Medien : Jeder Tor wird Moderator

Über das Fernsehen als ABM für Schwervermittelbare

Henryk M. Broder

Früher sagte man: Wer nix wird, wird Wirt. Und so wie früher jeder Ex-Boxer davon träumte, eine eigene Kneipe zu betreiben, wünscht sich jeder Mann und jede Frau, der/die mal im Fernsehen zur Person vernommen wurde, so schnell wie möglich als Moderator/-in wiederzukommen. Es ist der Traumberuf schlechthin, wie vor einer Generation Stewardess, Model und Reiseleiter, vermutlich der letzte freie Beruf, für den man keine Ausbildung durchmachen, keine Prüfung ablegen und keine Qualifikation haben muss.

Es reicht der Wille zur Tat.

Jüngstes Beispiel ist die 29-jährige, also nach allen Viva- und MTV-Regeln schon ziemlich alte Patrice F. aus München. Sie war 151 Tage die Freundin von Boris Becker und hat nach diesem Märtyrium die übliche PR-Tour absolviert: „Bild“, „Bunte“, „Beckmann“. Da sagte sie über sich selbst, sie habe „überlebt“, und das klang so, als stünde ihr jetzt eine Entschädigung zu. Nun wird sie für alle erlittenen Qualen belohnt, sie wird Moderatorin bei Tele 5. Patrice F. hat’s geschafft.

Auch Gregor Gysi, als Talkshow-Gast eine Kanone und als Politiker ein Rohrkrepierer, könnte demnächst reinkarnieren. Der MDR möchte ihn als Moderator haben, einmal im Monat soll er mit Lothar Späth eine Talk- Show moderieren. Derweil wartet die ehemalige Porno-Darstellerin Gina Wild, die seit ihrem Abschied aus dem Gewerbe wieder Michaela Schaffrath heißt, auf ein Angebot: Sie möchte, wie ihr Vorbild Ariane Sommer, Moderatorin werden, egal in welcher Position.

Jeder Patient bekommt eine Chance

Es könnte sein, dass sie sich auf eine längere Wartezeit einstellen muss, denn es gibt zwar immer wieder neue Jobs, aber auch immer mehr Bewerber, die nachrücken. Das Milieu ist eine Dreiklassen-Gesellschaft. Ganz oben, an der Spitze der Pyramide, haben sich die Profis etabliert (Biolek, Jauch, Christiansen, Friedman, Schmidt), im Mittelbau lärmen und rotieren die Knallchargen (Arabella, Raab, Int-Veen, Schlegel, Türck), am Fuße drängelt sich der Rest:Was von „Big Brother“ und anderen Feldversuchen übrig geblieben und froh ist, bei Neun Live Heimwerker- und Sex-Shows moderieren zu dürfen.

Wer trotzdem ein Angebot bekommt, Moderator zu werden, müsste vor Schreck erstarren. Habe ich fertig? Ist meine berufliche Existenz am Ende? Bin ich ein sozialer Notfall? Politiker, für die es in der Politik keinen Bedarf mehr gibt, haben sozusagen einen naturrechtlichen Anspruch auf Beschäftigung als Talker: Norbert Blüm, Heinz Eggert, Andrea Fischer. Reden haben sie gelernt, Kameraerfahrung haben sie, nur das Zuhören müssen sie noch üben. Erstaunlich, dass weder Cem Özdemir noch Rudolf Scharping bis jetzt weder bei „Was bin ich?“ noch bei „Riverboat“ aufgetaucht sind. Oder verhandeln sie heimlich über Projekte, die noch in der Planungsphase sind? Das ist nicht ausgeschlossen, aber nicht sehr wahrscheinlich, denn beim Fernsehen wird unter Live-Bedingungen geprobt.

Das Leben ist gemein

Neulich saß der ehemalige Schweizer Botschafter Thomas Borer-Fielding im NDR- „Talk vor Mitternacht“, sah aus wie ein Verwandter von E.T. und tat so, als sei er endlich dort angekommen, wo er schon immer hinwollte. Was hatte den Mann für den One- Night-Stand qualifiziert? Der irre Blick? Sein Ruf als Society-Hengst? Viel einfacher: Es war das Ende seiner diplomatischen Laufbahn. Er war mal wer, und da gelten für die Ex von Becker dieselben Konditionen wie für einen gefeuerten Botschafter. Das Fernsehen als Reha-Anstalt, jeder Patient bekommt eine Chance, danach kann er sehen, wo er bleibt.

Kann sich noch jemand an den Mega-Hype um die Pro-7-Wetterfee Else Buschheuer erinnern, die im Sommer 2001 als Moderatorin für den „Kultur-Weltspiegel“ des WDR angeheuert wurde? Man konnte keine Zeitung aufmachen, ohne ein Interview mit der Aufsteigerin zu lesen. Sie war „das neue Gesicht der ARD“, von WDR-Intendant Pleitgen persönlich ausgesucht. Dann moderierte Else Buschheuer einmal den „Kultur-Weltspiegel“, und als bei der nächsten Sendung eine andere Moderatorin die verbindenden Worte sprach, fiel das nicht einmal auf. Dabei hatte Else noch Glück im Unglück, sie stürzte auf dem Höhepunkt ihrer Karriere ab. Andere quälen sich, bis sie den Abstieg ins Basislager geschafft haben, wie der Wiener Hermes Phettberg, der ein beschauliches Leben als Straßen-Penner führte, bevor er als Grusel-Moderator eine Kultfigur wurde, der halb Wien ein paar Wochen zu Füßen lag. Jetzt sitzt Phettberg wieder in irgendeinem Heim und schaut sich die Video-Aufzeichnungen seiner Sendungen an. So gemein kann das Leben sein.

Natürlich enden nicht alle Geschichten so schrecklich. Naddel wird nie wieder moderieren, aber noch lange in jeder Dorf-Disko eine Attraktion sein. Ebenso wie Jenny Elvers, die von „Big Diet“ bis „Top of the Pops“ mit allem floppte, was sie sich zutraute. Auch das ist eine Leistung, die nach Anerkennung schreit. Gauck bei der ARD, Sloterdijk beim ZDF und Seligmann bei N 24. Als der vor einem Jahr antrat, hatte er sich viel vorgenommen: „Frau Feldbusch möchte ich in meiner Sendung nicht sehen“. Auf Seligmanns Liste standen Castro, Kissinger, Arafat. Zuletzt unterhielt er sich mit Super-Promis wie der hessischen Kultusministerin Karin Wolff. Dann doch lieber einmal Verona und zurück.

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