Medien : Jauchs Fragenautor: Der öffentliche Millionär

Markus Huber

Der Mann redet für sein Leben gerne. Er ist einer jener Menschen, die es selten schaffen, die Suppe auszulöffeln, solange sie noch heiß ist. In der Wuppertaler Uni ist er dafür bekannt, dass er Geschichte nicht unterrichtet, sondern erzählt und sie mit Geschichten ausschmückt. Und so war das auch bei Günther Jauchs "Wer wird Millionär?" am 3. Dezember vergangenen Jahres: Da saß Eckhard Freise im Studio und erzählte vor den Antworten so lange Geschichten, bis die Fragen nicht mehr brenzlig waren.

Eckhard Freise ist seit dem 3. Dezember, an dem er wusste, dass der Sherpa Tensing Norgay Sir Edmund Hillary auf den Mount Everest begleitete, kein unbekannter Vielredner mehr. Wo auch immer er hinkommt, wird getuschelt, und wenn er vorgestellt wird, dann fällt da immer dieser eine Satz: "Herr Freise ist der erste Mensch, der bei Günther Jauch die Millionen-Frage beantwortet hat." Ja, Herr Freise ist berühmt; ungefähr so berühmt wie die "Big Brother" aus dem Container. Wenn Eckhard Freise singen wollte, dann hätte er längst eine CD aufgenommen. Doch genau das sind die Sachen, die Freise nicht machen will. "Das Leben soll so bleiben wie zuvor", sagt er. Unaufgeregt und beschaulich.

So unaufgeregt wie im Alten Rathaus von Potsdam. Da nimmt Freise an der Gründung der deutschen Emanuel Lasker Gesellschaft teil, einem Verein, der an den legendären deutschen Schachweltmeister erinnern will. Zahllose Größen der Schachwelt sind anwesend, um über Lasker zu diskutieren. Der Einzige, der nichts beizutragen hat, ist Freise: "Ich bin nur ein ambitionierter Schach-Laie", sagt er. Und freut sich trotzdem, dass er dabei sein durfte. Immer wieder kommt jemand vorbei, klopft ihm auf die Schultern und gratuliert ihm. Zur Jauch-Million. In solchen Situationen hat er sich angewöhnt zu lächeln, die Schultern hochzuziehen und einfach nur "das war doch nichts esonderes" zu murmeln. Immerhin war es so besonders, dass die Schachfreunde es der Mühe Wert fanden, Freises Teilnahme an der Konferenz im Programmheft anzukündigen. Natürlich mit dem Zusatz, dass "Herr Freise der Mann ist, der bei Günther Jauch ..."

Ob ihn das stört? Freise verneint. "Ohne Jauch wäre ich hier nicht Ehrengast", meint er, "wichtig ist nur, dass man weiß, dass der Fensehruhm nur kurzzeitig andauert. Man muss etwas tun, um die Prominenz am köcheln zu halten." Genau das will er nicht.

Freise lebt immer noch in Münster; in jenem Haus, dass er mit dem Jauch-Gewinn abzuzahlen gedenkt. Gerade einmal 8000 Mark hat Freise bisher ausgeben - investiert in einen Computer für den Sohn. Er unterrichtet weiterhin am Institut für Mittelalterliche Geschichte der Universität Wuppertal. Er hat keinen PR-Agenten, und wenn man im Institut anruft, dann hebt Freise persönlich den Hörer ab. Alles soll so bleiben, wie es war; mit der einzigen Ausnahme, dass Herr Jauch für Herrn Freise mittlerweile "der Günther" ist.

Und dann sind da natürlich die Schnorrer. Freise hatte bei Jauch angekündigt, dass er einen Teil seines Gewinns an eine caritative Organisation abgeben wolle. Seitdem hat der Postbeamte ordentlich zu tun, wenn er zu den Freises aufbricht. "Viele Menschen sind da dabei, mit teilweise schlimmen Schicksalen", erzählt Freise, aber er könne eben nicht allen helfen. Wenn der größte Hype einmal vorbei ist, dann möchte er sich mit seiner Frau zusammensetzen und die Post sichten. Im Moment, meint er, habe er noch keine Ahnung, wer wann wieviel bekommt.

Also alles so wie früher? Nein, sagt der Professor: "Das hat aber nicht unbedingt mit den Medien zu tun, sondern mit den Kollegen". Freise ist er Professor für mittelalterliche Geschichte, Mediävistik, und das ist nicht unbedingt eine besonders populärwissenschaftliche Disziplin. Viele Kollegen begegnen ihm jetzt mit Skepsis. Freise: "Für die bin ich der Mann, der aus der Wissenschaft herabgestiegen und zum Tittensender gegangen ist." Freise ist 56, viele seiner Kollegen sind älter. Geschichtsprofessoren haben ein gutes Gedächtnis und wissen deshalb auch noch, dass RTL nicht immer der "Wer wird Millionär?"-Sender war, sondern einst Hugo Egon Balders "Tutti Frutti" und "Lustig juckt die Lederhose, Teil 3" im Programm hatte. Freise sagt, dass ihn das nicht besonders stört: "Die Wissenschaftler müssen mal aus ihrem Elfenbeinturm heraus: Bildung ist mehr, als Dietrich Schwanitz schreibt."

Ganz so ruhig dürfte ihn das trotzdem nicht lassen. Schließlich bemerkte Freise, dass er in den vergangenen Wochen zwar viele Einladungen bekam, Wissenschaftliches, Mittelalterliches war aber nicht darunter. Nicht einmal die Wissenschaftsredaktion des WDR-Radio ruft an, um den Mediävisten zu sprechen. Das Interview dreht sich nicht um Fragen des Mittelalters, sondern um die Ethik von Shows wie "Ich heirate den Millionär". Auch dafür ist er seit Jauch Experte. Wenn er so etwas erzählt, versucht er möglichst gleichgültig zu wirken. Trotzdem merkt man, dass das aufgesetzt ist.

Dabei meint Freise, hätte er doch auch "für die Universität etwas getan". In den Tagen nach seinem Auftritt hätten sich fast 1600 Jugendliche an seiner Wuppertaler Uni für ein Geschichte-Studium interessiert. Normalerweise sind es pro Jahrgang 200. Was die konkret lernen wollen? Freise lächelt - und schweigt.

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