Medien : Jerry Cotton

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FERNSEHMUSEUM

„Gestatten, mein ist Baumwolle, Jeremias Baumwolle.“ Hätte sich einer der bekanntesten FBI-Detektive der 60er Jahre je mit eingedeutschtem Namen vorgestellt, wären die Frauen vermutlich reihenweise umgekippt – vor Lachen.

Doch als Jerry Cotton machte der kürzlich gestorbene US-Amerikaner George Nader, der den Bastei-Romanhelden in den gleichnamigen Fernsehfilmen verkörperte, stets eine extrem gute Figur: smart und stark wie er war, legte er in gepflegter James-Bond-Manier der New Yorker Unterwelt das Handwerk. Immer dann, wenn es hart auf hart kam, schwang sich der Draufgänger in seinen roten Jaguar E-Type und flitzte – vorbei an deutschen Verkehrsschildern – quer durch Brooklyn zum Ort des Verbrechens, um wieder einen seiner beispiellosen Coups zu landen.

Doch die in Deutschland erdachte Kultfigur Jerry Cotton ist mehr als nur eine Reminiszenz an alte Zeiten, in denen sich hirnarme Gangster und kurvenreiche Damen noch ohne große Widerrede einnehmen ließen: Gefilmt an deutschen Originalschauplätzen und mit überwiegend deutscher Besetzung, gaukelten die Cotton-Streifen dem hiesigen TV-Publikum eine urdeutsche Studioversion des American Dream vor. Mit gepfiffener Titelmelodie im Marschmusik-Takt und Manhattan-Montage, die einem heute fast schon unheimlich anmutet: die Zwillingstürme des WTC sind gerade im Bau, auf dem Broadway herrscht nicht einmal zäh fließender Verkehr, und der tägliche Terror beschränkt sich auf ein paar Kleinkriminelle, die harmlos mit Drogen dealen oder Geld waschen und schlimmstenfalls Handfeuerwaffen schmuggeln. Denn Cottons New York ist der Nachkriegstraum von einer simplen, heilen Welt zwischen Nierentisch und Gummibaum. Eine Welt, in der das Gute immer siegt. Und eine, in der sich Verbrechen nie lohnt. Stephan Alexander Weichert

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