Medien : Jenseits des Voyeurismus

Reality TV mit Anspruch – geht das? ARD, ZDF und Arte planen neue Formate: von der Atlantik-Überquerung bis zum CDU-Politiker Rüttgers als Tagesmutter

Juliane Schröter

Unbequemer kann man den Atlantik nicht überqueren: Holzkojen oder Hängematten zum Schlafen, zum Waschen Kernseife. Für die Zähne gibt es Zahnkreide, und auf dem Speiseplan stehen Dörrfleisch, Sauerkraut, getrocknete Datteln. Handys, Deos, Discmen: verboten. Trotzdem wollen 3000 Menschen mitreisen. Wahrscheinlich, weil WDR-Kameras dabei sind: Die ARD inszeniert eine Ozeanüberquerung der 1850er Jahre nach; nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 erreichte die Emigrationswelle in die USA ihren Höhepunkt. Fünfzig Tage dauert die Schiffspassage von Bremerhaven nach New York – wenn der Wind mitspielt. Funk und Rettungsinsel sind das einzig Moderne auf dem Dreimaster, der von 1900 stammt, aber durch Umbauten ins Jahr 1854 zurückversetzt wurde. Im September sollen die 40 Teilnehmer in See stechen.

„Windstärke 8“ – eine dreiteilige Reihe – wird von einem Trend getragen, der weit entfernt davon ist, abzuflauen: Reality TV. Die privaten Programme zeigen mehr Dokusoaps denn je: Teams von RTL oder Pro 7 ziehen durch deutsche Wohnungen und Gärten und dekorieren sie um. Abgehalfterte Prominente kämpfen auf einer Alm oder im Dschungel um ein bisschen mediale Aufmerksamkeit. Geschmacksgrenzen scheint es keine mehr zu geben: „Deutschland sucht den Superstar“-Produzent Grundy suchte gerade gestern im „B.Z.“-Stellenteil nach „Männern zwischen 24 und 40“, die „mit Kollegen oder Verwandten noch eine Rechnung offen haben“. Im Boxring sollen sie sie begleichen.

Diesseits der Trashschwelle setzen nun auch die Öffentlich-Rechtlichen auf Dokusoaps. Arte spielt von morgen an in „Die Helden von Olympia“ die Olympischen Spiele der Antike nach. Athleten von heute treten unter den Bedingungen von damals – das heißt barfuß – an; statt Duschen benutzen sie bronzene Schaber.

Die Urmutter aller öffentlich-rechtlichen Reality-TV-Formate war das „Schwarzwaldhaus 1902“, das vor anderthalb Jahren in der ARD lief: Die Berliner Familie Boro schlug sich zehn Wochen lang auf einem Schwarzwald-Bauernhof mit dem Standard von 1900 durch. Das „Schwarzwaldhaus“ schaffte, wovon öffentlich-rechtliche Programmplaner träumen: Es erfüllte den Programmauftrag und machte zugleich Quote. Sechs Millionen Zuschauer sahen durchschnittlich zu. Der Beweis war erbracht, dass sich Dokusoaps nicht in der Zurschaustellung privater Peinlichkeiten erschöpfen müssen. Sie sind modernes Geschichtsfernsehen. Für das „Schwarzwaldhaus“ gab es den Grimme-Preis.

Kein Wunder also, dass die ARD wieder die Zeitmaschine angeworfen hat. Im April und Mai hat sie mit 20 Frauen, Männern und Kindern den Jahrhundertwende-Alltag auf einem preußischen Gut in Mecklenburg-Vorpommern rekonstruiert. Ein Teil spielt die privilegierte, herrschaftliche Familie, die im Salon sitzt und im Garten lustwandelt. Der andere hat den Job des Hauspersonals: rund um die Uhr dienstbereit und ergeben Die ARD treibt großen Aufwand um ihre Dokusoaps: „Wir haben die Original-Tapeten mit einer Maschine nachgedruckt, die es nur noch in einem Stockholmer Museum gibt“, sagt ARD-Sprecher Burchard Röver. Die 16-teilige Reihe „Abenteuer 1900 – Leben im Gutshaus“ wird ab 9. November im Vorabendprogramm des Ersten gesendet. Während das „Schwarzwaldhaus“ seinen Reiz daraus schöpfte, den Überlebenskampf im unwirtlichen Gebirge zu beobachten, soll diesmal die Spannung aus den Klassengegensätzen entstehen. „Die ständisch gegliederte Gesellschaft soll greifbar werden“, sagt Röver. Reich gegen arm: Die einen fechten, die anderen misten den Stall aus. Das Konzept erinnert an ein anderes Format, das seit Jahresbeginn RTL2 Rekordquoten beschert: das Langzeit-„Big Brother“.

