Medien : Job zu gewinnen

Mit einer Arbeitslosen-Show, die am Sonntag startet, will Neun Live seriöser werden

Barbara Nolte

Ausgerechnet Neun Live hat Gabriele Heikamp ihre berufliche Zukunft in die Hand gegeben. Neun Live würde man Kompetenzen beim Ausdenken einfachster Quizfragen zusprechen („Wie viele Finger habe ich an meiner Hand? Bitte rufen Sie an, wenn Sie es wissen“). Möglicherweise auch beim Generieren falscher Besetztzeichen – der „Spiegel“ berichtete diese Woche von einem Ermittlungsverfahren. Vorwurf: Der Sender hätte Telefonate abgerechnet, bei denen die Anrufer gar nicht durchgekommen waren.

Aber Neun Live, als Vermittler von – seriösen – Arbeitsplätzen? Restlos überzeugt sieht Gabriele Heikamp auch nicht aus. Sie zuckt mit den Schultern: „Ich habe nichts zu verlieren. Sie bezahlen die Reisekosten.“ So geht sie als Kandidatin in die erste Sendung der Arbeitslosen-Show „Job- Chance“, die am Sonntag um 12 Uhr 30 bei Neun Live läuft. Bereits zur Presse-Präsentation ist sie nach Berlin gekommen. Im Hinterzimmer des Restaurants „Sale e Tabacchi“ sitzt die 46- jährige Grafikerin neben der Neun-Live- Chefin Christiane zu Salm, die zu ihr rüberwitzelt: „Lachen sie doch. Sie bekommen gleich einen neuen Job!“

Auch Christiane zu Salm ist extra für den Pressetermin nach Berlin geflogen – zusammen mit ihrem Programmchef, der Pressesprecherin, einem externen PR-Agenten und dem Justiziar. Die Arbeitslosen-Show scheint für Neun Live ziemlich wichtig zu sein. In den Presse-Reihen sitzt noch ein Prominenter: Michael Spreng, Berater von Stoiber im letzten Bundestagswahlkampf. Er berate jetzt Frau zu Salm, sagt er. Dazu gehöre auch, sich solche Veranstaltungen anzuschauen.

Im Gegensatz zu Stoiber muss Christiane zu Salm für Spreng ein leichter Fall sein. Zu Salm, die auch heute wieder sehr hübsch und sehr lebendig ist – vielleicht die beste Verkäuferin unter den deutschen Medienmanagern. Die Arbeitslosen-Show verkauft sie den Berliner Journalisten als idealistische Idee von Neun Live. „Wir sind ein innovativer Sender. Mensch, dachten wir uns, als wir mal zusammensaßen: Wir könnten doch Arbeitslose ins Studio einladen.“

Anfangs wollten sie zwei Arbeitslose mit einander um eine freie Stelle wettstreiten lassen. Nach dem Muster von „Deutschland sucht den Superstar“: Deutschland sucht einen Schlosser für den Handwerksbetrieb Meier. Die Zuschauer sollten per Telefon abstimmen, welcher Kandidat die Stelle bekommt. In Argentinien läuft so eine Sendung bereits enorm erfolgreich. Das Land hat ein Arbeitslosenproblem wie Deutschland, nur noch schlimmer. Liegt da die Abwandlung der klassischen Gewinn-Show nicht auf der Hand? Warum ein Auto verlosen, wenn es etwas viel Wertvolleres gibt: die Autos anderer waschen zu dürfen?

Aber die Deutschen sind offenbar empfindlicher. Als Neun-Live-Programm-Chef Marcus Wolter vor einem halben Jahr den Plan einer Arbeitslosen-Show bekannt gab, löste er damit eine ziemliche Empörung aus. Selbst die „Bild“-Zeitung schrieb von „Verhöhnung“ von Menschen. Neun Live hat sich von der Zuschauerabstimmung abbringen lassen. „Das Thema Arbeitslosigkeit ist viel zu ernst, um es mit Unterhaltungselementen zu mischen“, sagt Christiane zu Salm.

So ist „Job-Chance“ auch keine kurzweilige Kuppelshow, sondern eine ganz klassische Ratgebersendung geworden. Sie wird von einem sehr grauen, recht seriös wirkenden Moderator geleitet: Thomas Wilsch heißt er. Er hat mal die Talkshow „Nachmittalk“ moderiert, 1994. Das ist die letzte Jahreszahl seines beruflichen Lebenslaufes, die in der Pressemappe auftaucht, was die „Süddeutsche“ zur Bemerkung veranlasste, den ersten Arbeitslosen habe Neun Live schon vermittelt: Wilsch.

In jede Sendung werden zwei Studiogäste eingeladen: In der ersten außer Heikamp der Ex-Air-Berlin-Steward Sezgin Mentese. Arbeitgeber können sie vom Bildschirm weg engagieren. Und zwischendurch steuert das „Neun-Live-Job-Mobil“ eine Firma an, die eine Stelle zu vergeben hat. Der neue Arbeitsplatz wird vorgestellt – vom Chef bis zur Kaffeemaschine.

„Mit der Sendung kommen wir unserer gesellschaftlichen Verantwortung nach“, sagt Christiane zu Salm. Ein ungewohnter Satz, bisher ging es Neun Live vor allem um Rendite. Im Medienkrisenjahr 2002 hat der Sender seinen Umsatz mit seinen – man muss es so sagen – grottenschlechten Anruf-Sendungen auf 60,7 Millionen Euro gesteigert. Jetzt soll das Programm anspruchsvoller werden. Zwölf neue Sendungen sind geplant: Elf Quizsendungen, nur mit schwierigeren Fragen, sie heißen „Neun Live Pisa“ oder „Neun Live Klassenzimmer“. Und eben die „Job- Chance“.

Doch so engagiert Christiane zu Salm dafür wirbt, einige Zuhörer bleiben skeptisch. Die freundliche Gabriele Heikamp und der gepflegte Steward Mentese, sind sie nicht allzu telegen? Sitzen nicht zwanzig Arbeitslose, die beim Neun-Live-Casting ausgeschieden sind, gefrustet Zuhause – mit einer Absage mehr? „Wir casten gar nicht, wir nehmen jeden“, sagt der Programmchef der UFA, Bodo Freudl, der die Sendung für Neun Live produziert. „Wir haben auch bald eine Verkäuferin in der Sendung. Als wir sie zu ihrer Spezialisierung fragten, antwortete sie allen Ernstes: ,Hackfleisch’.“

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