Jon Hamm : "Mein uralter Traum war: Go West!"

Für "GQ" ist er "Mann des Jahres 2010", und laut "SZ" spielt er die Hauptrolle "in der besten Serie des amerikanischen Fernsehens". Wie kam das denn, Jon Hamm?

von und Interview: Ulf Lippitz
Jon Hamm
Jon HammFoto: AFP

Mr. Hamm, in Los Angeles ist es jetzt drei Uhr nachts, hier in Köln Mittag. Sie sind erst gestern angekommen. Wie müde sind Sie?

Mir geht es gut. Ich habe gestern Abend ein paar Bier getrunken. Das hat geholfen.

Ein paar Bier? Gegen Müdigkeit?
Bei drei Kölsch habe ich aufgehört zu zählen. Aber ich muss auch sagen: In diesen Gläsern ist fast nichts drin.

Langsam werden Sie ein echter Experte für Deutschland: Franz Beckenbauer war in dem wahrscheinlich wichtigsten Augenblick Ihrer Karriere zufällig anwesend.
Als sei die Situation noch nicht aufregend genug gewesen! Ich habe Beckenbauer sofort erkannt, als er in diesem Aufzug neben mir stand. Als Kind war ich nämlich Fußballfan. Sie müssen wissen, in den 70er Jahren gab es in den Staaten nicht gerade viele Möglichkeiten, Fußball zu schauen. Nur die Sendung „Soccer made in Germany“ brachte Spiele der Bundesliga. Ich stand also im Aufzug von der Terrasse des Gansevoort Hotels in New York Richtung Lobby und hatte eben erfahren, dass ich die Hauptrolle in „Mad Men“ bekomme.

Wissen Sie, was letztendlich den Ausschlag gegeben hat, Sie zu nehmen?
Nein. Ich hatte sieben Castings für die Rolle absolviert und an unzähligen Meetings und Diskussionen teilgenommen. Die Gemengelage war insgesamt unübersichtlich. Niemand schien eine Ahnung zu haben, wer die Entscheidung fällt. Und ich fragte mich, wann sie nun offiziell verkünden würden, dass ich den Job nicht bekomme. Die letzte Auswahlrunde fand oben auf der Dachterrasse statt, an der Bar. Ich dachte, okay, jetzt werden sie mich fallen lassen, womöglich im wörtlichen Sinn!

Sieben Castings – das sind ungewöhnlich viele. Warum war das so?
Normalerweise hat man nicht mehr als vier. Das Problem bei AMC war, dass der Sender zum ersten Mal eine Drama-Fernsehserie produzieren wollte. Sie hatten keine richtige Infrastruktur dafür wie NBC, HBO, Fox oder die anderen etablierten Sender. Bei mir war es so: Ich sprach vor, dann stellten sie fest, dass unbedingt jemand hinzugezogen werden müsste oder dass Jerry Soundso fehlte, und sollte nicht auch Mary-Ann Weißnichtmehr einmal sehen, was ich kann? Niemand hatte eine Ahnung, ob er oder sie überhaupt befugt war, eine Entscheidung zu treffen.

Wollen Sie damit sagen, AMC war inkompetent?
Ich würde das natürlich nicht mit Inkompetenz erklären, sondern mit Unsicherheit.

Die Serie „Mad Men“ ist inspiriert von den Erinnerungen Jerry Della Feminas, eines der erfolgreichsten amerikanischen Werber der 60er Jahre. Haben Sie ihn persönlich getroffen?
Nein. Sehen Sie, als wir 2006 die Pilotfolge drehten, konnte niemand ahnen, wie viel Erfolg wir haben würden. Erst nach der Ausstrahlung der ersten Staffel in den USA begann eine öffentliche Diskussion. George Lois, der stilbildende Werbegrafiker der 60er, und Jerry Della Femina stritten über die Authentizität der Serie, bis sich zwei Lager bildeten: Jerry auf der einen Seite, der die Serie lobte und sagte, es wäre genau so gewesen. Und George Lois auf der anderen, der behauptete, das sei alles Quatsch und komme der Wahrheit überhaupt nicht nahe.