Trotzdem unterscheiden sich die öffentlich-rechtlichen Reality-TV-Reihen erheblich von den privaten: Bei ARD und ZDF scheiden keine Kandidaten aus. Vor allem aber gibt es keine versteckten Kameras. Gedreht wird nach den Regeln des Dokumentarfilms. Das Etikett „Reality“ wird daher bei den öffentlich-rechtlichen Sendern zum Teil wenig geschätzt: Der WDR bezeichnet seine Auswanderer-Reihe explizit als „Dokumentation“. Beim ZDF spricht man immerhin von „Reality-Dokumentation“.

Der Mainzer Sender hat drei neue Reihen in Planung. In „Die harte Schule“ setzen sich 24 Oberstufenschüler in diesen Sommerferien 50er-Jahre-Pädagogik aus. Nach dem damaligen Internatskodex müssen sie morgens um sechs Uhr aufstehen und vor dem Frühstück einen Dauerlauf machen - wer verschläft, muss extra Küchendienst machen. „Die Sendung ist etwas Ur-Öffentlich-Rechtliches, sie bildet und unterhält“, sagt Susanne Krummacher, die verantwortliche Redakteurin vom ZDF: „Wir leisten damit einen Beitrag zur aktuellen Bildungsdiskussion.“

Wahrscheinlich leistet „Die harte Schule“ auch einen Beitrag zur Steigerung der ZDF-Durchschnittsquote. Die erste Reality-Reihe im ZDF mit dem Titel „Sternflüstern“, bei der im vergangenen Jahr zwei deutsche Familien am Baikalsee lebten, kam auf knapp sechs Millionen Zuschauer pro Folge. Fortsetzung folgt im Herbst.

Im August geht es aber erst einmal mit dem ZDF in die Südsee. Bei der vierteiligen Reihe „Traumfischer“, die Ende November gesendet werden soll, guckt die Kamera dabei zu, wie sich zwei Familien in einem Dorf auf einer polynesischen Vulkaninsel drei Monate lang selbst versorgen. Sie leben genau wie die Einheimischen in Hütten, haben keine Betten, dafür Hühner und Schweine. Der Mythos vom Inselparadies zeigte bei den fast 400 Bewerbungen seine Wirkung: „Die Leute haben uns Schatzkarten, Flaschenpost und gebastelte Aquarien geschickt“, sagt Sabine Kemper vom ZDF.

Auch der Marktführer bei den Privaten, RTL, plant ein Abenteuerformat: In „Peking Express“ müssen acht Paare – darunter Ehepaare, Freundinnen oder auch Opa und Enkel – in sieben Wochen von Moskau durch den Ural über Sibirien und die Mongolei nach Peking reisen. Spesen: zwei Euro am Tag.

Ansonsten haben die Privaten erkannt, dass die wahren Überlebenskämpfe heute im Berufsleben stattfinden. Pro 7 lässt bei der Sendung „Hire or Fire – Der beste Job der Welt“ zehn Kandidaten um einen Job als Creative Director (Jahresgehalt 300 000 Euro) wetteifern. RTL hat die Lizenz für „The Apprentice“ gekauft, einer Reality-Show, in der Donald Trump einen Mitarbeiter suchte und die dem amerikanischen Sender NBC in diesem Frühjahr 20 Millionen Zuschauer pro Folge brachte. Es muss noch ein deutscher Unternehmer gefunden werden, der bereit ist, seine Bewerbungsgespräche vor Millionen Zuschauern zu führen.

Im Jahr vier nach „Big Brother“ ist Reality TV so etabliert, dass sich von den Politikern nicht nur Guido Westerwelle reintraut. Der CDU-Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfalen Jürgen Rüttgers spielte für das ZDF drei Tage lang eine allein erziehende Mutter. Der Grüne Fritz Kuhn schuftet für dieselbe Reihe mit Kamerabegleitung auf dem Bau, der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident Sigmar Gabriel, SPD, gibt den Sozialarbeiter. Ganz ohne Risiko ist ein Auftritt im Reality TV immer noch nicht: Der Fraktionsschef der Grünen im mexikanischen Abgeordnetenhaus, Jorge Kaghawi, kam bei einem Prominenten-„Big Brother“ so gut an, dass er es unter die letzten drei schaffte. Als er nach 50 Tagen den Container verließ, hatte ihn seine Fraktion abgesetzt.

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