Medien : Jennifer Nitsch – ein Psychogramm

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MünchenSchwabing, Sonntag, der 13. Juni 2004, ein warmer Frühsommertag. Die Schauspielerin Jennifer Nitsch kommt nach einer durchfeierten Nacht alleine nach Hause. Sie telefoniert, bestellt Flüge, bestellt sie wieder ab. Gegen 13 Uhr sehen Augenzeugen, wie sie aus dem Fenster ihrer Wohnung im 4. Stock auf das Dachgesims klettert. Nach wenigen Schritten stürzt sie auf die Straße. Die Schauspielerin ist sofort tot.

„3,1 Promille beim Todessturz“, „Ergebnis der Haaranalyse: Sie nahm Kokain“ trommelten die Boulevardzeitungen – ein gefundenes Fressen. Aber nur für kurze Zeit, in der Mediengesellschaft gab es schnell neue Themen. Jetzt, ein Jahr danach, das erste filmische Gedenken. Besser gesagt, der Versuch eines Psychogramms. Wir sehen den Vater, der Kinderfilme mit der glücklichen „Jenny“ kommentiert. Dazu den Staatsanwalt, Nitsch bei Willemsen, Kollegen, Gesine Cukrowski, die einfühlend-klug aber erstaunlich gefasst vom letzten Telefongespräch an jenem Morgen erzählt, an dem Jennifer Nitsch „nicht bei sich“ war.

Die Autorin Birgit Kienzle hat ein Jahr hartnäckig recherchiert. Eindeutige Antworten (war es Selbstmord?) gibt sie nicht, was Stärke und Schwäche des Films zugleich ist. Man kann sich fragen, ob Nitsch’ früher Tod ähnliche Legenden zu bilden vermag wie das bei Romy Schneider oder Marilyn Monroe der Fall war. Dafür war die filmische Ausbeute der Nitsch, deren Karriere 1988 im „Forsthaus Falkenau“ begann, trotz Grimme Preis dann doch zu gering, auch wenn ihre letzte Rolle, die der Anwältin in „Judith Kemp“ (2004) zeigte, dass die Nitsch oft unterschätzt wurde.

Von der Kostümassistentin zum TV-Star („Der Schattenmann“), dann der tragische Fall. Trotzdem denkt man manchmal: War die Nitsch so wichtig, dass sie eine einstündige Doku im Ersten trägt? Nach dem einfachen Motto: Hohe Emotionalität, hohe Quote? Richtig packend wird es erst beim Thema Schauspieler-Psychologie, das oft eklatante Unvermögen, zwischen Schein und Sein zu trennen, nicht nur bei Jennifer Nitsch. Da reden die Kollegen auch über sich. Den stärksten Satz sagt Robert Giggenbach: Wie wenig der Mensch Jennifer Nitsch geschützt war, beruflich und privat. Vielleicht auch vor diesem Film, denkt man. Andererseits, es hätte ja auch ein Doku-Drama werden können. Das läuft im Privatfernsehen, irgendwann. meh

„Jennifer Nitsch – Tod einer Schauspielerin“, ARD, 23 Uhr 30

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