Journalismus-Diskussion : Entschleunigt euch!

Die Slow-Media-Bewegung mit Medien wie Pro Publica und dem Bureau of Investigative Journalism entdeckt die Langsamkeit.

Silke Weber/Lisa Goldmann

Es heißt, dass Journalismus immer schneller werden muss. Die Vertreter der Slow-Media-Bewegung widersprechen. Gerade in Zeiten, in denen die Nachricht den Nutzer rasant erreicht, liege die Zukunft des Qualitätsjournalismus in der Entschleunigung. Doch fehlen dafür oft Zeit und Geld. Medien wie Pro Publica, The Bureau of Investigative Journalism und Kontext wollen zeigen, wie es geht.

„Es ist nicht der Journalismus, der immer schneller wird, sondern die technisch beschleunigten Medien wie das Internet“, sagt Michael Haller, Journalist und Medienwissenschaftler. Der Journalismus unterwerfe sich diesem Geschwindigkeitshype. „Dadurch gerät er oft in einen Wertekonflikt: Schnelligkeit oder Richtigkeit.“

Nicht alle machen das Wettrennen mit. Unter dem Stichwort „Slow Media“ fordern Journalisten und Konsumenten nachhaltigen Journalismus: Tiefgehende Recherchen, fundierte Analysen und Zusammenhänge sowie mehr Zeit beim Lesen.

Slow Media ist ein Kampfbegriff gegen Maschinen-Journalismus wie etwa Google News. „Das ganz Schnelle ist einfach kein Journalismus mehr“, sagt Benedikt Köhler, einer der Verfasser des Slow Media Manifests, ein Plädoyer für entschleunigten Journalismus. „Die Nachricht muss so schnell wie möglich raus, für die Hintergründe muss man sich mehr Zeit lassen“, sagt Köhler. Der Journalismus dürfe nicht der Schnelligkeit des Internet hinterherhecheln – „dann hat er keinen Bestand“.

Doch Zeit kostet Geld. Geld, das in vielen Medienhäusern zunehmend knapp wird. Personalabbau ist die Folge. Besonders der recherchierende und investigative Journalismus leidet unter den finanziellen Restriktionen. Die Pulitzerpreis gekrönte Organisation Pro Publica in den USA beweist, dass es trotzdem geht. Bei Pro Publica arbeiten 32 Journalisten, mehr als doppelt so viele wie für die investigative Recherche bei der „New York Times“. „Unsere Reporter haben nicht nur das Wissen, sondern auch die Zeit für die Recherche“, sagt Mike Webb, Pressesprecher von Pro Publica. Recherchen können bis zu einem Jahr dauern. Die teuerste kostete 400 000 Dollar. Die Organisation arbeitete im Jahr 2010 mit mehr als 40 verschiedenen Medien an etwa 100 wesentlichen Geschichten. Bezahlt werden die aufwendigen Recherchen durch Spenden: Die Immobilienmilliardäre Herbert und Marion Sandler haben einen Fond eingerichtet, der Pro Publica jedes Jahr zehn Millionen Dollar zur Verfügung stellt.

Lange galt Pro Publica als amerikanischer Sonderling. Doch seit 2010 gibt es das Modell auch in Europa. Das Londoner The Bureau of Investigative Journalism (TBIJ) wird von der Potter Foundation finanziert. Das Ehepaar Elaine und David Potter stiftete dem Bureau 2,3 Millionen Euro. „Wir machen die Arbeit, die die etablierten Medien nicht mehr machen, weil sie es sich nicht leisten können oder glauben, es bestehe dafür kein Bedarf“, sagt Iain Overton, Redaktionsleiter des TBIJ. Der Non-Profit-Newsdesk kooperiert mit anderen Medien wie „Financial Times“, BBC oder Al Dschasira.

Auch in Deutschland wären solche Stiftungen wünschenswert. Doch anders als in den USA gibt es hierzulande kein Wohltätigkeitsbewusstsein für Journalismus. Im Kleinen geht es aber doch: „Wir sind Pro Publica für Arme“, sagt Josef-Otto Freudenreich, Gründer von Kontext. Die Online-Zeitung steht für kritischen und langsamen Journalismus. Für 2011 hat Freudenreich 200 000 Euro bei Stuttgarter Bürgern gesammelt. Er will raus aus dem immer gleichen Nachrichtenstrom, denn auch der Leser sei mit dem gehetzten Journalismus unzufrieden, sagt Freundreich: „Wir sind deshalb nicht nur für Slow Media, sondern auch für Slow Read.“ Silke Weber/Lisa Goldmann

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