Journalismus : Der etwas andere Elchtest

„Anchorage Daily News“: Auch die einzige Zeitung für Alaska muss um Auflage und Anzeigen kämpfen. In den ganzen USA stehen die ZEitungen unter einem enormen Druck.

Christian Meier,Christian Rüttger[Anchorage]

An schönen Motiven für die Titelseite seiner Zeitung mangelt es Pat Dougherty wahrlich nicht. Der 55-Jährige ist Chefredakteur der „Anchorage Daily News“, der mit Abstand größten Zeitung Alaskas. Panoramafotos von Gletschern in der Abendsonne und Bären, die durch nebelverhangene Wiesen streifen, gibt es hier in Hülle und Fülle. Im Internet lockt das Blatt mit einer Elchfoto-Galerie. Leser sind aufgefordert, Fotos ihrer Sonnenuntergänge einzuschicken – die besten werden jeden Tag online veröffentlicht und in der Zeitung abgedruckt. Das klingt provinziell, aber Dougherty sagt selbstbewusst: „Für Alaska sind wir wie die ,New York Times‘ und das ,Wall Street Journal‘ zusammen.“

Stolze Worte, doch in der Tat ist die vor 60 Jahren erstmals erschienene „ADN“ heute die einzige Tageszeitung, die es in ganz Alaska zu kaufen gibt. Der Konkurrent „Anchorage Times“ gab nach einem erbitterten Wettstreit um die Lesergunst 1992 auf, obwohl die konservativ ausgerichtete Zeitung jahrelang Marktführer im Staat war. 1979 holte die damalige „Daily News“-Verlegerin Kay Fanning das kalifornische Zeitungshaus McClatchy mit ins Boot. Eine allein wegen der immensen Entfernung zwischen den Bundesstaaten ungewöhnliche Partnerschaft, doch McClatchy witterte die Chance, eine nationale Zeitungskette aufzubauen. Die Kalifornier übernahmen die Mehrheit an der „Daily News“, investierten kräftig in das Blatt, stockten Personal auf und zogen schließlich an der „Times“ vorbei.

Dass ein de facto konkurrenzloses Dasein nicht automatisch den Himmel auf Erden bedeutet, weiß auch Dougherty. Wie die meisten US-Zeitungen verliert die „Daily News“ seit einigen Jahren Auflage. Werktäglich verkauft sie durchschnittlich 64 000 Exemplare, die Sonntagsausgabe kommt auf 74 000. Für die Redaktion arbeiten knapp 90 Journalisten, insgesamt zählt die „ADN“ 380 Mitarbeiter. Zudem sind die Anzeigenumsätze rückläufig, vor allem wegen des schrumpfenden Geschäfts mit Kleinanzeigen, das ins Internet abgewandert ist. Sparen heißt darum die Devise, und das bedeutet im Klartext: Personalabbau und radikale Einschnitte beim einst üppigen Reisebudget der Journalisten. Die Zeiten, in denen die „Daily News“-Reporter auf teils abenteuerliche Weise kreuz und quer durch den größten US-Bundesstaat reisten und ihre Geschichten im „Busch“ recherchierten, sind vorbei. Heute wird in der Regel vom Schreibtisch in Anchorage aus gearbeitet. Nicht der Geländewagen oder das Wasserflugzeug, sondern Telefon und Internet sind jetzt die wichtigsten Werkzeuge der Reporter.

Der „Daily News“-Mannschaft mag das nicht gefallen. „Die hohe Personal-Fluktuation spricht ja wohl Bände“, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Aber die Vorgaben aus Kalifornien sind eindeutig. „Wir müssen die Kosten aus unserer Firma rausnehmen und effizienter werden“, sagte der bei McClatchy für das Nachrichtengeschäft zuständige Vizepräsident Howard Weaver bei einem Redaktionsbesuch in Anchorage. Der 150 Jahre alte Traditionskonzern besitzt aktuell 31 Tageszeitungen in 15 Bundesstaaten, darunter die „Sacramento Bee“, den „Miami Herald“ und den „Kansas City Star“. Die „ADN“ in Alaska war erst die vierte Zeitung, die der Verlag kaufte.

Das Geschäft mit Tageszeitungen steht in den USA seit einiger Zeit enorm unter Druck – die Renditen müssen stimmen, sonst kann es passieren, dass Verlage, von denen viele wie McClatchy börsennotiert sind, auf Druck ihrer Anteilseigner nach Käufern für ihre Blätter suchen müssen. Rund 30 Prozent Profit als angestrebtes Ziel sind nicht ungewöhnlich – vergleichbare deutsche Zeitungen erwirtschaften in der Regel weniger als die Hälfte. Allein wegen der schieren Größe Alaskas muss die „ADN“ mit besonderen Herausforderungen fertig werden. Der Staat hat eine Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern und ist damit fünf Mal so groß wie Deutschland. Gerade einmal knapp 700 000 Menschen leben hier, immerhin etwa die Hälfte davon im Großraum Anchorage. Aber die „ADN“ hat den Anspruch, den ganzen Staat zu bedienen, von Prudhoe Bay im Norden bis zu den Aleuten im Südwesten. Die Vertriebskosten sind hoch.

