Medien : „Jeder beobachtet jeden“

Medienanwalt Christian Schertz zu den negativen Auswirkungen der „Leserreporter“

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Herr Schertz, die „Bild“-Zeitung fordert ihre Leser auf, Fotos von Prominenten in die Redaktion zu mailen. Honorare werden dafür versprochen und bezahlt. Ist dieser „Amateur-Journalismus“ fragwürdig?

Ich finde derartige Aufrufe an Fotohandyreporter nicht nur fragwürdig, sondern halte die Ergebnisse zumeist für rechtswidrig. Nach der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (Caroline-Entscheidung) haben auch Prominente das Recht, dass man sie in ihrem privaten Alltag in Ruhe lässt und nicht ständig durch Paparazzi oder jetzt eben Leserreporter verfolgen lässt. Dies gilt erst recht für Personen, die keine Personen der Zeitgeschichte sind und etwa als Unfallopfer „abgeschossen“ werden.

Gelten bei der Veröffentlichung dieser Fotos dieselben rechtlichen Regeln wie beim professionellen Journalismus?

Ja. Das bedeutet, dass bei einer Veröffentlichung des Fotos etwa das Recht am eigenen Bild beachtet werden muss, wonach Fotos aus der Privat- und der Intimsphäre unzulässig sind. Die „Bild“-Zeitung etwa klärt die Laienreporter nicht über die rechtlichen Folgen auf, informiert diese insbesondere nicht darüber, dass sie eigenständig haften können.

Aus Ihrer Praxis: Ist das ein neues Feld der rechtlichen Auseinandersetzung? Klagen Prominente bereits?

Die rechtlichen Fragen waren bereits bei Paparazzi-Fotos zu klären. Allerdings häufen sich jetzt natürlich die Verletzungsfälle. Das heißt: Die Zahl der Auseinandersetzungen wird durch die Laienreporter steigen. Es sind bereits mehrere Prominente gegen die Leserfotos in der „Bild“-Zeitung erfolgreich vorgegangen.

Wird dabei nach der Veröffentlichung einzelner Fotos geklagt oder gleich ein generelles Handy-Foto-Verbot eingeklagt?

Klagen kann immer nur der jeweils Betroffene, also der Abgebildete. Verboten werden nach aktueller Rechtsprechung das konkrete Foto und dem entsprechende Bildmotive.

Lässt sich diese Art von Öffentlichkeit überhaupt noch regulieren? Bei der Internet-Plattform youtube.com gehen die Videos zum Downloaden in die Millionen.

Wenn man die Praxis im Internet zum Maßstab nähme, könnten wir sowieso einpacken, insbesondere wenn die Website-Betreiber im Ausland sitzen. Hinzu kommt, dass die „Bild“-Zeitung von knapp 11,5 Millionen gelesen wird und insofern der Rechtsverstoß sich allein durch die Anzahl der Kontakte manifestiert. Medien, die in Deutschland erscheinen, unterliegen deutschem Recht und müssen dieses beachten, wenngleich die Boulevardblättchen dies, wie zuletzt durch die Foto-Handy-Reporter deutlich geworden, oftmals schlichtweg ignorieren.

Aber eines scheint doch klar: Prominente müssen verstärkt damit rechnen, in der Öffentlichkeit „abgeschossen“ zu werden. Ihr Bewegungsspielraum wird wieder enger, oder?

Prominente müssten nach dem Spruch aus Straßburg eigentlich nicht mehr damit rechnen, in der Öffentlichkeit abgeschossen zu werden, da der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte dieses ausdrücklich verboten hat. Die normative Kraft des Faktischen ist aber, dass nunmehr nicht nur Paparazzi auf die Prominenten angesetzt sind, wie es noch zu Zeiten der Straßburger Entscheidung war, sondern jetzt sogar massenhaft Leser hierzu aufgefordert werden. Hier muss man die Frage stellen, ob wir eine Gesellschaft erstreben, in der jeder jeden beobachtet, insbesondere jedwedes Missgeschick und Fehlverhalten dokumentiert werden soll. Ich jedenfalls will das nicht.

Das Interview führte Joachim Huber.

Christian Schertz arbeitet als Medienanwalt in Berlin und lehrt Medienrecht an der FU Berlin und an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg

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