Medien : Joschkas Literaturkanon

Uwe Timm und Karl May: Minister Fischer stellt bei „Lesen!“ seine Lieblingsbücher vor

Thomas Gehringer

Lesen kann einen weit bringen. Joschka Fischer zum Beispiel ist darüber Außenminister geworden, zumindest haben ihm all die Bücher, die der laut ZDF „passionierte Vielleser“ verschlungen haben soll, nicht geschadet. Zur Belohnung wurde er nun bei der beliebtesten Literatur-Vorkosterin der Republik vorgelassen. Also gibt es bei der vierten Ausgabe von „Lesen!“ ein wahres Gipfeltreffen, das dem Start der Frankfurter Buchmesse angemessen ist. Die Sendung wurde bereits vor einer Woche wie immer in der Kölner Kinderoper aufgezeichnet.

Sie kenne nur eine Hand voll Politiker, die Bücher lese, sagt Heidenreich im Gespräch nach der Sendung. Heiner Geißler falle ihr ein, Egon Bahr und natürlich Christina Weiss, die Kulturstaatsministerin. Noch prominenter ist allerdings Fischer, der schon länger auf ihrer Gäste-Wunschliste stand. Persönlich habe sie ihn erst einmal vor Jahren bei einer Talkshow getroffen. „Da sind wir heftig aneinander geraten.“ Im nächsten Satz bemerkt Frau Heidenreich dann, sie bewundere, verehre, liebe Fischer. Liebe und Streit, das ist bei der Moderatorin kein Widerspruch.

Etwas spröde beginnt das Gespräch, Fischer ist noch ganz der Außenminister, der einige Minuten zuvor samt Polizei-Eskorte vor der Kölner Oper vorgefahren war. Er nutzt das erste Buch, das er vorstellt, Uwe Timms „Am Beispiel meines Bruders“, sogar dafür, seine Ablehnung des geplanten Zentrums gegen Vertreibung anzusprechen; Timm erzählt in dem Buch die Kriegsgeschichte seiner eigenen Familie.

Beeindruckt hat Fischer noch ein zweites Buch: „Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón. Das wiederum beeindruckt Elke Heidenreich; denn der Minister hat einen „dicken Schinken“ gelesen, wie man nicht nur in Kreisen ehemaliger Metzgersgattinnen sagt. Darauf ist Elke Heidenreich übrigens ausgesprochen stolz: „Ich kriege die Else-Stratmann-Fans und die ,Brigitte’-Leser.“ Das Feuilleton dagegen schreibe an den Lesern vorbei. „Schauen Sie sich die Bestsellerlisten an. Wir haben nach drei Sendungen mehr als eine Million Bücher verkauft“, erklärt Heidenreich, als ob sie selbst hinter der Verkaufstheke stehen würde.

Das ist es, was für sie wirklich zählt: dass ihre Zuschauer schnurstracks in die Buchläden rennen und die empfohlenen Titel kaufen. „Missionarisch“ sei sie, sagt Heidenreich. Und es funktioniert. Fast alle in „Lesen!“ gepriesenen Bücher sind aus dem Stand heraus in die Bestsellerlisten gelangt. Die Einschaltquote interessiere sie dagegen nicht, sagt Heidenreich. Die phänomenalen 2,45 Millionen Zuschauer der Premierensendung mit Harald Schmidt sind schon arg geschrumpft. Die dritte und bisher letzte „Lesen!“-Ausgabe mit Margarethe von Trotta als Gast schalteten 1,37 Millionen ein – für eine Literatursendung immer noch ein erstaunlicher Erfolg.

Aber dank Fischer geht es womöglich wieder aufwärts. Auch das Gespräch über Zafóns „Schatten des Windes“ wird lebendiger. Heidenreich zitiert genüsslich aus dem Roman: „Frauen achten mehr aufs Herz und weniger auf Dummheiten. Darum leben sie auch länger.“ Der jüngst zum vierten Mal geschiedene Fischer pariert solche Spitzen durch Nichtbeachtung. Dafür bereichert er seine Biografie mit einer Enthüllung: Noch vor den 65 Karl-May-Bänden sei „Wichtelhausen“ das erste Buch gewesen, das ihn beeindruckt habe. Er erzählt von diesem Kinderbuch, das von einer armen Mäusefamilie handelt, und das wohlmeinende Publikum amüsiert sich, weil dieser Spitzenpolitiker seine „Wichtelhausen“-Phase nicht vergessen hat. Und mancher denkt vielleicht ketzerisch, Berlin und Wichtelhausen liegen womöglich nicht so weit voneinander entfernt. Elke Heidenreich scheint dazuzugehören. „Er muss heim ins Wichtelreich“, sagt sie, leider erst, als die Kameras abgeschaltet sind. Als die Kameras noch liefen, hat sie ihrem Gast mit auf den Weg gegeben: „Ich bitte Sie, über das Regieren das Lesen nicht zu vergessen.“ Umgekehrt ergibt es allerdings auch einen Sinn.

„Lesen!“: ZDF, 22 Uhr 15

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