Medien : „Joschka Fischer ist wie ein Big Mac“

Illustre Experten diskutieren auf Kongress über „Politik als Marke“

Christian Hönicke

Guido Westerwelles Schuhe stehen inzwischen im Deutschen Schuhmuseum in Hauenstein. Genau, die mit der „18“ auf der Sohle. Sein Auftritt bei „Sabine Christiansen“ mit eben jenen Tretern gilt inzwischen als Synonym für die Selbstinszenierung der Politik – wie das komplette „Projekt 18“ der FDP, wie eigentlich der ganze Bundestagswahlkampf 2002 mit Rededuell und Flutwasserschöpfen.

Ist Politik ohne diese Darstellung überhaupt noch möglich? Studierende der Freien Universität Berlin wollten das am Montag auf dem Kongress „Politik als Marke“ klären. Für das Projekt hatten sie eine beeindruckende Liste an Referenten und Gästen zusammengestellt, die von der TV-Moderatorin Sandra Maischberger bis Berlins früherem Bürgermeister Eberhard Diepgen reichte.

Aufschlussreiche Einblicke in die Politikwelt durfte man sich vor allem von den Kommunikationsberatern der vier großen Parteien erhoffen. Leider verfingen sie sich meist selbst in der von ihnen kritisierten „Expertensprache“ und bewarfen sich mit Worthülsen wie „Der Schlüssel für Politiker ist Kompetenz“. Matthias Machnig, der Mann hinter der SPD-„Kampa“, konstatierte immerhin, der Einfluss der Kommunikationsberater werde überschätzt: „Die Topspieler sind resistent gegen Beratung.“ Mit Kanzler Schröder habe er sich kein einziges Mal ausführlich über seine Politik unterhalten. Edmund Stoibers Wahlkampfberater Michael Spreng erzählte, dass viele Politiker „Umfragen-Junkies“ seien. Die Interaktion mit den Medien werde immer gnadenloser, beklagte auch FDP-Berater Fritz Goergen: „Wann soll ein Politiker eigentlich noch nachdenken?“ Fortan versuchte er, sein „Projekt 18“ zu verteidigen, das als Paradebeispiel für eine verheerende Inszenierung ohne Inhalte angeführt wurde. Man erreichte folgenden Konsens: „Politik braucht Substanz“ und „Politiker müssen authentisch sein“.

Auch von den Expertenvorträgen ging wenig Überraschendes aus. Der Medienwissenschaftler Günter Bentele warnte vor dem zunehmenden Einfluss der Medien auf die Politik und umgekehrt, Agenturchef Rupert Ahrens davor, dass Politiker „durch falsch verstandene Professionalisierung der Kommunikation ihr Vertrauenskapital aufzehren“.

Justizministerin Brigitte Zypries hielt ihnen entgegen, Politik brauche Selbstinszenierung, um Botschaften unters Volk zu bringen. „Aus diesem Grund werden auch Streits inszeniert, denn Harmonie schafft keine Aufmerksamkeit.“ Auf Dauer könne sich ein solcher Stil aber nicht durchsetzen. Man war sich darin einig, dass Politik Substanz und Politiker Authentizität benötigen – man aber den Diskurs wieder attraktiver machen müsse.

Wie das geht, zeigte die abschließende Podiumsdiskussion. Nach der unterhaltsamen Veranstaltung war klar, dass Hans-Christian Ströbele (Grüne) eine Krawatte besitzt, aus Imagegründen aber rote Schals bevorzugt, Joschka Fischer a) „wie Madonna ist, weil er sich alle drei Jahre neu erfindet“ (Tagesspiegel-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo) bzw. b) der „Big Mac der Politik“, der einfach allen schmeckt (Diepgens einstiger PR-Berater Axel Wallrabenstein) und laut der FDP-Europakandidatin Silvana Koch-Mehrin Weiblichkeit und Kompetenz keine Gegensätze sind. Moderator und Ex-Chefredakteur der „Max“, Hajo Schumacher: „Frau Koch-Mehrin, Sie können ja schließlich nichts dafür, dass Sie blond sind!“ Koch-Mehrin: „Doch.“

Am Ende der Diskussion wurden Inhalt und Substanz als Grundvoraussetzung für Politik und Authentizität als Kerneigenschaft eines guten Politikers ausgemacht. Was bleibt also von „Politik als Marke“? Der Erkenntnisgewinn, dass Politik eine Marke ist oder auch nicht, je nachdem. Und die Einsicht, dass Inszenierung allein manchmal nicht reicht. Stichwort Substanz.

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