Was hat George Lois denn kritisiert?
Er vertritt die Ansicht, dass die Angestellten damals nicht so viel rauchten und tranken, wie wir das zeigen. Oder niemand den Sekretärinnen nachstellte. Ich glaube, er begreift das Wesentliche nicht: Niemand behauptet, dass alle so waren. Aber diese Werbemenschen lebten so.

Ist das Geheimnis des Erfolges von „Mad Men“, dass die Zuschauer bewundern, wie die Figuren im Büro das tun, was heute sofort den Feueralarm auslösen oder die Frauenbeauftragte auf den Plan rufen würde?
Ich glaube ganz bestimmt, dass es eine Art Stellvertreter-Nervenkitzel gibt. Damals benahm man sich daneben – sei es, weil man trank, rauchte oder mit der Sekretärin schlief. Das existiert nicht mehr.

Ein Beispiel: der Martini-Cocktail-Trinkwettbewerb in der Mittagspause. Don Draper und sein Vorgesetzter Roger Sterling schütten sich zu, bis Sterling sich in einen Mülleimer übergibt. Was sagt das über die Männer dieser Zeit?
Also, das passierte ja aus einem bestimmten Grund: weil Sterling mit Betty, der Frau von Don Draper, geflirtet hatte. Das Trinkgelage hat den Konflikt beigelegt. Aber klar, Trinken und Rauchen galt als konventionell. Heutzutage hat das Trinken einen ganz anderen Stellenwert, jedenfalls unter halbwegs gebildeten Erwachsenen. Wenn jemand seinen Alkoholkonsum nicht im Griff hat, schaut man ihn schief an. Betrunkene Menschen in der Öffentlichkeit nimmt man als traurige Gestalten wahr. In den frühen 60er Jahren hat man das anders gesehen.

Warum hat der Kontrollverlust heute seinen Glamour verloren?
Ganz einfach: Man ist nicht mehr anonym, wenn man es richtig krachen lässt. An der nächsten Ecke wartet immer jemand mit einer Handykamera, der alles aufnimmt – und das ist dann am Ende sehr viel weniger liebenswert. Man kann nicht mehr sagen: „Hey, war das nicht lustig gestern Abend?“ Es wird immer jemanden geben, der erwidert: „Guck mal hier, ich hab den Beweis. Du hast dich auf meinem Teppich übergeben und meinen Vater geschlagen.“ Alles wird aufgenommen und gepostet – es gibt dadurch kaum noch Privatsphäre. Das macht natürlich Indiskretionen und Fehltritte weniger sexy.

Jerry Della Femina sagt, ein anderer Grund für den Erfolg von „Mad Men“ sei die Sehnsucht nach einer weniger regulierten Welt.
Ganz bestimmt. Ich finde, wenn man alles gegen jeden verwenden kann, gehen Zwischentöne leider verloren. Schauen Sie sich mal eine Twitter-Nachricht an. Sie entbehrt meist jeder Ironie, die eine Unterhaltung von Angesicht zu Angesicht oder einen Brief im Idealfall charmant macht.

Sie schreiben ernsthaft Ihre Briefe von Hand?
Doch, doch. Der letzte Brief ist gar nicht lange her, es war, glaube ich, ein Dankesbrief. Ich gebe zu: Meine Handschrift ist allerdings fürchterlich. Trotzdem glaube ich, dass solche altmodischen Kommunikationsformen wichtig sind. In der „Mad Men“-Ära passierten Sachen viel langsamer, man musste sich gemeinsam an einen Tisch setzen. Damit hat man eine Art persönliche Verbindung geschaffen, die gegenwärtig über Facebook ausstirbt.

Hätte Don Draper heute einen Facebook-Account?
Wenn Don etwas kann, dann sich mit neuen Situationen arrangieren. Aber er wäre schon recht alt heute, oder? Der Drang von Draper, sich neu zu erfinden, wäre aber grundsätzlich auch im 21. Jahrhundert sehr lebendig. Sehen Sie sich nur die Castingshows und Reality-Fernsehformate an. Da beobachten wir doch Menschen die ganze Zeit, wie sie versuchen, eine neue Persönlichkeit aus sich zu machen, ja, sogar eine Marke. Sie finden ihre Erlösung, wenn sie in „Big Brother“ oder „Dancing with the Stars“ auftauchen.

