#jetztschreibenwir : Wie Flüchtlinge Medien nutzen

Viele Flüchtlinge informieren sich über ausländische Kanäle – auch über Geschehnisse in Deutschland. Ein Online-Medium aus Berlin soll Abhilfe schaffen.

Tarek Khello
Tarek Khello
Tarek KhelloFoto: Mike Wolff

Am Tag des Amoklaufs in München rief mich Muhammed an. Er lebt seit etwa zwei Jahren in München. Er wollte wissen, wo er sichere Informationen zum Amoklauf bekommt.


Er: Ich habe bei Al Dschasira gehört, dass es eine Ausgangssperre in München gibt. Ist das richtig?
Ich: Keine Ahnung, ich bin unterwegs und konnte bis jetzt keine Nachrichten hören.
Er: Ich möchte rausgehen. Aber ich weiß nicht, ob es erlaubt ist oder nicht. Wo kann ich mehr dazu erfahren?
Ich: Schalte die ARD ein!
Er: Was ist die ARD?
Ich: Sie ist das Erste Deutsche Fernsehen.
Zehn Minuten später rief er zurück.
Er: Ich habe lange gesucht, aber ich konnte diesen Kanal nicht finden.
Ich: Du musst auf die Eins drücken, den Kanal findest du immer am Anfang.


Muhammed wollte sich eigentlich nur darüber informieren, was in seiner Stadt los ist. Doch die arabischen Kanäle, die er sonst oft nutzt, konnten ihm seine Fragen nicht beantworten. Vor allem auf seine drängendste Frage, ob er raus darf oder nicht, erhielt er keine Antwort.

Also schickte ich Muhammed das Logo der ARD. „Auf dem Foto steht nur die Zahl Eins und nicht ARD“, sagte er verwundert. Später fragte er mich, ob es nicht noch eine andere Möglichkeit gäbe, an sichere Informationen zu kommen. Die Worte bei der ARD seien oft so schwierig zu verstehen. „Warum können sie nicht einfach das Wichtigste zusammenfassen oder in einem kurzen Text auf den Bildschirm bringen, dann kann ich die Nachricht mit Google Translate ungefähr übersetzen?“

Ein aktuelles Beispiel: die Wirren um den mutmaßlichen syrischen Terroristen Albakr. Am Anfang hatten wir ganz wenig Berichte dazu. Flüchtlinge posteten auf Facebook und fragten nach Informationen. Einige von ihnen hatten andere Erkenntnisse, meinten auch, da werde manipuliert. Das hat sich schnell geändert, nachdem bekannt wurde, dass Albakr von Syrern festgesetzt wurde. Es war die Hölle in die Medien gewesen.

Nour lebt seit zwei Jahren in Leipzig


Viele Flüchtlinge informieren sich nach wie vor über ausländische Kanäle – auch über Geschehnisse in Deutschland. Nur: Was passiert, wenn eine Krise eintritt, etwa eine Naturkatastrophe, und die Menschen sich informieren müssen, um beispielsweise Anweisungen zur öffentlichen oder privaten Sicherheit zu erhalten?

Nour lebt seit zwei Jahren in Leipzig. Die Syrerin verfolgt das deutsche Angebot nur, wenn es mit arabischen Untertiteln über soziale Netzwerke verbreitet wird. „Die deutschen Medienangebote für Flüchtlinge fokussieren sich auf Serviceberichte, Tipps für Flüchtlinge zum Thema Familienzusammenführung oder das Integrationsgesetz.“ Ansonsten verfolgt Nour vor allem arabische Medien. Wie ihr geht es vielen. Sobald deutsche Fernsehsender wie die ARD, das ZDF und der MDR Serviceberichte mit arabischen Untertiteln über soziale Netzwerke verbreiten, werden sie auch angeschaut. Informationen zum aktuellen Tagesgeschehen und politischen Themen besorgen sich die Geflüchteten jedoch nach wie vor über arabische Medien.

Nicht nur ein Mangel an Informationen ist für die Flüchtlinge problematisch, auch Fehlinformationen sorgen für Probleme. Es gibt eine Menge falscher Nachrichten über Deutschland in den arabischen Medien. Mamoun aus Syrien arbeitet in einem arabischen Restaurant in Leipzig und berichtet von einer Meldung, laut der Angela Merkel die Muslime von Steuern befreit hat.

Diese Nachricht wurde während des letzten Ramadans auf arabischen Webseiten veröffentlicht. Auch große Sender wie der arabische Dienst von Russia Today verbreiteten die Meldung. Mamoun sagt, viele Kunden fragten sie damals, warum die Preise noch immer dieselben seien, obwohl Angela Merkel die muslimischen Restaurantbesitzer von der Steuer befreit habe.

Diese Desinformationskampagne war erfolgreich, aber was war der Zweck dahinter? Sollte sie zeigen, dass die Bundeskanzlerin eine viel zu großzügige Flüchtlingspolitik betreibt, insbesondere wenn es um Muslime geht? Es sollte nicht bei dieser einen Kampagne bleiben. Sowohl Russia Today als auch Al Arabia berichteten mehrfach über die angeblich großzügige Flüchtlingshilfe seitens der Deutschen. Da hieß es, Deutschland zahle jedem Flüchtling 670 Euro im Monat. Eine klassische Fehlinformation.

Diese Nachrichten aus Deutschland werden auch im arabischen Raum geklickt. Die Korrespondenten Nasser Jubara und Ewald König, die in Berlin leben, kennen diese Probleme sehr gut. Sie sagen: „Zwischen Europa und dem arabischen Raum gibt es viel zu viele Missverständnisse und viel zu wenig Ahnung voneinander. Das liegt auch daran, dass es so wenige arabische Korrespondenten in Europa und so wenige europäische Korrespondenten im arabischen Raum gibt.“

Um das zu ändern, wollen sie das Online-Medium „Berlin Insiders“ gründen. Sie selbst und ein Pool von Gastautoren werden Analysen und Hintergrundberichte veröffentlichen. So erfahren Experten im arabischen Raum, was deutsche Intellektuelle denken und umgekehrt, und deutschsprachige Thinktanks, Stiftungen und Universitäten lernen mehr über arabische Institutionen.

Tarek Khello ist Journalist und kommt aus Syrien. Sein Text erscheint im Rahmen der Tagesspiegel-Ausgabe vom 15. Oktober 2016, die von geflüchteten Journalisten gestaltet worden ist.  

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