Medien : Jörg Haider: Der Erreger

Armin Thurnher

Kein Zweifel, der Mann bringt Quote. Da saß er am Tag der Kapruner Katastrophe im Fernsehen und gab zwei Journalisten Auskunft über seine Vorhaben. Spekulationen über seine Rückkehr nach Wien, sagte er, trieben nur die Auflage der Blätter in die Höhe. Wie Recht er hat. Denn wieder einmal lachte er von den Titelseiten.

Man ist als Österreicher derlei gewohnt und wird dadurch höchstens daran erinnert, dass Haider nur der eine Teil eines Problems namens österreichische Öffentlichkeit ist. Österreich hat ein Problem mit Worten, die nimmt man hier nicht so wörtlich wie anderswo. Vor allem bei Haider nicht. Seine Grenzüberschreitungen werden hier zu Lande nicht für bare Münze genommen.

Aber genau das Milieu der Unklarheit, Verschwommenheit und Anspielung, das sich in Österreichs Gesellschaft und ihren Medien zeigt, bietet Haider ideale Voraussetzungen für sein mediales Wirken. Die Österreicher entsprechen hier ihrem Klischee, und das hat seine historischen Voraussetzungen. Anders als Deutschland kannte Österreich nach 1945 keine Reeducation, kein Milieu der Debatte. Und keine Festlegung von "Linien im Sand", die man als Demokrat nicht überschreitet.

Günstig für einen Politiker, der sich vor allem dann wohlfühlt, wenn die Erregung um ihn steigt, der deshalb auch im Augenblick der Gefahr die größten Reserven mobilisiert. Haider hält die Öffentlichkeit in einer Art permanentem Erregungszustand, denn seine Provokationen entfalten sich am besten in der Doppelreaktion aus Beschwichtigung und Hysterie, aus Abkühlung und Aufregung. Dadurch entsteht ein Klima, das ihn nach oben bringt und oben hält. Deswegen ist gerade die Erregung um ihn ein Zeichen, dass er nicht abzuschreiben ist; erst wenn er keinen mehr kümmert, ist der Fall Haider erledigt.

Zu großer Form lief Haider bisher auf, wenn er sich in die Enge getrieben sah. Nach innen pflegt er dann mit Rücktrittsdrohungen zu arbeiten, nach außen macht er mit Gegenbezichtigungen und Gegenangriffen Wirkung.

Wir haben die Akten mit, pflegte er im Parlament zu prahlen, wenn es um Fälle von Ausländerkriminalität ging. Dieses Faktum hat nun durch die Spitzel-Affäre eine Erklärung gefunden. Die Bekenntnisse des ehemaligen FPÖ-Polizisten Josef Kleindienst führten dazu, dass die Polizei in 60 Fällen ermittelt: auch gegen Haider selbst.

In solchen Situationen der unbefugten Weitergabe von Akten kennt Haider nur eine Art, zu reagieren: den Gegenangriff. Es gehe um die Hinterlassenschaft sozialistischer Innenminister, um "rote Brüder", die unter einem schwarzen Innenminister weiter ihr Unwesen trieben, und überhaupt sei die Affäre Ausgeburt "kranker Journalistengehirne". Dass gerade die Staatsanwaltschaft gegen Abgeordnete der FPÖ ermittelt, hat mit diesem Weltbild nichts zu tun; es geht nicht um Fakten, es geht um Erregung.

Dankbar spielen beinahe alle Medien beim Erregungsspiel mit, denn es steigert ihre Auflagen und hebt ihre Quoten. Zwar recherchieren viele von ihnen brav und berichten über die Verästelungen und Weiterungen der Spitzelaffäre, zugleich aber mystifizieren sie Haider wie gehabt. Einmal schreiben sie ihn ab, dann wieder stilisieren sie ihn zum Rächer, der den "Marsch auf Wien" plant, und zwar, wenn nicht gerade in ein- und derselben Ausgabe, dann doch in zweien hintereinander.

Haider hat neben seinen medialen Fähigkeiten als radikalpopulistischer Popstar auch noch die "Kronen Zeitung" auf seiner Seite, obgleich das einflussreiche Massenblatt von ihm seit der Regierungsbildung deutlich abgerückt ist: Zu nahe bei der Macht will die "Krone" Haider doch nicht haben, als "Hecht im Karpfenteich" ist er ihr lieber. Der öffentlich-rechtliche Staatssender ORF wurde von Haiders Fraktionsvorsitzenden Peter Westenthaler durch ständige Interventionen derart in Angst und Schrecken versetzt, dass Westenthaler mitten in Diskussionssendungen anruft, und nicht nur seine Stimme, sondern auch sein Bild eingeblendet wird. Und schließlich klagt die ehemalige Kanzlei des nunmehrigen Justizministers Dieter Böhmdorfer munter gegen Medien, auch wegen lächerlichster Anlässe. Klagen als Instrument der Schikane, aber alles nur, weil es angeblich der Wahrheitsfindung dient.

Die Spitzelaffäre, das "Wiener Watergate" der Freiheitlichen, bringt in dieser Partei wieder einmal das Beste moderner populistischer Politik zum Vorschein. Daraus kann man vor allem eines lernen: Nichts, was gesagt wird, ist für bare Münze zu nehmen. Auch das strebt der Verwirrmeister Haider, der selbsternannte Freund der klaren Worte, an. Wenn erst die Erregung die Hirne vernebelt und dann über allem Nebel liegt, liegt er auch über der FPÖ und über ihm. Unvergessen der Satz, mit dem er im Fernsehen bestritt, ein auf Tonband vorliegendes Interview je gegeben zu haben: "Dieses Interview gibt es überhaupt nicht, es ist eine reine Erfindung. Ich habe es nie autorisiert. Darauf lege ich Wert." Ein Schuft, wer Böses dabei denkt. Ein Meister, wer da überhaupt noch denken kann. Aber das Denken pflegt Haider seinen Anhängern ohnehin abzunehmen.

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