Don Draper betrügt seine Frau am laufenden Band, die weibliche Konkurrenz im Büro hält er mit fiesen Tricks klein. Tun Ihnen die weiblichen Figuren aus „Mad Men“ manchmal leid?
Natürlich. Es ist sehr schwierig für die Damen in unserer Serie. Oft werden sie unwürdigen Situationen ausgesetzt. Selbst eine Figur wie Peggy …

… eine Sekretärin, die sich mühsam zur Werbetexterin hocharbeitet …
… wird ständig daran erinnert, dass ihr Platz in der Hierarchie ganz unten ist. Das ist einer der Punkte, mit denen ich persönlich die meisten Schwierigkeiten habe. Ich bin schließlich in den 70er Jahren nur von meiner Mutter groß gezogen worden, nachdem mein Vater die Familie verlassen hatte, als ich zwei war. Und beinahe jeder, mit dem ich geschäftlich zu tun habe, ist eine Frau.

Aber in den Entscheiderpositionen sitzen immer noch Männer. Kathryn Bigelow war dieses Jahr tatsächlich die erste Frau, die als Regisseurin für „Tödliches Kommando“ den Oscar gewonnen hat.
Sie haben recht. Es gibt diese männlich geprägte Hierarchie, sie ist nur nicht so sichtbar wie in den frühen 60er Jahren. Ich denke, das ist einer Gründe, warum die Serie so viele Menschen anspricht. Die Probleme, die sie thematisiert – Sexismus, Rassismus, Homophobie – sind ja nicht völlig verschwunden. Und damit können sich die Zuschauer identifizieren. Sie fragen sich am Ende: Haben wir uns 50 Jahre später wirklich so verändert? Oder sind wir im Prinzip immer noch die Gleichen?

Als Sie 1995 von Ihrer Heimatstadt St. Louis nach Los Angeles fuhren, was ging in Ihrem Kopf vor?
Ich dachte natürlich, ich schaffe meinen Durchbruch in Kalifornien. Das war das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, gerade für einen jungen Mann aus dem Mittleren Westen. In Missouri hat man nur die Chance, dasselbe zu tun wie sein Vater.

Sie hätten die Lkw-Werkstatt Ihres Vaters übernehmen können.
Nein, das war nie eine Option für mich. Wenn man Schauspieler werden will, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Man geht entweder nach New York oder nach Los Angeles. Für mich kam nur der uralte Traum Amerikas in Frage: Go West, Mann.

Von St. Louis nach L. A. – ein Höllenritt.
Das hängt davon ab, wie schnell Ihr Auto ist. Meines war nicht so schnell. Ich fuhr einen Toyota Corolla von 1976 und war außerdem pleite. Also musste ich bei Freunden übernachten. Die erste Nacht schlief ich in Denver. Am zweiten Tag fuhr ich über die Rocky Mountains und sollte bei einem Freund in Nevada übernachten. Wir reden hier übrigens von der Zeit, als Mobiltelefone kein Thema waren. Und er hatte mir einfach vergessen Bescheid zu geben, dass er wieder zurück nach Hause gezogen war, nach Texas. Als ich ihn von einer Telefonzelle anrief, erhielt ich die Ansage, dass seine Leitung abgestellt war. Und so musste ich im Auto übernachten.

In Nevada kann es nachts recht kalt werden.
Ich legte mich in meinen großen Parka, zog die Kapuze über den Kopf und versuchte zu schlafen. Es war verdammt ungemütlich. Von dort fuhr ich nach San Francisco und blieb ein paar Tage bei Freunden. Und schließlich ging es nach L. A. Alles zusammen dauerte eine Woche. Aber als ich zurückfuhr – ich hatte ein Engagement in St. Louis am Theater –, bin ich die ganze Strecke über die Route 66 in einem Rutsch durchgefahren. Das waren 31 Stunden.

