• Jetzt geht’s erst mal zum Frisör Wie sich die TV-Kommune um Rainer Langhans selbst wahrnahm

Medien : Jetzt geht’s erst mal zum Frisör Wie sich die TV-Kommune um Rainer Langhans selbst wahrnahm

Silke Bender

Erst hielt es Brigitte nicht mehr aus, dann wollte Jutta raus, dann Gisela. Anna wollte erst gar nicht rein und kam dann doch am vierten Tag. Geblieben sind sie alle. Bis zur letzten Minute der sieben Tage langen Kamerahaft wurde in der „Kommune – 5 Frauen und ein Mann“ (TV Berlin) gestritten, geheult, gegessen, gebadet, gepinkelt. Die Kameras hielten drauf, penetrant, selbst in den Abfluss des Klos. Einmal weinte Gisela: „Was soll das alles? Was habe ich die letzten 25 Jahre gemacht? Mein Leben ist so sinnlos.“ Frauen auf der Suche nach dem richtigen Leben.

Die Reality-Soap hielt, was sie versprach. Ungeschminkte Gefühle, ein bisschen Philosophie, ein bisschen Kindergeburtstag, die ganz großen und ganz kleinen Lebensfragen: Wie kann ich glücklich sein? Warum ist die andere dünner als ich? Einfache Antworten gab es leider nicht. Die Frauen kreischten vor Eifersucht, schmollten („Immer kriegt alles nur Brigitte“), beschimpften sich („Du mit deinem dicken Arsch nervst sowieso“). Und Rainer Langhans verteilte Lob, Tadel und Weisheit, während Brigitte immer wieder vergeblich Sex einforderte. Was anderen Leuten selbst vor ihrem Psychotherapeuten hochnotpeinlich wäre: Die Haremsdamen „verbrannten ihren Müll“, wie Jutta sagt.

Vergangene Woche saßen die sechs jeden Abend um 21 Uhr vor der Mattscheibe und sahen zu, was von den siebenmal 24 Stunden Container-Leben und ihrem Selbstbild übrig blieb. „Schockierend, aber kathartisch und deshalb wichtig“, meinen alle, unisono. Ein bisschen zu kurz gekommen seien in dem Zusammenschnitt viele Diskussionen: „Die über Macht und Liebe zum Beispiel“, sagt Christa. „Oft konnte man die Entwicklung unserer Gespräche und damit auch unsere Kämpfe und Durchdreher kaum nachvollziehen.“ Da sei an den falschen Stellen geschnitten worden. „Und das Sterbe-Thema kam überhaupt nicht vor“, kritisiert Brigitte.

Rainer Langhans sagt: „Keiner von uns fühlt sich durch die Wiedergabe vorgeführt.“ Allerdings seien „die komplexen Themen eher rausgenommen“ worden. Stattdessen seien die „Zuschauer bei den niedrigeren Instinkten abgeholt“ worden. So gab es viel nackte Haut zu sehen: Rainer beim Pinkeln, die Frauen beim Bad und der Massage zu dritt. Jutta, die nach ihrer Brustkrebs-Erkrankung weinend ihre OP-Narbe zeigt und mit ihrer Schwester Gisela den Tränen-Rekord hielt.

„Ich glaube, jede hat ihr Drama gespielt, um viel Sendezeit zu bekommen“, resümiert Gisela trocken. Jutta hält ihre Tränen keineswegs für Aufmerksamkeitshascherei: „Ich schäme mich, dass ich so gelebt habe, dass ich heute so viel weinen muss.“ Nur Anna hielt sich mit Dramen zurück. Peinlich sind den Frauen weniger ihre emotionalen Ausbrüche. Entsetzter als auf ihren Seelen-Müll blicken sie auf ihre Körper.

Erstaunlich und typisch weiblich: Da studieren sie über 25 Jahre lang gemeinsam intelligente Bücher und esoterische Lehren, suchen die innere Schönheit und Liebe, und trotzdem hakt alles an der Eifersucht und dem cellulitisfreien Po der anderen. Das erste konkrete Ergebnis der medialen Selbsterfahrung: Christa ist jetzt auf Diät und will dringend zum Frisör, Haare färben. „Wie eine graue Sofawurst“ sei sie sich vorgekommen zwischen den frisch blondierten und gesträhnten Leidensgenossinnen. Gisela hext Brigitte an: „Und du musstest natürlich die Sex-Bombe spielen. Wie du da mit deinen Kniestrümpfen und Shorts vor der Kamera herumgewackelt bist.“ Rainer Langhans, das böse Spiegelbild der Frauen, erzählt: „Ein Freund sagte mir, ihr seid die ältesten Mädchen, die er je gesehen hat – frustrierte, alte Mädchen.“ Dem unbedarften Zuschauer drängte sich hingegen oft die Frage auf, warum sich diese Frauen vor dem Mann in ihrer Mitte so klein machen.

Erst durch die „Kommune“, sagt Christa, hätte sie von außen auf sich schauen und sehen können, „welch trotziges, trauriges und hässliches Kind noch in mir steckt“. Daran wolle sie jetzt „bewusster arbeiten“. In München wurden Jutta und Gisela von einem Fan angesprochen, ein Student um die 25. „Der fand unsere Themen richtig gut und hat keine Folge verpasst.“ Ein positives Feedback. Auch die Sender TV Berlin und TV München sind zufrieden. Zuschauerzahlen gäbe es zwar erst Mitte April (die Quoten dieser Kleinstsender werden nicht von der Gesellschaft für Konsumforschung gemessen); aber, so sagen sie, so viel intelligente Post und Medien-Echo hätten sie noch nie bekommen.

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