Medien : Joachim Krol: Aber Venedig ist schön

Mechthild Zschau

Donna Leon: Vendetta. ARD. Hauptfigur: Venedig. Die morbide Schöne im Herbst. Die alte Pracht vergammelt im grauen Licht. Die Touristen sind verschwunden und lassen eine verwunschene, weil der Hektik der Gegenwart entzogene Provinzstadt zurück. Dort kennt jeder jeden, jeder mauschelt mit jedem. Commissario Brunetti kennt das zur Genüge. Seine braunen Knopfaugen gucken melancholisch in die verrottete Welt, er schweigt - und tut leise und unauffällig, was er für richtig hält, mag sein Chef (Michael Degen als windelweicher Wichtigtuer) auch noch so zetern. Denn wieder einmal ist der Wurm drin in der High Society. Zwei Rechtsanwälte werden ermordet, ein reicher Steuerberater im nahen Padua begeht scheinbar Selbstmord, und ein paar Hinweise führen zu einer Bar im Rotlichtviertel, in dem osteuropäische Mädchen verschachert werden. Und als ein extrem scheußliches Sex-Video auftaucht, muss Brunetti weinen mitsamt Tochter Chiara und Frau Paola. Ja, er ist ein guter Mensch in einer schmutzigen Welt, der Commissario, er hat das Leiden und den so unspektakulären wie einigermaßen sinnlosen Kampf gegen das Böse nicht verlernt. Er ist keine Leuchte, sondern ein ganz normaler Beamter mit netter, makellos intakter Familie und einem ziemlich unerträglichen Beruf. Joachim Król spielt ihn mit leisem Charme, verhaltenen Gesten und zarter Resignation - eine Identifikationsfigur ohne überlebensgroßen Glanz. Und als die schöne Mörderin gefasst ist - "Wer so etwas tut, hat kein Recht zu leben", sagt sie - verhaftet er sie nicht, sondern bettelt, sie in Schutzhaft nehmen zu dürfen vor ihren skrupellosen Verfolgern. Er kann doch Frauen nichts antun, nicht einmal Mörderinnen! Donna Leon ist eine große Moralistin. Ihre Welt ist gut und böse. Zwischentöne fehlen. Aber Venedig ist schön: ohne Zweifel die feinste Theaterkulisse für feine deutsche Schauspieler.

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