Medien : Jeder ist ein Paparazzo

Immer mehr Zeitungen und Sender veröffentlichen Handy-Fotos von Amateuren

Marc Felix Serrao

„Ist an Ihnen gerade ein Tornado vorbeigezogen? Hatten Sie Ihre Kamera zur Hand? Haben Sie vielleicht gerade das Titelbild für morgen geschossen?“ Mit diesen Worten wirbt die Internetseite „augenzeuge.de“ seit dem 31. August um Amateurfotos. Hinter dem Portal steckt der „Stern“. Amateurfotos, richtig. Beim „Stern“! Wenn der Wandel der deutschen Medienlandschaft irgendwo greifbar wird, dann hier, im Mekka des preisgekrönten Fotojournalismus.

Das Hamburger Wochenmagazin ist nicht allein. Auch Zeitungen wie „Bild“ und Fernsehsender wie CNN, N24 und RTL setzen auf das Phänomen, dessen Namensvielfalt noch schneller zu wachsen scheint als seine Anhängerschaft: Bürger-, Graswurzel-, Amateur-, Mitmach-, Prosumenten-, 2.0-, Peer-to-Peer- und so weiter – Anhängsel: -journalismus. Die weitreichendste Profi-Amateur-Kooperation praktiziert derzeit der Nachrichtensender CNN. Auf dem Portal „CNN Exchange“ („Schick deine Story“) können Internetnutzer eigene Texte, Bilder, Filme und Audiodateien direkt hochladen.

Im Kern geht es beim Phänomen „Bürgerjournalismus“ um ein und denselben Trend: Moderne Mediennutzer kommentieren und knipsen lieber selbst, anstatt bloß passiv zu konsumieren. Vor einem Jahr noch als neue „Internetblase“ verspottet, werden Bürgerreporter und Blogger heute von allen Redaktionen ernst genommen. Kritisiert, ja. Ignoriert, nein. Dafür sind die Klickzahlen interaktiver Plattformen wie „MySpace“ und „YouTube“ mittlerweile zu groß. So wunderte sich keiner ernsthaft, als die Pro Sieben Sat 1 Media AG Anfang September 30 Prozent der Anteile von „MyVideo“ erwarb. „MyVideo“ ist die größte Video-Gemeinschaft im deutschsprachigen Internet.

Laut „stern.de“-Chefredakteur Frank Thomsen bietet „augenzeuge.de“ angemeldeten Nutzern die Möglichkeit, „mit Campions-League-Bildern in der Champions League mitzuspielen“. Die Fotos der bislang rund 2200 angemeldeten Nutzer werden auf der Seite unter Rubriken wie „Kurioses“, „Naturereignisse“ oder „Prominente“ abgespeichert. Äußern Zeitungen oder Magazine Interesse, übernimmt die Bildagentur „Picture Press“, die wie der „Stern“ zum Verlag Gruner + Jahr gehört, die Vermarktung. Für Bilder, die im „Stern“ selbst erscheinen, sollen Nutzer bis zu 1000 Euro Honorar erhalten.

Laut Thomsen wird der Bürger- den Profijournalismus nie ersetzen: „Das ist nur eine Ergänzung.“ Anders als bei den offenen Kanälen des Privatfernsehens der 90er Jahre handele es sich heute aber um eine „intelligente Form der Teilnahme“.

Kritik an der professionellen Einbindung des eigenen Publikums kommt vor allem aus dem öffentlich-rechtlichen Lager und von Journalistenverbänden. Als „unverantwortlich“ bezeichnete ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender in der „Frankfurter Rundschau“ Aufrufe an die Zuschauer, eigene Aufnahmen einzusenden. Die Kritiker betonen vor allem die Gefahr, betrügerischen Bildmanipulatoren auf den Leim zu gehen.

Die meiste Kollegenschelte muss, wie so oft, die „Bild“-Zeitung einstecken. Seit der Fußball-WM fordert sie ihre Leser auf, als „Leserreporter“ Fotos einzuschicken. Die Bilder, meist Promi-Schnappschüsse, erscheinen inzwischen fast täglich und werden mit jeweils 500 Euro prämiert. Ende August gab es plötzlich sogar einen „Bild-Presseausweis“ für die Amateurfotografen: Bild einkleben, fertig. „Eine einmalige Werbeaktion“, sagt „Bild“-Sprecher Tobias Fröhlich und nennt die wütende Kritik an der Aktion „überhitzt“.

Zu den ältesten Profi-Amateur-Kooperationen im deutschen Medienmarkt zählt die Aktion „Augenzeugen“ von N24. Der Nachrichtensender ruft bereits seit Oktober 2005 seine Zuschauer auf, Fotos und Filme als E-Mail-Anhang einzuschicken. Das Fazit nach fast einem Jahr ist bescheiden: „Wir erhalten etwa zwei Geschichten pro Tag, die journalistisch verwertbar wären“, erzählt N24-Sprecher Thorsten Pütsch. Doch auch diese seien mangels Aktualität und bundesweiter Relevanz meist unbrauchbar. Seit dem Start der Aktion habe man höchstens ein Dutzend Mal „Augenzeugen“-Material gezeigt. Pütsch zum Thema Bürgerjournalismus: „Das bleibt eine Nische.“

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