Medien : Jenseits von Gut und Böse

Halmich, Maske, Klitschko – Boxen im Fernsehen soll wieder zum Spektakel werden

Markus Ehrenberg

Sie schrieben Fernsehgeschichte: Die Boxduelle Henry Maske gegen Rocchigiani oder der Skandalkampf Axel Schulz gegen Francis Botha Mitte der 90er Jahre zogen bis zu 18 Millionen Zuschauer in ihren Bann. Damit erzielte RTL Marktanteile um die 70 Prozent. Nur Fußball-WM oder „Wetten, dass..?“ sind und waren im deutschen Fernsehen größere Quotenbringer. Wenn es nach RTL geht, soll es solche Boxspektakel wieder öfters geben. Der Privatsender hat für rund zehn Millionen Euro die Rechte an vier Kämpfen von Wladimir Klitschko erworben, darüber hinaus die einmaligen Comebacks von Henry Maske und Axel Schulz. Fast unbemerkt ist da eines der größten Sport-TV-Geschäfte der vergangenen Monate über die Bühne gegangen.

Man könnte jetzt gelangweilt sein und sagen: Was soll das? Henry Maske, bald 43, zehn Jahre nach Karriereende? Axel Schulz, fast 39, sieben Jahre nach seinem letzten Kampf? Promi-Boxen alter Männer. Man kann es aber auch so sehen: Diese Kämpfe (am 25. November boxt Schulz, Maske im März 2006 gegen Virgil Hill) bereiten den Boden für Fernsehspektakel auf höchstem sportlichen Niveau: mit Wladimir Klitschko, einem der besten Schwergewichtsboxer.

Wie man so etwas macht, hat RTL vor zehn Jahren gezeigt. Nicht nur mit hochklassigen Kämpfen, sondern mit großer Show, großer Unterhaltung. Die üblichen Verdächtigen am Ring (Bohlen, Basler, Busenmädchen), Geschichten drumherum prächtig inszeniert, mit Fanfare und Countdown und Kampfetiketten „Gut gegen Böse“. Boxen war der boomende TV-Sport der 90er. Das ging drei, vier Jahre sehr gut bis zum Abtreten von Rüpel Rocchigiani, Gentleman Maske und Gemütsmensch Schulze. RTL stieg im September 2000 mit einem Sven-Ottke- Kampf aus. „Die Strahlkraft war weg“, sagt RTL–Sprecher Matthias Bolhöfer. Das sahen ARD/ZDF anders. Die nahmen die Klitschko-Brüder unter Vertrag. Damit hatten zuerst das ZDF, dann das Erste noch Quoten im zweistelligen Millionenbereich. Doch die Boxbegeisterung drohte 2005 endgültig abzuebben. Witali Klitschko musste seine Karriere beenden, der Vertrag des Bruders mit der ARD lief aus. Zehn Jahre nach Botha & Co. regte Fernsehboxen eigentlich niemanden mehr so richtig auf. Und nun: Wladimir Klitschko, der 30 Jahre alte IBF-Champion, exklusiv bei RTL. Zum ersten Mal am 11. November in New York gegen Kevin Brock.

Seltsam, einen Klitschko lässt man eigentlich nicht gehen. „Das tut uns schon weh, dass wir da nicht mithalten konnten“, sagt ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf. Aber RTL habe einfach mehr bezahlt. Klitschko, Maske und Schulz würden „das Premium-Boxen bei RTL wieder zu einer festen Größe machen“, tönt Anke Schäferkordt, Geschäftsführerin des etwas behäbig gewordenen TV-Giganten. Doch auch wenn der Name Klitschko, vermutet ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz, eine „sensationelle Vermarktung“ garantiert – noch sind Branchenkenner skeptisch, ob mit dem Einkauf von Maske und Schulz dem „wahren Boxsport“ geholfen ist. Die Zahl der Hardcorefans unter den deutschen Zuschauern wird auf fünf Millionen geschätzt. So viele sehen im Schnitt den Öffentlich-Rechtlichen bei ihren jeweils zehn bis 15 Kämpfen im Jahr zu, fein säuberlich über die Veranstalter zugeteilt. Die ARD bringt die Kämpfe aus dem Boxstall Sauerland (Nikolai Walujew, Danilo Häußler), vor allem die von Markus Beyer, Deutschlands einzigem Weltmeister. Beim ZDF laufe es so gut, sagt Gruschwitz, dass man die Verträge mit Universum über den Sommer 2007 hinaus verlängern will. Hinter Promoter Klaus-Peter Kohl stehen unter anderem Luan Krasniqi, Felix Sturm sowie Weltmeisterin Regina Halmich, die am Samstagabend in Magdeburg gegen eine gewisse Ria Ramnarine aus Trinidad und Tobago in den Ring steigt. Bei allem Respekt vor der telegenen Dauersiegerin und ihren Auftritten bei Stefan Raab – aufregend sieht anders aus. Die höchste Sehbeteiligung 2006 erreichte der letzte Kampf von Wladimir Klitschko im Ersten. Über zehn Millionen sahen im April Klitschkos K.o.-Sieg gegen Chris Byrd.

An dieser Zahl wird sich RTL messen lassen müssen. ARD-Mann Boßdorf ist skeptisch, ob das „extrem hohe Niveau“ der 90er Jahre erreicht werden kann. Vielleicht ist das Erste aber auch sauer, das Klitschko weg ist. Vielleicht, hofft RTL, schlummern beim Fernsehboxen noch „Potenziale“, nach all der Aufregung um Fußball-WM und Public Viewing. Boxen ist neben Fußball immerhin der einzige große Fernsehsport, der ganzjährig zu sehen – und zu vermarkten – ist. Die Cross-Promotion mit anderen Medien und Formaten, die RTL veranstalten will, habe Klitschko und die Sportrechteagentur Sportfive angeblich überzeugt, den Sender zu wechseln. Das klingt nach noch mehr Rambazamba. Echten Boxfans dürfte das egal sein. Sie träumen bereits vom Kampf der Giganten: Nikolai Walujew, der Russen-Riese, gegen den Ukrainer Wladimir Klitschko. ARD gegen RTL. Das könnte wieder Fernsehgeschichte schreiben. Fragt sich nur, in welchem Sender.

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