Waren Sie lebensmüde?
Ich wollte einfach wissen, ob ich es schaffen könnte.

Mit dieser Einstellung sind Sie auch nach Hollywood. Hatten Sie ein Vorbild, dem Sie nacheifern wollten?
Niemand hat den Traum von Hollywood, ohne fest daran zu glauben, dass er eines Tages mal Erfolg hat. Ich hatte kein konkretes Vorbild, wie ich sein wollte, aber jemand wie Jeff Bridges hat mich damals sehr beeindruckt.

Bridges spielte in „Die fabelhaften Baker Boys“ und „König der Fischer“ …
… er hatte eine interessante Karriere, tauchte in Blockbustern und schwierigen Filmen auf. Aber daran dachte ich am Anfang nicht. Eigentlich wollte ich nur einen Job, so schnell wie möglich.

Sie haben beinahe zehn Jahre ohne eine größere Rolle gelebt. Wie sind Sie mit den ständigen Absagen umgegangen?
Ich hatte ja Freunde, die Ähnliches erlebten.

Und was passiert, wenn einem aus dem Freundeskreis der Durchbruch gelingt, wie jetzt Ihnen?
Das ist schwierig. Film ist ein unberechenbares Geschäft. Es gibt keinen triftigen Grund, warum einer das schafft und ein anderer nicht. Am Ende des Tages muss man erkennen, dass man als Schauspieler einfach nicht die Kontrolle darüber hat, ob man genommen wird oder nicht.

Was war Ihr Lieblingsjahrzehnt im Fernsehen?

Ich würde mich für die 70er Jahre entscheiden.

Wir hätten vermutet, die 80er mit „Denver Clan“, „Dallas“ und „Ein Colt für eine Fälle“ …
Die Serien in den 70er Jahren waren aber besser, da gab es „Good Times“ oder „All In The Family“ von Norman Lear. „Mash“, das war klug und witzig. Und auf der anderen Seite waren da „Drei Engel für Charlie“, ach, all diese durchgeknallten, albernen, lustigen Serien.

Hat das Fernsehen das Kino als innovatives Medium abgelöst, in dem man Geschichten erzählt?
Das kann man so sehen. Dem würde ich mit großer Vorsicht zustimmen. Es gibt nach wie vor tolle Filmemacher, aber es ist schwieriger geworden, grünes Licht von den großen Filmstudios zu erhalten, weil das Projekt immer für das größtmögliche Publikum gedacht sein soll. Filme sind eben teuer.

Fernsehserien doch auch.
Das stimmt, aber es gibt viel mehr Möglichkeiten, Geld einzutreiben. Das Programm ist heutzutage stark fragmentiert, das heißt, auf eine bestimmte Gruppe zugeschnitten. Wenn Sie eine Modesendung sehen wollen, gehen Sie auf Fashion TV. Und dort können auch die Werber ihre Zielgruppe direkt erreichen. Die Investition in eine Fernsehserie rentiert sich schneller, wenn die Serie ein wenig provokant, leicht aggressiv ist – wie „Mad Men“.

Mr. Hamm, wie würden Sie denn lieber „Mad Men“ sehen: an einem Wochenende staffelweise auf DVD oder Folge für Folge im Fernsehen?
Ich schaue mir solche Serien immer am Computer an. Oder auf diesem Smartphone hier. Gerade bin ich bei den ersten beiden Staffeln von „Damages“, einer großartigen Serie mit Glenn Close.

Oh, ganz schön kleines Bild!
Wir sehen Fernsehen nicht mehr so wie früher. Kein Mensch sitzt mehr um halb zehn am Freitagabend auf dem Sofa und wartet, bis endlich seine Lieblingssendung beginnt. Fernsehen ist individueller geworden. Ich habe gestern fünf Stunden Fernsehen auf meinem Telefon geschaut, im Flugzeug. Und das Tolle daran: Es gab keine Werbeunterbrechungen.

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