Wie viele Zeitungschefs hat Dougherty eine griffige Formulierung auf komplexe Probleme parat: „Smaller and better.“ Kleiner und besser. Man brauche weniger Geschichten, und die besser erzählt. Die Leser hätten heute schließlich nicht mehr die Zeit, sich lange mit einer Zeitung aufzuhalten. Die Lokalberichterstattung hat für ihn eindeutig Priorität, denn hier sieht er den Schlüssel zum Erfolg. Seit Anfang dieses Jahres zieht die „Daily News“ diese Linie kompromisslos durch. Nationale und internationale Nachrichten werden auf der Titelseite nur in einem kleinen Block am unteren Ende angerissen. „Das kriegen die Leute auch anders mit“, heißt es. Wenn in Anchorage ein beliebtes Restaurant schließt, ist das wichtiger als die neueste Entwicklung im Konflikt mit dem Iran oder die kürzlich in Deutschland vereitelten Terror-Anschläge. Kaum überraschend, dass die „Daily News“ einen großen Teil ihres Inhalts mit Agenturmeldungen und Geschichten aus dem McClatchy-Reich zwischen Texas und Pennsylvania bestreitet.

Zwei Pulitzerpreise gehen auf das Konto der „ADN“, doch das ist lange her: Für eine Reportage über den Bau der Trans-Alaska-Pipeline gab es die begehrte Trophäe 1976, dann 1989 für eine Serie über die Ureinwohner Alaskas. Dougherty kam 1975 aus der Hauptstadt Washington nach Anchorage. „Ich wollte hier höchstens ein Jahr bleiben und dann einen richtigen Job an Land ziehen. Doch wie so viele, die es nach Alaska verschlug, blieb der passionierte Angler hängen. Vor allem wegen der „tollen Geschichten“, zum Beispiel die Auswirkungen des Klimawandels oder die Verflechtungen von Politik und Ölindustrie. All das garantiert Alaska nationale und internationale Aufmerksamkeit. Doch schon heute, gibt Chefredakteur Dougherty zu, reicht sein Personal oft nicht aus, um alle Themen abzudecken.

Das Ressort „Life“ kann ein Lied davon singen. Storys rund um Prominente, Mode oder Technik werden künftig nahezu komplett von anderen McClatchy-Blättern oder Agenturen übernommen. Selber schreiben ist out. „Wir wollen unsere ganze Zeit und Energie in die lokale und Alaska-Berichterstattung stecken“, sagt Doughertys Stellvertreterin Julie Wright. „Seien wir ehrlich: Eine Fernsehsendung ist die gleiche, ob man sie nun in Anchorage oder in Atlanta anschaut. Burger-Rezepte funktionieren, egal, ob man sie hier oder in Tuscon macht.“

Und dann ist da natürlich auch noch das Internet. Ob Anchorage oder Wanne-Eickel – die Probleme und Lösungsansätze der Zeitungskonzerne weltweit liegen nah beieinander. Auch die „Daily News“ setzt auf das Internet. „Die Zeitungen, die überleben, sind diejenigen, die sich anpassen“, sagt McClatchy-Vize Weaver. „Wir werden eine hybride Firma.“ Die Reporter sind gehalten, nicht nur Text, sondern auch Audio-, Video- und Fotodokumente beizusteuern – und zwar möglichst in Echtzeit. Dank des Internets könne eine Zeitung heute zum Konkurrenten für TV und Radio werden, sagt Weaver. Freilich geht es weiterhin darum, Informationen zu prüfen, aufzubereiten und einzuordnen.

Ob die Kombination aus verstärkter Lokalberichterstattung, übernommenen Nachrichten und Internet-Journalismus letztendlich funktionieren und die erhofften Margen bringen wird, ist aber mehr als ungewiss. „Im Moment befinden wir uns in der großen Phase des Umbruchs. Bei vielen Sachen schießen wir zuerst und zielen dann. Wir wissen nicht, ob es klappen wird“, sagt Weaver. Aber die aktuelle Journalisten-Generation habe es in der Hand, die Zukunft ihrer Zunft zu bestimmen. „Das ist eine tolle Zeit. Aber eine harte Zeit.“

Man muss im Zeitungsgeschäft übrigens nicht jeden Tag das Rad neu erfinden. Das erfolgreichste Nebengeschäft der „Daily News“ in den vergangenen Jahren war ein Kalender mit Elchmotiven.

www.adn.com

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