Medien : Jeder ist eine Geisel

Von „Bild“ bis „Beckmann“: Wie Susanne Osthoff zur deutschen Gesamtkronzeugin wurde

Harald Martenstein

Franz Josef Wagner ist Kolumnist bei der „Bild“-Zeitung. Seine Kolumnen sind immer „Briefe“. An Susanne Osthoff hat Wagner vier Mal geschrieben, zum ersten Mal kurz nach ihrer Entführung, zum vorerst letzten Mal am 28. Dezember. In der ersten Kolumne sprach er Susanne Osthoff so an: „Sie sind eine Kümmerin, sie sind anders als wir … Sie waren ein Soldat der Nächstenliebe … Heldin des Guten.“ Die letzte Kolumne hatte eine andere Tonlage. „Ich denke, dass für Susanne Osthoff Weihnachts-Lametta schimmliges Moos ist … Susanne Osthoff, die unbelehrbare Frau.“

Der Entführungsfall Osthoff war ein Meilenstein der deutschen Mediengeschichte. Das Missverhältnis zwischen dem Angebot an Fakten und der Nachfrage nach Einordnung und Einfühlung war selten so groß. Lange Zeit wusste man kaum etwas über die Hintergründe der Entführung, kaum etwas über die Person Osthoff. Selbst nach der Befreiung und den ersten Interviews blieb die Lage unübersichtlich. Osthoff konnte ein traumatisiertes Entführungsopfer sein, eine Exzentrikerin, eine verwirrte Person, Sympathisantin des Islamismus, jemand, der vor allem der eigenen Familie etwas beweisen möchte, oder keines von all dem. Möglich war vieles, denn die Hauptperson sagte nicht viel, nicht einmal in ihren Interviews.

Für uns, die Geschichtenerzähler, stellte sich zu Beginn der Affäre die Situation so dar: Auf der einen Seite gab es eine Nachfrage des Publikums. Das Publikum möchte Emotion. Das Publikum möchte Wahrheit. Vielleicht möchte das Publikum auch einfach nur, dass die Musik spielt. Der Entführungsfall war ein Drama ohne Hauptperson, ein Drama, dessen Handlung nur bruchstückhaft bekannt ist, ein Drama, das eigentlich nur aus dem Theatersaal und dem wartenden Publikum besteht.

Etwas musste gesagt werden.

So verwandelte Susanne Osthoff, die unbekannte Frau, sich zur weißen Leinwand, auf die von den verschiedensten Journalisten die unterschiedlichsten Weltsichten projiziert wurden. In „Bild“, wo sie immer Helden brauchen, war sie „Heldin des Guten“, später dann die Unbelehrbare. Erst Heilige, dann Hexe. Am 1. Dezember stand in „Bild“, nicht als Meinung, sondern als Tatsache: „Susanne Osthoff ist couragiert und tapfer.“ Am 28. Dezember wurde das gleiche Persönlichkeitsprofil mit einem Satz von entgegengesetzter Tendenz beschrieben: „Sie liebt starke Auftritte.“

Die Charité-Direktorin Isabella Heuser konnte, nach dem Betrachten eines Fernseh-Interviews, eine Diagnose stellen: „Sie kann nicht mehr klar denken.“ Im Tagesspiegel und in der „Berliner Zeitung“ erkannten Autorinnen in Susanne Osthoff das klassische Opfer des männlichen Blicks: „Sie benimmt sich nicht so, wie es dem geläufigen Frauenbild entspricht.“ Sie sei ein „freches Mädchen“. Diejenigen, die – wie zum Beispiel Heuser – an Osthoffs Verstand zweifeln, werden in der „Berliner Zeitung“ eines Ressentiments verdächtigt, des Ressentiments gegen Ehen mit Ausländern: „Die hat doch schon gesponnen, als sie in den Irak ging! Heißt es oft. Eigentlich bereits als sie einen ,Beduinen‘ heiratete und zum Islam übertrat! Deutsche Männer waren ihr wohl nicht gut genug!“ Osthoff ist hier ein Anlass für die Debatte über richtiges und falsches Frausein, ein Feld, auf dem feministische Schlachten geschlagen werden. Für den konservativen Juristen Alexander Gauland dagegen stand Osthoff – im Tagesspiegel am 27. Dezember – für die islamische Gefahr: „Nicht wirklich eine von uns“, „ihre Seele gehört einem anderen Gott“, „man kann nicht folgenlos zugleich innerhalb und außerhalb einer Nation leben“. Hier erschien die Entführung wie eine nicht ganz unverdiente Strafe für die Abwendung von Deutschland. Dass Osthoff immerhin das Opfer eines, womöglich muslimisch motivierten, Verbrechens war und keine Täterin (einer der wenigen Fakten, die festzustehen scheinen), gerät bei dieser Projektion in den Hintergrund.

