Medien : Je häufiger am Abend…

Der Tagesspiegel hat untersucht, welcher Gast am meisten im Fernsehen talkt – ein Politiker ist es nicht

Hannah Pilarczyk,Johanna Rüdiger

Von Hannah Pilarczyk

und Johanna Rüdiger

Gegen Peter Scholl-Latour hatten im vergangenen Jahr selbst Politiker keine Chance. Wenn sich Guido Westerwelle und die anderen üblichen Verdächtigen in eine Talkshow begaben, konnten sie sicher sein: Scholl-Latour war schon da. Ganze 24mal folgte er den Einladungen von Christiansen und Co. Auch FDP-Chef Guido Westerwelle – sonst Spitzenreiter in Sachen Medienpräsenz – hinkt mit 17 Auftritten hinterher.

Kein Wunder, denn das wichtigste Thema des Jahres kam aus der Außenpolitik: der Irak-Krieg und seine Folgen. Die Talkshow-Redaktionen konnten den Islam-Kenner Scholl-Latour dafür mehrfach einsetzen. Einerseits ist er seriöser Experte, hat sich mit Büchern wie „Kampf dem Terror – Kampf dem Islam?“ profiliert. Andererseits kann er mit Erfahrungsberichten von seinen Nahost-Reisen auch das Menschelnde, das die Talkshows so lieben, bedienen. Statt Außenminister Joschka Fischer erklärte deshalb Scholl-Latour den Deutschen die außenpolitischen Zusammenhänge. Denn Fischer lässt sich ungern in einer großen Talkshowrunde blicken, er bevorzugt den Exklusiv-Auftritt. Doch der ist nur selten im Programm, weshalb Joschka Fischer 2003 nicht den Sprung unter die Top Ten der deutschen Talkshows schaffte.

Im Laufe seiner Tour entwickelte sich Scholl-Latour auch noch zum Talkshow-Experten: „Am liebsten gehe ich zu Maischberger oder in eine Talkshow bei Phoenix, weil dort echte Diskussionen möglich sind.“

Dass nicht jeder Gast ein angenehmer Diskussionsteilnehmer ist, diese Erfahrung hat auch Scholl-Latour gemacht: „Die Politiker sind die schlimmsten Talkshowgäste.“ Sie könnten sich nicht richtig artikulieren und ließen ihren Mitstreitern kaum Zeit zum Reden.

Aber ohne die Politiker geht es auch nicht. Im Gegensatz zu nicht-politischen Talkshows müssen Sabine Christiansen oder Maybrit Illner immer wieder auf dieselben Kandidaten zurückgreifen. Zwar werden die verschiedenen Themen mit den jeweiligen Experten und zuständigen Politikern besetzt, aber ein Grundsatz bleibt: Hauptsache, die tonangebenden Politiker sind dabei. Und das sind nun einmal die Parteichefs und Generalsekretäre. „Beckmann“ und „Johannes B. Kerner“ können dagegen aus einer Fülle von A- und B-Prominenten schöpfen. Sie haben deshalb nur in Ausnahmefällen wie bei Boris Becker, der bei „Kerner“ vier Shows als Gastmoderator bestreiten durfte, Dopplungen auf ihren Gästelisten. So kommt es, dass Guido Westerwelle sechs Mal bei „Christiansen“ für die FDP werben durfte. SPD-Generalsekretär Olaf Scholz konnte den Zuschauer immerhin vier Mal bei „Berlin Mitte“ über die Situation seiner Partei aufklären.

An der Frequenz, mit der ein bestimmter Politiker in einer Talkshow auftaucht, lassen sich die Top-Themen des Jahres ablesen. Stabilitätspakt am Ende, Rekordschulden und Nachtragshaushalt: Finanzminister Hans Eichel kam 2003 aus den negativen Schlagzeilen nicht heraus. Der Minister musste viel verteidigen und erklären – und tat dies auch in Talkshows. Das bescherte ihm mit 14 Auftritten den dritten Platz. Mit sogar zwei Auftritten beehrte der Minister den Kuschel- Talker Johannes B. Kerner, um für den Menschen Eichel Verständnis zu wecken.

Dass in Sachen SPD auch sonst viel Erklärungsbedarf besteht, ist an Rang vier zu erkennen. Gleich zwei Genossen platzierten sich hier im Talkshow-Ranking. Neben Olaf Scholz verteidigte auch der SPD-Fraktionsvorsitzende Franz Müntefering die Reformpolitik. Platz fünf geht an die Themen Gesundheitsreform, Niedersachsen-Wahl und Vermittlungsausschuss, vertreten durch den CSU-Gesundheitsexperten Horst Seehofer und den neuen niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff, der auch im Vermittlungsausschuss von Bundesrat und Bundestag saß.

Nur Westerwelles Spitzenplatz unter den Politikern lässt sich nicht über die Top-Themen erklären, schließlich war die FDP nicht das Ereignis des Jahres. Der Grund für Westerwelles ausgeprägte Talkshow-Präsenz liegt viel mehr in seiner Persönlichkeit. Der Chef der ehemaligen Spaß-Partei ist der perfekte Universal-Gast: eloquent und allzeit bereit, sich zu jedem Thema zu äußern.

Dass die Menge der Talkshowauftritte nicht mit einer Verehrung des Gastes für das Genre gleichzusetzen ist, zeigt Peter Scholl- Latours Einstellung zur Talkshow: „Ich würde niemals selber moderieren.“

Anders die Frauen: Sie müssen moderieren, wenn sie ins Talk-Fernsehen wollen. Unter den Top Ten 2003 ist keine einzige Frau.

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