Medien : "Joachim Gauck": "Ich kann Westdeutsch sprechen"

Wann wird die "Joachim Gauck"-Sendung mit Gysi ode

Welch glücklicher Zufall: Bundesaußenminister Joschka Fischer, der sich gerade wegen seiner schlagkräftigen Frankfurter Vergangenheit rechtfertigen muss, gab bereits vor Wochen die Zusage, als erster Gast den neuen ARD-Talk mit Joachim Gauck zu eröffnen (heute, 23 Uhr). Der 60-jährige Mecklenburger Gauck war in der DDR als evangelischer Pastor tätig, 1989 Mitbegründer des Neuen Forums in Rostock und 1990 Abgeordneter der frei gewählten Volkskammer in Berlin. Bis zum vergangenen Jahr wachte er als Bundesbeauftragter über die Akten der DDR-Staatssicherheit und streitete sich dabei unter anderem mit Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD), dem Ex-PDS-Bundestagsfraktionschef Gregor Gysi und dem letzten DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel (CDU).



Wann wird die "Joachim Gauck"-Sendung mit Gysi oder Stolpe kommen?

Ich hoffe, dass der WDR nicht gleich mit diesen Namen kommt. Bisher habe ich öffentliche Auftritte mit Personen, die mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet haben oder von der Stasi als IM geführt wurden, abgelehnt. Diese Freund-Feind-Konstellation, die für andere Anstalten vielleicht hoch interessant ist, weil sie Zuschauer anlockt, werde ich auch hier nicht mit mir machen lassen. Was Herrn Diestel betrifft, würde mein Verantwortlicher im WDR nicht auf die Idee kommen, ihn und mich zusammenbringen zu wollen. Schließlich will niemand von uns den Zuschauer mit Geschmacklosigkeit konfrontieren. Und bei Herrn Gysi besteht kein Nachholbedarf. Er ist der Politiker, der am häufigsten in den Medien aufgetreten ist. Aber wenn innovative Themen von Personen ausgehen, mit denen ich früher in anderer Beziehung zu tun hatte, dann kann es schon eine gemeinsame Sendung geben - ich schließe das nicht völlig aus.

Mit wem möchten Sie unbedingt ein Gespräch führen?

Zuerst einmal finde ich es gut, dass ein Sender in einer Zeit, in der den Zuschauern allerhand Frohsinn angeboten wird, Sendezeit für ein ernsthaftes Gespräch bereit stellt. Da ich jeweils nur einen Gesprächspartner habe, reizt es mich auch. Eine halbe Stunde für mehrere Gäste würde für mich schwierig sein. Ich bin ja kein Moderator und bin deshalb auch unsicher und habe Lampenfieber. Wir haben 20 Sendungen verabredet, aber ich möchte nicht nur Politiker da haben, die sowieso ständig im Fernsehen sind. Toleranz, Mut, Verantwortungsbereitschaft - das sind Tugenden, die unsere Spitzenpolitiker zur Zeit vielleicht weniger rüberbringen können als einer, der im Bereich der Kultur oder der Wirtschaft durch seine Persönlichkeit aufgefallen ist. Trotzdem würde es schön sein, etwa dem Bundespräsidenten und dem Bundeskanzler in einer ruhigen Atmosphäre zu begegnen.

Was reizt Sie an dem Rollenwechsel?

Es ist eine Herausforderung. Ich habe zehn sehr erfüllte berufliche Jahre hinter mich gebracht. Während der letzten fünf Jahre bin ich auch häufig als politischer Lehrer mit Vorträgen über Diktatur und Diktaturfolgen unterwegs gewesen. Jetzt muss ich herausbekommen, ob ich auch so intensiv zuhören und fragen kann, wie ich intensiv geredet habe. Da bin ich mir gar nicht sicher.

Was erhoffen Sie sich von der Sendung?

Dass ich mit meinen Anliegen weiterhin vorkomme in der Öffentlichkeit. Mich ärgert es, wenn ich in einem Land lebe, wo Mut und Verantwortung zu wenig gelebt werden - sowohl von der politischen Klasse, als auch von denen, die oft nur zuschauen und selber nicht eingreifen.

Sie sollen auch den eigenen Erfahrungsschatz mit einbringen. Glauben Sie, dass die Ost-Perspektive im Fernsehen fehlt?

Es gibt ja nicht die Ost-Perspektive. Generell gilt: In der Kultur, in der Politik sind die Ossis Minderheit, aber das sind wir insgesamt in Deutschland. Ich will nicht den Mond anheulen. Es ist aber wichtig, dass auch Menschen mit ostdeutschen Erfahrungen meiner Art vorkommen. Wir hatten ja 1989 die Nase voll davon, eine bestimmte Art von Ossitum länger zu kultivieren. Wir wollten ankommen in Mitteleuropa mit seinem Demokratieprojekt und seiner kulturellen Weite. Es wird noch lange dauern, ehe Ost- und Westdeutsche auf bestimmte Themen völlig identisch reagieren. Wir sind zu lange anders gemacht worden. Es ist auch sehr interessant, dass nicht ein ostdeutscher Sender auf die Idee gekommen ist, mich für das Medium zu gewinnen.

Wie erklären Sie sich das?

Ich gehöre zu den Ostdeutschen, die Westdeutsch sprechen können, die den politischen Westen auch ganz eindeutig als einen Fortschritt begreifen. Das mögen einige Ostdeutsche nicht so sehr. Zum Teil stehen ihnen Ängste im Wege, manchmal ist es auch nur ein Nicht-Vertrautsein mit den Lebenswelten im Westen.

Aber Sie sollen doch die Ost-Quote im Fernsehen erfüllen.

So östlich bin ich nun auch nicht. Aber ich verberge nicht, dass ich eine Meinung habe und Kontroversen auszuhalte. Und ich bin unabhängig und ordne mich keinem Lager zu. Vielleicht ist das hier ja geschätzt.

Was ist für Sie ein guter Polittalk im TV?

Ich sehe wenig fern. Aber guter Talk ist, wenn die Partner sich gegenseitig ernst nehmen und die Zuschauer nicht nur bespaßen oder hinters Licht führen wollen. Beim Zuschauer sollte Hoffnung und Freude am Mitdenken entstehen, vielleicht auch der Impuls, selber in der Politik aktiv zu werden.

Es gibt immer mehr Politiker, die zu Gastgebern von Talksendungen werden. Frei nach dem Motto: Die politische Klasse befragt sich selbst. Ist das nicht eine bedenkliche Idee?

Es würde bedenklich werden, wenn die Parteien dafür sorgen, dass in den ihnen nahe stehenden Sendern ein medienwirksamer Politiker regelmäßig auftritt. Bei mir ist das etwas anderes. Ich bin der Öffentlichkeit nicht als Parteipolitiker begegnet, und meine Befassung mit Politik war auf ein Spezialthema gerichtet.

Sie sind jetzt nicht mehr für die Aktenberge der Stasi zuständig. Fehlt Ihnen etwas?

Mir fehlt die Geborgenheit, die einem Mitarbeiter geben können, wenn man Teil einer großen Gruppe von Menschen mit einem gemeinsamen Anliegen ist. Aber ich konnte mich auf diesen Abschied vorbereiten. Ich habe selber einer beabsichtigten Gesetzesänderung widersprochen, die es erlaubt hätte, dass ich noch mal fünf Jahre weitermache. Die Mehrheiten wären da gewesen. Aber das widersprach meinem Demokratieverständnis. Ich wollte ein gutes Gesetz nicht wegen einer Personalie geändert wissen.

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