In der „taz“ wird die befreite Osthoff zur Kronzeugin für den moralisch berechtigten Widerstand gegen die amerikanischen Besatzer: „Für die deutsche Öffentlichkeit ist es irritierend, wenn eine deutsche Exgeisel im irakischen Fernsehen über die Besetzung des Irak und die Nöte der Iraker redet, über Geiselnehmer, die auch nur Menschen sind …“ Hier ist Osthoff nicht die Dissidentin, die Gott und Vaterland verlassen hat, sondern eine Mediatorin, die uns Nöte nahe bringt und Geiselnehmer, die „auch nur Menschen sind“. Allerdings sprengen Menschen dieser Art fast täglich andere Menschen in die Luft.

In der „Zeit“ tritt Susanne Osthoff als Negativbeispiel für den Ungeist der 68er auf, einen „Geist, wie er in den siebziger und achtziger Jahren verbreitet war. Viele waren da gegen den Staat und dennoch frei von Hemmungen, sich von ebendiesem Staat aus jeder erdenklichen Patsche helfen zu lassen.“

Susanne Osthoff war für uns alle da. Einige Wochen lang ist sie die ideelle Gesamtkronzeugin für fast jede denkbare Geisteshaltung gewesen. Im Fall Osthoff mussten wir wochenlang ohne Fakten auskommen, aber das hat uns nicht wirklich gestört. Wir sind eben, seit ein paar Jahren, keine Überbringer von Nachrichten mehr, wir verkaufen Emotionen, erzählen Geschichten, entwerfen Weltbilder, wir suchen nicht Distanz, sondern Nähe, wir vermengen das, was in den Zeitungen früher voneinander getrennt wurde, wir machen es inzwischen fast alle so ähnlich wie „Bild“. Jede Geisel muss für eine runde Geschichte stehen, ihr Schicksal muss eine Botschaft enthalten, sie darf nicht einfach nach Hause gehen, erleichtert sein und schweigen. Wer schweigt, macht sich verdächtig.

Wenn diese Maschine erst einmal läuft, kann keine Macht sie anhalten, so lange, bis es uns langweilig wird. Osthoff wurde Opfer eines Verbrechens, sie muss sich deshalb nicht für ihr Leben rechtfertigen. Sie muss nicht sympathisch sein. Solche Sätze sind Theorie. In der Praxis sieht es so aus, dass Osthoff sich bei ihren ersten Medienauftritten dumm angestellt hat und jetzt vor der Frage steht, ob sie als verrückte Rabenmutter in die Geschichte eingehen möchte, wer will das schon. Also musste sie zu Beckmann gehen, und Beckmann stellte ihr die Mutter aller Fragen: „Was war das für ein Gefühl?“

Der Wert des Rohstoffs Gefühl ist stark gestiegen, wie der Ölpreis. Durch die Emotionalisierung der Medien ist jeder Einzelne zur potentiellen Geisel geworden. Morgen könnten Beckmann oder der „Bild“-Chefredakteur selber an der Reihe sein. Wie stehen Sie zu Ihrer Mutter, Herr Beckmann? So gerecht ist das System schon. Wenn übrigens ich in dieser ersten Zeit einen Susanne-Osthoff-Artikel hätte schreiben müssen, dann hätte ich es genauso gemacht. Auch ich hätte meine ganz persönliche Susanne Osthoff gefunden, die zu mir passt.

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