel, wie Eric Satie sich das dachte. Ich höre immer Musik, wenn ich den Ort oder meine Stimmung ändern will. Ich habe manches von Schriftstellern wie Paul Auster oder T. C. Boyle gelernt, mit denen ich Lesungen gemacht habe. Ich habe sie ausgehorcht, weil ich wissen wollte, was sie zum Schreiben brauchen. Manche ertragen überhaupt keine Musik beim Schreiben, andere nur Instrumentalmusik. T. C.Boyle schreibt nur zu Musik. Für mich war sie schon immer ein Vehikel, eine Art Raumfähre.

Wie ist es, wenn Sie auf der Bühne stehen und Musik machen?

Am schönsten ist es, wenn man eins wird mit den Leuten vor der Bühne. Diese einmalige Interaktion, dieses Nichtwiederbringliche, das fasziniert mich. Da entstehen Momente, an die man sich erinnert. Weil man gemeinsam alles andere um sich herum vergisst.

Wenn wir sagen würden, für uns gibt es nicht die Jan-Josef-Liefers-Paraderolle, wäre das ein Kompliment für Sie?

Oh ja, und ein sehr schönes. Also sagen Sie es ruhig! Ich werde schon sehr oft auf meinen Professor Boerne angesprochen. Aber das größte Glück meines Berufslebens ist, dass mir immer sehr verschiedene Rollen angeboten wurden. Ich habe nicht das Gefühl, festgelegt zu sein. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass es Produzenten und Regisseure gibt, die glauben, sie würden sofort in einer bestimmten Ecke landen, wenn sie mich engagieren. Vielleicht bin ich manchen auch zu kommerziell, ich weiß es nicht.

Hat da etwa jemand Angst vor Ihnen? Oder Ihrem Erfolg?

Nicht vor mir persönlich, aber vielleicht vor diesem Liefers-Gesamtpaket. Nach dem Motto, wenn ich den Liefers habe, dann habe ich auch dieses ganze Umfeld und die entsprechende Presse am Hacken. Aber das sind nur Vermutungen. Da hilft nur Selbermachen.

Haben Sie etwas vor?

Ja. Ein Krimi wird es aber auf gar keinen Fall. Ich will Geschichten erzählen, die sonst nicht erzählt werden.

Zum Beispiel?

Ich würde sehr gerne einen Film über die Tage drehen, in denen Erich Honecker mit seiner Frau Margot nach seiner Absetzung im April 1990 bei dem Pfarrer Uwe Holmer im brandenburgischen Lobetal lebte. Eine einmalige Konstellation. Wahnsinnig spannend.

Wie weit sind Sie?

Wir arbeiten am Drehbuch. Ich habe Pfarrer Holmer kontaktiert, aber leider will er sich zu dem Thema nicht mehr äußern. Aber Material gibt es genug. Jetzt müssen wir sehen, wie weit wir kommen.

Der 25. Jahrestag des Mauerfalls nähert sich unerbittlich. In wie vielen Filmen zum Thema werden wir Sie erleben dürfen?

Lassen Sie mich nachdenken. Ich glaube in gar keinem. Wie kann das sein?! Mein Stern scheint zu sinken.

Interessiert Sie das Thema nicht?

Doch, aber trotzdem bin ich dankbar, nicht auf das Thema abonniert zu sein. Manchmal bin ich fast erschrocken darüber, wie wenig Spuren die DDR bei mir hinterlassen hat.

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