Medien : Jenseits von Jobatey

Frankreich hat seine erste farbige Anchorwoman. In Deutschland sind Moderatoren aus Migrantenfamilien rar

Eleni Klotsikas

Sie ist die Anne Will Frankreichs: Audrey Pulvar, 34, moderiert seit September die Hauptnachrichten auf „France 3“. Pulvar kommt aus der „France 3“-Dependance in Marseille, wo sie die Regionalnachrichten präsentierte. Und obwohl sie erst 34 Jahre alt ist, war sie sogar schon einmal Chefredakteurin: bei einem Privatsender auf den französischen Antillen. Ihre außereuropäische Herkunft unterscheidet Pulvar von den meisten ihrer Kolleginnen, sie stammt aus Martinique. Pulvar ist die erste farbige Nachrichtenmoderatorin Frankreichs. „Mir und meinen Freunden – Journalisten, die aus Afrika und Arabien kommen – wird viermal so viel abverlangt wie anderen. Aber wir leisten es und haben damit Erfolg“, sagt sie.

In ihren ersten beiden Jahren in Frankreich putzte sie bei den französischen Fernsehsendern die Klinken – ohne Erfolg. „Der Grund war meine Hautfarbe“, sagt sie. Schließlich ließ man sie doch in die Spätnachrichten, sie bewährte sich und wurde zur Anchor-Frau von „France 3“. „Bisher waren die Gesichter im französischen Fernsehen alle europäisch weiß. Doch wenn man auf die Straßen geht, sieht das Bild ganz anders aus: zehn Prozent der Bevölkerung Frankreichs sind inzwischen außereuropäischer Herkunft“, sagt Edouard Pellet, der seit 20 Monaten Integrationsbeauftragter von „France Télévision“ ist.

In Frankreich hat sich das Fernsehen also an die multikulturelle Wirklichkeit angepasst. Deutschland hinkt da noch hinterher. Hierzulande tauchen Moderatoren mit ausländisch klingendem Namen und gemischt-kultureller Herkunft nur bei Viva und MTV auf – oder in Nischenprogrammen wie „Cosmo-TV“ (WDR), in denen es um Ausländerangelegenheiten geht. Auch der Wissensshowmoderator Ranga Yogeshwar („Quarks und Co“, „Kopfball“) mit indischem Background oder der ZDF-Morgenmoderator Cherno Jobatey mit ghanaischen Wurzeln haben sich im deutschen Fernsehen etabliert. Dort aber, wo es richtig seriös sein soll, bei den Nachrichten, gibt es kaum Moderatoren mit ausländischen Wurzeln. Dabei haben inzwischen bereits 14 Prozent der Deutschen einen Migrationshintergrund. „Die Republik verändert sich, aber wir sind noch zu gleichförmig deutsch“, sagt auch ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender.

Doch es tut sich auch etwas: Vor kurzem suchte das RBB-Fernsehen ausdrücklich nach einem Moderator mit ausländischen Wurzeln. Ausgewählt wurde Mitri Sirin. Der geborene Westfale mit türkisch-syrischen Eltern moderiert heute die Spätnachrichten. „Es muss auch hierzulande selbstverständlich werden, dass Deutsche mit Einwanderungshintergrund nicht nur in die Nischen abgedrängt werden, sondern auch über deutsche Innenpolitik berichten“, sagt RBB-Chefredakteurin Petra Lidschreiber.

Als Vorreiter für eine mediale Integration sieht sich der WDR. Dort gibt es sogar einen Integrationsbeauftragten. „Für uns bedeutet das Zukunftssicherung“, sagt Fernsehdirektor Ulrich Deppendorf. Da das Medienverhalten von Migranten in der Media-Analyse nicht erfasst wird, hat der WDR dafür extra eine Studie in Auftrag gegeben. Im letzten Jahr wurde eine Moderatorin mit slowenischem Namen, Alenka Sodec, für die Nachrichtensendung des WDR „Aktuelle Stunde“ eingestellt. „Wir hoffen sehr, dass wir im nächsten Jahr mindestens einen oder sogar zwei Moderatoren türkischer Herkunft für unsere Hauptnachrichtensendung finden, denn wir wissen nun, dass diese Bevölkerungsgruppe bald mindestens ein Drittel der Fernsehzuschauer in Nordrhein-Westfalen ausmacht“, sagt Deppendorf.

Eine Moderatorin türkischer Abstammung gibt es beim ZDF schon seit mehreren Jahren: Hülya Özkan. Die Ehefrau von ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut moderiert die Sendung „heute in Europa“. Bisher haben es aber nur wenige geschafft, den Lerchenberg in Mainz zu erklimmen. Neben Hülya Özkan und Cherno Jobatey gibt es noch die gebürtige Spanierin Susanna Santina, die die Wochenendsendung „Top7“ moderiert und seit 2004 dem Team der „heute“-Moderatoren angehört, und Veleria Risi („sonntags“). ZDF-Chefredakteur Brender sind das noch zu wenige: „Unser Ziel ist es, unserem Integrationsauftrag gerade in den Moderationen stärker nachzukommen als bisher.“

Mit Tarek Youtzbachi und Michail Paweletz hat auch das ARD-„Nachtmagazin“ kürzlich zwei neue Nachrichtensprecher mit Migrationshintergrund bekommen, und auch auf der Webseite von tagesschau.de kann man sich die Nachrichten inzwischen auch auf Türkisch durchlesen. Ulrich Deppendorf reicht das noch nicht: „Mein Traum ist, dass wir irgendwann auch einen Moderator oder eine Moderatorin mit ausländischem Hintergrund in der ,Tagesschau’ und in den ,Tagesthemen’ haben.“ Soweit möchte man dort noch nicht gehen. „Wir werden künftig nicht gezielt nach Moderatoren mit Migrationshintergrund suchen“, sagt Chefredakteur Kai Gniffke. „Ein ausländisch klingender Name und Aussehen sind aber kein Hinderungsgrund für eine TV-Präsenz bei ARD aktuell.“

In Frankreich geht man offensiver vor: Seit 2004 gibt es dort den „plan positif pour l’intégration“, ein Regelwerk, mit dem das französische Staatsfernsehen die Versäumnisse der letzten Jahre nachholen will. Bisher gab es in Frankreich nur Förderprogramme für Frauen und Behinderte. Denn eigentlich kollidiert das Vorhaben, jemanden aufgrund seiner Hautfarbe und Herkunft bevorzugt einzustellen, mit dem Gleichheitsprinzip der französischen Verfassung. So läuft die Arbeit vom Integrationsbeauftragten Edouard Pellet im Stillen ab und verzichtet auf Quotierungen und Gesetzesvorlagen. In den nächsten Jahren möchte Pellet aber dafür sorgen, dass noch weitere 40 Moderatoren aus Migrantenfamilien auf den Bildschirm kommen.

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