Joachim Król : "Geschäftsscheiß ärgert mich"

Joachim Król über nervige Handys, Nokia und seinen Kommissar Lutter.

Herr Król, mögen Sie Handys?

Ach, ich komme auch nicht mehr daran vorbei. Aber im Prinzip haben die unser Leben nicht verbessert, die Dinger.

In der heutigen „Lutter“-Folge klingelt das Telefon ihres neuen Kollegen sehr nervtötend. Kommissar Lutter wirft es aus dem Autofenster. Haben Sie schon mal ein Handy weggeworfen?

Das nicht. Aber ich habe mich in der Eisenbahn schon beschwert bei Leuten, die gar nicht mehr mitkriegen, dass andere hören, was sie sagen. Die blasen dann irgendwelche Informationen in Räume, die da gar nicht hingehören.

Was wurde denn da ins Abteil geblasen?

Irgendein Geschäftsscheiß. Da habe ich gesagt: Mich interessieren Ihre Abschlüsse nicht! Erledigen Sie das doch woanders. Das belästigt mich schon.

Haben Sie sich Handys lange verweigert?

Als das mit den Mobiltelefonen losging, war ich viel im Ausland unterwegs und hatte einen kleinen Sohn. Das war das Hauptargument für die Erreichbarkeit und die Schnur nach Hause. Wenn du einmal am Haken bist, kommst du nicht mehr davon los.

Eigentlich passt diese Telefon-Betriebsamkeit überhaupt nicht zu der Ausgeglichenheit, die ihre Figuren oft ausstrahlen.

Die Krimirealität kommt ohne DNA-Test und ohne Mobiltelefone nicht mehr aus. Die Vorgabe – „So geneigter Autor, du schreibst jetzt einen Fall, wo das nur einmal klingeln darf“ – ginge dermaßen an der Realität vorbei, dass sich der Autor wahrscheinlich verweigern würde.

Lutter ist nach Ihnen modelliert. In welchen Eigenschaften sind Sie ihm ähnlich?

Ich teile seine fragile Gelassenheit. Die westfälische Ruhe, die auch manchmal eruptiv unterbrochen werden kann. Ich hoffe, dass ich meinen kleinen „Sense of Humour“ hie und da platzieren kann. Ich glaube, dass auch eine Zutat Melancholie dazu gehört.

Warum?

Wenn so viel Leben um einen herum ist, ist man nicht so leicht zu überraschen. Um so schöner ist es dann, wenn man wirklich Erschütterung spielen kann, weil einem etwas begegnet.

Sie sind selbst nicht leicht zu erschüttern?

Es wird immer leichter, glaube ich.

In Ihrer Rolle als Kommissar kümmern Sie sich heute um eine arme Arbeiterfamilie. Tatsächlich schließt in Bochum gerade ein Nokia-Werk. Macht Sie so etwas wütend?

Ja, natürlich. Selbst die Entscheider scheinen da ja nicht mehr durchzublicken, was ihre Entscheidungen für Konsequenzen haben können. Wenn sich ein findiger Unternehmer an alle Gesetze hält und alle Förderungen abgreift und immer auf dem Boden des Gesetzes bleibt und dann einfach weiter zieht, zeigt das doch vor allem: Was erlaubt ist, wird auch gemacht. Da muss man offensichtlich mal an die Wurzel des Übels. Irgendetwas stimmt doch da nicht.

Der kleine Mann gegen die großen Kräfte der Wirtschaft – ist das ein klassischer Ruhrgebietskampf?

Wir reden vom größten Ballungsraum Deutschlands. Alles, was überall stattfindet, findet da eben geballter statt. Wenn es in einer mittleren Stadt in Niederbayern passiert, dann betrifft es vielleicht 100 Leute. Im Ruhrgebiet haut es dann wirklich 4000 Arbeitsplätze weg. Und das muss man ja hochrechnen. An jedem Arbeitsplatz hängen noch drei andere dran.

Erinnern Sie sich noch an die Zeiten, als das Ruhrgebiet noch wirtschaftlich blühte?

Vor über dreißig Jahren war das Gebiet der Herzschlag der Nation. Da kamen Stahl und Kohle her. Das hat die ganze Ökonomie wieder angeschmissen in der neuen Republik. Diese Veränderung und diese gigantischen Anstrengungen sind Teil meiner Biographie. Deshalb interessiert mich das natürlich auch.

Weil sie ein Arbeiterkind sind...

Ja, genau. Wenn ich die Schachtanlagen in Essen sehe, die jetzt für uns Drehorte sind und umgewidmet werden in Kulturspielstätten, habe ich deren Geruch noch in der Nase und höre, wie so eine Anlage gebrummt hat. Wenn der Himmel nachts feuerrot war, wenn die Koksöfen sich geöffnet haben und der glühende Koks abgelöscht wurde...

...das hört sich nach Ruhrgebietsromantik an...

...die es nicht mehr gibt. Aber wir können nicht auf ihr Echo verzichten.

Das Interview führte Johannes Gernert.

„Lutter: Blutsbande“, 20 Uhr 15, ZDF

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