Medien : „John Kerry for President“

Fast fünfzig US-Zeitungen haben sich schon für den Demokraten ausgesprochen

Malte Lehming[Washington]

Bilanzen lesen sich anders. Sie sind ausgewogen, maßvoll im Ton, fair. Am vergangenen Sonntag gab die „New York Times“ ihre Wahlempfehlung ab. Sie fiel wenig überraschend aus. Die Überschrift lautete unmissverständlich: „John Kerry for President“. In Amerika haben Wahlempfehlungen, die so genannten „endorsements“, eine lange Tradition. Fast alle Zeitungen entscheiden sich in den Wochen vor der Wahl für einen der Kandidaten. Manchmal macht das Schlagzeilen.

Bei der „New York Times“ überraschte der Ton, nicht der Tipp. Kerry wurde für sein Wissen, sein klares Denken und seine starken moralischen Werte gepriesen. Mit George W. Bush hingegen, dem Präsidenten, wurde erbarmungslos abgerechnet. Dessen Politik sei „desaströs“, die Regierung habe er an die „radikale Rechte“ ausgeliefert, wie zu Richard Nixons Zeiten betreibe man „obsessive Geheimniskrämerei“, Bürgerrechte würden verachtet. „Das Weiße Haus hat uns immer nur die schlimmsten Seiten der amerikanischen Rechten gezeigt, niemals deren Vorzüge. Wir bekamen die radikalen Ziele, aber kein effizientes Management.“

Würden Zeitungen über den nächsten US-Präsidenten entscheiden, stünde das Ergebnis fest. Die Kerry-Kampagne sammelt alle positiven Leitartikel über ihren Kandidaten und listet sie auf ihrer Webseite auf. Der „Boston Globe“ ist dabei, der „Miami Herald“, die „St. Petersburg Times“ und der „Kansas City Star“. Der Branchendienst „Editor & Publisher“ führt eine Statistik: Demnach ist Kerry schon von 45 Zeitungen mit einer Gesamtauflage von 8,7 Millionen Exemplaren unterstützt worden, für Amtsinhaber Bush sprachen sich 30 Blätter mit einer Auflage von rund 3,3 Millionen aus. Die prominenteste Bush befürwortende Zeitung ist die „Chicago Tribune“. Doch selbst die Heimatzeitung des Texaners, der „Lone Star Iconoclast“, schwenkte diesmal zum Kandidaten der Demokraten um. Die Reaktion war allerdings heftig. Bitterböse Leserbriefe gingen ein, der Kioskverkauf ging um die Hälfte zurück.

Warum nehmen die meisten angelsächsischen Zeitungen ein solches Risiko auf sich? Amerikaner gehen, im Vergleich zu Deutschen, ungewöhnlich offen mit ihrer politischen Präferenz um. Jeder sagt, für wen er stimmt. Diese Offenheit wird als Tugend verstanden.

Unumstritten freilich sind die „endorsements“ auch dort nicht. Die größte Tageszeitung zum Beispiel, die „USA Today“, gibt keine Wahlempfehlung ab. „Unsere Leser erhalten genügend Informationen, um sich ihr Urteil zu bilden“, sagt deren verantwortlicher Redakteur für die Meinungsseite, Brian Gallagher. „Sie brauchen uns nicht, damit wir ihnen sagen, für wen sie stimmen sollen.“ Außerdem wolle die Zeitung nicht mit einer Partei assoziiert werden. Keine Anmaßung, keine Bevormundung des Lesers, kein unnötiges Risiko, kein Verzicht auf Neutralität: Das sind die Haupteinwände gegen die Tradition.

Hingegen kehrt die „Los Angeles Times“, nach 32-jähriger Abstinenz, in diesem Jahr erstmals wieder zur Tradition zurück. Bis 1972 hatte die Zeitung regelmäßig für Republikaner votiert, dann entwickelte sie sich politisch nach links und verzichtete auf Wahlempfehlungen. Nun hat sie einen neuen Meinungschef, Michael Kinsley, der auch in der Präsidentschaftsfrage wieder Position beziehen möchte. „Wir als Zeitung nehmen doch zu allen wichtigen Fragen Stellung. Warum sollen wir bei der wichtigsten Frage eine Ausnahme machen?“

Die präsidialen Wahlempfehlungen kommen unterschiedlich zustande. Bei kleineren Zeitungen hat meist der Verleger das letzte Wort. Bei großen Zeitungen wird manchmal tagelang gestritten, bis der Chefredakteur eingreift.

In Deutschland sind Wahlempfehlungen verpönt. Die „Welt“ hat mal mit dem Gedanken gespielt, bis der Springer-Verlag dies untersagte. Als viel beachtete Ausnahme von der Regel gab vor zwei Jahren die „Financial Times Deutschland“ eine Wahlempfehlung ab. Für einiges Aufsehen sorgte im Juni 1990 auch der damalige Chefredakteur der „Zeit“, Theo Sommer. Er schrieb den Aufmacher auf der ersten Seite über den SPD-Kanzlerandidaten Oskar Lafontaine mit der Überschrift „Der falsche Mann zur falschen Zeit“. Wirtschaftlich geschadet hat der liberalen Wochenzeitung ihr Mut damals nicht.

Allerdings ist fraglich, ob „endorsements“ wirklich etwas bewirken. In den USA weiß nur jeder vierte Leser, welchen Kandidaten seine Zeitung empfohlen hat. Die Hauptinformationsquelle ist das Fernsehen. Wenn Vulgärredner Howard Stern oder Jon Stewart von der Satiresendung „The Daily Show“ über Bush herziehen, beeinflusst die Wähler das womöglich mehr als alle Wahlempfehlungen. Andererseits wurde auch Ronald Reagan einst von fast allen US-Zeitungen und Fernsehanstalten nur mitleidig belächelt oder alarmistisch beargwöhnt. Präsident wurde und blieb er trotzdem.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben